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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-05-03 · Heft 18 (3.5.1888) · p. Seite 281

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 18 (3.5.1888)
Date
1888-05-03
Page
Seite 281 (sequence 9)
Language
German
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281 Bildung einer eigenen Synagogengemeinde in Aussicht gestellt, und es wird sich fragen, ob diese die Nothwendigkeit und Zweckmäßigkeit anerkennen werden, zumal nach zuverlässigen Nachrichten die Synagoge am Freitag Abend Mangels Besuch geschlossen bleibt und auch der Sonnabend-Gottesdienst wiederholt Mangels Theilnahme ausgefallen ist. Die Religionsschule wird nur von 8 Kindern besucht. Marburg, 16. April. Gestern Mittag 4 Uhr fand dahier im Saalbau eine antisemitische Volksversammlung statt, zu welcher mittels an den Straßen angehefteter Plakate, die jedoch gestern Morgen sämmlich abgerissen waren, eingeladen war. In dieser Versammlung erstattete der Reichstags-Abgeordnete Dr. Böckel über seine parlamentarische Thätigkeit Bericht. Der Bericht enthielt eine Glorifizirung seiner bekannten Heldenthaten, gewürzt mit Ausfällen auf das Judenthum, die jüdische Presse und das Verhalten der konservativen Presse, namentlich der hiesigen „Oberhess. Zeitung". Die Versammlung war von der Landbevölkerung der Umgegend gut, von hier jedoch schlecht besucht. Aus dem Reichslande, im April. Das israelitische Consistorium des Ober-Elsaß hat durch Circulair allen Rabbinern und Vorbetern aufgegeben, fortan in ihren Schriftstücken sich allein der deutschen Sprache zu bedienen. Oesterreich-Ungarn. Wien, im April. Schönerer hat vier Reden als Broschüre „Deutschthum und Judenthum in der Ostmark" — in Marburg (Hessen) durch Böckel erscheinen lassen—Beweis für die Verbindung dieser beiden, ihrer würdigen Männer. Die Broschüre ist zuerst in Deutschland, nun auch in Oesterreich mit Beschlag belegt worden. Schönerer appellirte dagegen, wurde aber vom Oberlandesgericht zurückgewiesen, da die Schrift gegen die gesetzliche Ordnung verstoße und die Aufreizung zu gewalthätigem Vorgehen gegen eine Bolksklasse enthalte. — Wien, im April. (Privatmitth.) Das „Wiener Bet-Ha- Midrasch" hat seinen Bericht für das Jahr 1887 ausgegeben. Die Anstalt wird am 24. Nov. d. I. ihren 25. Bestand feiern. Bis jetzt ist dieses Bet-Ha-Midrasch in Wien die einzige Stätte der jüdischen Wissenschaft. An jener Eröffnung betheiligten sich durch Reden noch der fei Prediger Mannheimer und der sel. Rabbiner Lazar Horwitz. Ununterbrochen wirkte für denselben im Vorstande Dr. A. Jellinek. Ueber die Wirksamkeit des Bet-ha-Midrasch in diesem Vierteljahrhundert läßt sich die Einleitung des Berichtes folgendermaßen aus. Das Bet-ha-Midrasch hat durch sein Bestehen vor Allem die Aufmerksamkeit innerhalb der Wiener Cultusgemeinde auf die hohe Bedeutung der jüdischen Wissenschaft gelenkt und ihr zum Bewußtsein gebracht, daß die Pflege der Thora j einen Cardinalpunkt im Judenthum bildet, daß es nicht ge-; nüge, melodische Chöre in den Bethäusern anzustimmen und Wohlthätigkeitsvereine für verschiedene Zwecke zu erhalten, sondern daß man auch das Feld der Thora selbst anbauen oder durch Andere bestellen lassen müsse, damit es nicht an Frucht und Nahrung für den Geist und an immer tieferer Kenntniß des Fudenthums fehle. Es war daher eine Ehrensache für die Wiener Cultusgemeinde, daß in ihrer Mitte eine Anstalt sich erhebe, wo Vorträge über die verschiedenen Fächer der jüdischen Wissenschaft und Literatur von berufenen Männern gehalten werden, an jedem Sabbath Mitglieder der Cultusgemeinde sich einfinden, um die Erläuterung der Tages -Parascha durch ein tieferes Eindringen in den Geist der Thora anzuhören und eine große Bibliothek der allgemeinen öffentlichen Benutzung offen stehe. Diesen Anforderungen suchte das Bet-ha-Midrasch seit einem Vierteljahrhundert zu genügen. — Die regelmäßigen Vorlesungen wurden von Herrn I. A. Weiß und Herrn Friedmann gehalten. Die Einnahmen betrugen 3858 fl., von welchen für 200 sl. Effekten gekauft wurden. Das Vermögen der Anstalt besteht aus fl. 42,950. Der Verein zählt 118 Mitglieder, welche 891 Beiträge zahlten. Spenden und Zinsen füllten den übrigen Betrag der Einnahmen aus. Es ist also vorzugsweise der gute Wille Einzelner, welche diese im ganzen cisleithanischen Oesterreich einzige Lehranstalt der jüdisch-theologischen Wissenschaft erhält, und wir sind überzeugt, daß dieser gute Wille nicht abnehmen, sondern sich stärken werde. — Am 4. Mai findet der Prozeß Schönerer statt. Wir sind dabei nur mittelbar interessirt, da es sich um die groben Exeesse handelt, die der edle Ritter begangen hat. Wien, 20. April. (Privatmitth.) Es fällt mir nicht im Entferntesten ein, die Regierung für den Antisemitismus verantwortlich zu machen. Er mag ihr nach einer Richtung hin nicht ungelegen gewesen sein, da derselbe eine Spaltung in der Opposition unter den Deutschen hervorgerufen hat; aber billigen wird sie denselben gewiß nicht. Es zeigen sich jedoch die Folgen, die die Agitationen Schönerer^ bewirkt haben. Die antisemitischen Studirenden sehen in Oesterreich nicht mehr ihr Vaterland. Wir wissen nicht, wie sie es mit dem jetzigen deutschen Kaiser, dem Gott die Gesundheit wiedergeben möge, halten; aber sie gravitiren nach Deutschland und sehen den Fürsten Bismarck als den Obergott an. In solcher Weise kommt es, daß in jüngster Zeit mehrere Studenten relegirt wurden und in den letzten Tagen ein Student in Graz zu einer Kerkerstrafe verurtheilt wurde. Die Regierung wird einen Schritt thun müssen, um das gefährdete Oesterreich von inneren Feinden zu befreien. Bei Gelegenheit des Hinscheidens des Herrn Moritz Ritter v. Goldschmidl bewiesen b? der Familie des Dahingeschiedenen ihre Theilnahme. Beim Leichenbegängnisse fanden sich auch mehrere Gesandte und Botschafter 18

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