Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1888)
- Date
- 1888-05-03
- Page
- Seite 283 (sequence 11)
- Language
- German
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283 Rumänien. Bukarest, 20. April. (Privatmitth.) Man wird es uns nicht verdenken, wenn wir bei den stürmischen Vorgängen in Rumänien auch unsrerseits verweilen. Wenn in diesem Lande seit Jahrzehnten die Juden aufs Aeußerste verfolgt und mißhandelt, zum Theil ausgetrieben oder zur Auswanderung gezwungen werden, so kennt man ja die Neigung der christlichen Welt, den Juden selbst die Schuld aufzubürden. Jetzt zeigt es sich aber, von welchem moralischen Charakter und von welcher politischen und sozialen Wirksamkeit die jetzt herrschenden Kreise in Rumänien sind. Zuerst die Aufstände gegen das vielberühmte Ministerium Johann Bratiauo's, welche den König nöthigten, sich von diesem fähigen und arbeitskräftigen, aber einseitigen und parteiischen Mann ohne alle gründliche Sach- und Fachkenntniß endlich zu trennen und den ruhigeren parteilosen Rosetti zu berufen. Dann aber die Bauernunruhen, wenn man die kleinen Kossätten mit diesem Namen benennen darf. In diesen, noch immer nicht bewältigten Unruhen, deren die Regierung nur durch Verwendung zahlreicher Truppen Herr werden kann, ist das Wort Jude noch niemals vorgekommen. Wenn die deutschen Antisemiten immer wieder mit der Behauptung kommen, daß der Nothstand der Landwirtschaft zum großen Theile vom Wucher der Juden verursacht werde, eine Behauptung, die durch die nachdrücklichsten Widerlegungen als lügnerisch bezeichnet worden, so geben die Bauernaufstände in Rumänien für dieses Land ebenfalls den vollsten Beweis. Wo sind hier die Juden als „Ausbeuter, Blutegel der Bauern"? Nirgends. Die Aufständischen wenden ihre Klagen und ihre Gewalttätigkeiten gegen die Großgrundbesitzer und die Beamten. Die ersteren machen die Bauern für erbärmliche Stücke Landes geradezu zu ihren Sklaven, denen sie jedoch in der Zeit der Noth jede Unterstützung versagen. Die Beamten aber machen sich der gröbsten Bestechungen und Unterschlagungen schuldig, wenigstens wie die Bauern bebaupten, um ihre Macht den Grundbesitzern zu gewähren. Es ist kein Zweifel, daß, sobald die Regierung die Waffen gebraucht, die Bauern sich zerstreuen und ruhig werden. Damit sind aber die Schäden nicht geheilt und falls die Gesetzgebung nicht an Mitteln denkt, um den Leiden des Volkes abzuhelfen, wird das Uebel immer weiter wuchern, bis es zuletzt zu allgemeinem Ausbruch kommt. Die bisherige Regierung hat das Gegentheil gethan, und schon empfinden viele Städte den Verlust an thätigen Bewohnern durch die Vertreibung der Juden. Der Verkehr stockt, der Handel liegt darnieder und entbehrt der befruchtenden Kräfte. Türkei. Konstantinopel, II. April. Als in Rußland und Rumänien die Judenverfolgungen im Schwange waren, strömten aus diesen Staaten viele israelitische Auswanderer nach der Türkei. Die ottomanische Regierung besorgte, daß alle diese Elemente sich nach Palästina wenden könnten, und daß dadurch der Charakter dieser Provinz verändert würde, und sie verfügte daher, daß den jüdischen Flüchtlingen die Niederlassung in allen Theilen des türkischen Reiches mit Ausnahme Jerusalems, gestattet sein soll; in Jerusalem selbst dürften sich fremde Juden nicht länger als einen Monat aufhalten. Erst als es bekannt wurde, daß Sir A. W. White formelle Einwendungen erhoben habe, schloß sich der französische Vertreter seinem Schritte an, worauf die Pforte ihre erste Verfügung dahin modificirte, daß sie fremden Juden einen dreimonatlichen Aufenthalt in Jerusalem gestatten wolle. Auch dies befriedigte aber den britischen Vertreter nicht, welcher chen türkischen Behörden das Recht abspricht, britische Unterthanen nach ihrer Confession zu befragen, wie er es auch nicht zulassen will, daß Engländer je nach dem Glauben einer verschiedenen Behandlung ansgesetzt sein sollen. Sir A. W. White hat von diesen seinen Einwendungen das Londoner Foreign Office verständigt. Letzteres erkennt die Berechtigung der türkischerseits gegen eine MassenEinwanderung von Juden gehegten Bedenken an, spricht sich aber gegen jede unnöthige Belästigung der Reisenden aus. (Bei der Beschaffenheit der türkischen Behörden ist ein dreimonatlicher Aufenthalt so ziemlich der Niederlassung gleichbedeutend. R e d a c t.) Salonichi, im März. Eine räuberische Bande versuchte einem hiesigen israelitischen Bankier eine Summe von 120,000 Frcs. durch Drohungen abzupreffen. Sie wurden größtentheils verhaftet. Sich zu rächen, verbreiteten sie das Gerücht, die Juden hätten zu Ostern einen Christenknaben geschlachtet. Der griechische Pöbel gerieth in Aufregung; die Behörden, aufgefordert von den europäischen Konsuln, ergriffen Maßregeln — da fand sich der Knabe wieder. Was sehr zu bedauern, ist, daß der griechische Erzbischof sich bei dieser Gelegenheit sehr zweideutig benahm, was allgemeine Entrüstung hervorgernfen hat. (Nach dem Arch. isr.) Palästina. Kolonie Jeßod hamaaleh am See Merem, am ersten Mitteltage von Peßach. Wir erhalten aus dieser Colonie das Ersuchen, ein Dankschreiben an den Esra-Berein in Berlin zu veröffentlichen. Es lautet in wortgetreuer Ueber> setzung aus dem Hebräischen: Theure Brüder, Freunde Zions, Mitglieder des edlen „Esra Vereins"! Vernehmet den Ruf Eurer Brüder, der aus der Ferne zu Euch dringt. Diesmal ist es nicht der Ruf der Leidenden und Unglücklichen, sondern des Dankes und Segens, der 18*