Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1888)
- Date
- 1888-05-03
- Page
- Seite 282 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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282 fremder Mächte ein. Herr v. Goldschmidt hatte nämlich in Folge seiner Stellung im Hause Rothschild auch öfters diplomatische Missionen. Bor dem Kriege 1866 wollte der König Victor Emanuel dem Kaiser Franz Josef eine Geldentschädigung für Venezien geben. Die betreffenden Unterhandlungen leitete Herr v. Goldschmidt, der Kaiser von Oesterreich wollte jedoch auf diesen Antrag nicht eingehen. Er erklärte, Oesterreich könne in einem unglücklichen Kriege eine Provinz verlieren; es wird jedoch nie einen Handel mit einer Provinz treiben. Die Herren Prediger Dr. Jellinek und Güdemann legten in ihren Predigten am ersten Passatage der Gemeinde nahe, sich mit Spenden für das zum Andenken an die 40jährige Regierung unseres Kaisers, am 2. December a. e., zu erbauende Altersversorgungshaus zu betheiligen. Es ist die Hoffnung berechtigt, daß es ein würdiges Denkmal werden wird. Das Abgeordnetenhaus hat eine 24gliedrige Commission behufs Berathung des vom Herrenhause eingelangten Gesetzentwurfes, betreffend die Regelung der äußern Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft eingesetzt. In dieser Commission befindet sich der ehemalige langjährige Referent in Judenangelegenheiten im Ministerium für Cultus und Untericht, Herr Ministerialrath Eduard Ritter v. Gnievocz, von dem der erste diesbezügliche Entwurf verfaßt wurde, über den seiner Zeit, im Jahre 1881, die Enquote berathen hatte. Es ist das ein Mann von großer Fachkenntniß und vielen Erfahrungen, der der Sache stets das größte Wohlwollen entgegenbrachte. Außer diesem befinden sich folgende Herren israelitischer Confession in dem Ausschüsse: Dr. Bloch, Dr. Rosenstock, Leopold Pollak und Ritter v. Gomperz. Wien, 20. April. Das Reichsgericht erkannte auf Abweisung der Beschwerde der antisemitischen Kommunal-Mittelschul'Profefforen und Abgeordneten Fliegt, Fuß, Krauß und Steinwender gegen den Erlaß des Unterrichtsministers wegen der Verletzung der Kompatibilität des Lehramtes mit dem Reichsrathsmandat. Jägerndorf, 8. April. Die Lehrerschaft des Schulbezirkes Jägerndorf hat gegen den Antisemitismus Stellung genommen, indem sie, wie die „Silesia" meldet, in einer General-Versammlung des Bezirks-Lehrervereins die nachstehende Resolution beschloß: „Die Versammlung erachtet es als eine Pflicht des Lehrstandes, den Antisemitismus im Wege der Aufklärung zu bekämpfen, denn die Antisemiten sind nicht national, sondern clerical - confessionell, sie sind Feinde der Nation, weil sie nicht deren Aufklärung, sondern deren Verdummung befördern helfen; wer national sein will und es mit dem Volke und dessen Wohlfahrt ehrlich meint, wird nie auch nur den leisen Wunsch nach confessionell zugestutzter Geisteskost für das Volk laut werden lassen; der Antisemitismus ist unpatriotisch, weil er das heimische Staatswesen untergräbt, das Volk am Glauben an die Staatsgewalt und das Staatsziel irremacht; der Antisemitismus ist mit dem wirthschaftlichen Leben und mit der gedeihlichen Lösung der gegenwärtigen socialen Fragen unvereinbar, weil er dem Volke die Augen über seine wahre Lage und deren wahre Ursache, nämlich zu geringen geistigen Fortschritt, daher auch verminderte Produetions- und Concurrenzfähigkeit nicht öffnet; der Antisemitismus widerstreitet dem ethischen Gefühle jedes freidenkenden Gebildeten, der im Menschen eben den Menschen anerkennt." Rußland. Odessa, in, April. In jüngster Zeit brachten englische Blätter wiederholt Nachrichten über große Ausweisungen „ausländischer" Juden aus Odessa und anderen russischen Orten und Kreisen. Gerade di« Größe der Zahlen erweist, daß von „ausländischen" Juden gar nicht die Rede sein! kann, sondern daß es sich um russische Juden handelt, welche das Recht der Niederlassung an den betreffenden Orten nicht hatten. Man will sie wieder in die altpolnischen Bezirke zurücktreiben, wo sie dem Elend zum Opfer fallen. Die angegebenen Zahlen haben keine Garantie für sich, die Thatsache der Ausweisungen läßt sich wohl nicht bezweifeln. So heißt es in einer Londoner Depesche vom 18. April: „Aus Odessa wird gemeldet, daß der Generalgouverneur die Aus- 1 Weisung von 4000 ausländischen Juden aus Cherson an-!geordnet habe." Wo sollen die viertausend „ausländische" Juden hergekommen sein? Odessa, im April. Zur Ausweisung ausländischer Juden aus Odessa schreibt die „Od. Z." vom 12. d. M. Folgendes: Vor einigen Tagen wandte sich die Cherssoner Reichsrente! an das Odessaer Steueramt mit dem Ersuchen, Mittheilung zu machen, wieviel ausländische Juden zur Zeit in der Stadt wohnhaft sind. Das Steueramt forderte seinerseits die Polizei aus, genaue Daten über die sich in Odessa aufhaltenden ausländischen Juden aufzugeben. Bon derselben wurde nun konstatirt, daß gegenwärtig ca. 2000 ausländische Juden auf Pässe hin in Odessa leben, welche laut Gesetz nicht das Recht haben, sich längere Zeit in der Stadt aufzuhalten. In Folge dessen ist nun Vielen der Aufenthaltspaß abgenommen und ein Reisepaß ins Ausland ertheilt worden, mit der Weisung, die Stadt binnen einer Woche zu verlassen. Aus dem Geschäft von S. R. auf der Uspenskaja- Straße wurden dieser Tage allein sechs Juden ausgewiese». (Die früheren Zahlenangaben von 10,000 Familien waren also, wie wir gleich bemerkten, übertrieben, doch das Schicksal der Ausgewiesenen ist schlimm genug.)