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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-05-10 · Heft 19 (10.5.1888) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 19 (10.5.1888)
Date
1888-05-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Cm unparteiisches Organ sür alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig 7'/". in Bonn. Gzepeöitron: Leipzig» Woßplach 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichsallS an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 10. Mai 1888. Nr. 19. Inhalt. Leitende Artikel: Schlagwörter unserer Zeit. XI. XII«— Die Verfassung des Volkes Israel. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin. Dresden, Bamberg, Marburg, Meiningen. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Belgien: Brüssel. — Italien: Rom. — Rußland: London, Von der russischen Grenze, Petersburg, Ans Finnland. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Die Schöpfungstage. Bonn, den 6. Mai. Schlagwörter unserer Zeit. XI. XII. „Individualismus!" „Socialismus!" Diese beiden Anschauungen oder vielmehr Principien stehen sich in der Theorie wie in der Praxis unsrer Zeit schroff gegenüber, bekämpfen sich auf Tod und Leben. Um so mehr sind wir verpflichtet, uns über dieselben klar zu werden. Doch bemerken wir gleich im Voraus, daß wir hier „Socialismus" nicht in dem Sinne jenes abgeschlossenen Systems verstehen, dessen Ausflüsse die Socialdemokratie, der Nihilismus, die Anarchie sind. Was bedeuten nun jene beiden Principien? Der Individualismus sieht die Existenzberechtigung des Individuums nur in seiner Individualität, in seiner Eigenart, und dessen Aufgabe und Bestimmung in der Entwickelung und Verwendung seiner Kräfte, seiner besonderen Eigenschaften. Für ihn ist deshalb die persönliche Freiheit das höchste Gut und das höchste Recht des Individuums, von welchem er nur das aufzugeben die Pflicht hat, was zum Bestände der Gesellschaft unumgänglich nothwendig ist. Ihm allein gehören deshalb die Verwendung seiner Kräfte, seine Leistungen, seine Produkte. Das gerade Gegentheil behauptet der Socialismus. Das Individuum, meint er, könne nur in der Gesellschaft bestehen, nur in ihr seine Kräfte ausbilden, verwenden, und damit Leistungen erzielen. Deshalb habe das Individuum das Recht zu existiren nur durch die Gesellschaft, die Stellung allein einzunehmen, welche die Gesellschaft ihm anweist, und nur die Leistungen zu vollziehen und die Produkte sich anzueignen, welche die Gesellschaft ihm zuweist; von persönlicher Freiheit und persönlichem Rechte könne daher gar nicht die Rede sein: das Individuum schulde Alles der Gesellschaft, hänge deshalb von dieser ab und dürfe nur genießen, was diese ihm zugesteht. Man sieht, diese beiden Anschauungen stehen in schärfstem Gegensatz, und dennoch berufen sie sich zu ihrer Begründung auf eine und dieselbe Ursache, und ihre Consequenzen führen zu einem und demselben Schlüsse. Dies ist gewiß sehr bemerkenswerth. Der Individualismus beruft sich auf die Natur. Jedes organische Individuum, Pflanze, Thier oder Mensch, bestehe für sich allein, bilde einen abgeschlossenen Organismus, der für sich wird, besteht und vergeht. Allerdings hat es gewisse Aehnlichkeiten mit anderen Individuen und daraus macht man eine Familie, eine Art, eine Gattung, eine Klasse. Aber dieses ändert an dem Dasein des Individuums nichts, und die Natur individualisirt so sehr, daß sie die Familien, Arten, Gattungen und Klassen nicht von einander absondert, sondern überall Uebergänge geschaffen hat, in welchen die Eigenheiten der Arten sich individuell vereinigen. Und zweitens besitzt jedes Individuum Eigenschaften, die ihm allein eigen sind, im Menschen ausgesprochene leibliche und geistige Eigenschaften. Mit Recht sagt man, daß an demselben Baume kein Blatt dem anderen gleich sei, jedes unterscheidet sich vom anderen in Größe, Gestalt, Farbe, Geäder u. s. w. Das Individuelle ist deshalb der eigentliche Inhalt der Existenz, und zwar is 3

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