Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1888)
- Date
- 1888-05-03
- Page
- Seite 280 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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280 Deutschland. Berlin, 20. April. (Privatmitth.) Es versteht sich von selbst, daß gegenwärtig alle Gemüther von der immer drohender werdenden Krankheit des Kaisers eingenommen und bewegt sind. War die Liebe und die Verehrung, die ihm schon als Kronprinzen entgegengebracht wurde, aufrichtig und groß, so haben sich diese Gefühle durch das schwere Geschick, das den erlauchten Herrn betroffen, sowie durch seine ersten Regicrungshandlungen nur immerfort gestärkt. Die Stimmung ist daher allgemein eine sehr gedrückte und man sieht recht düster in die Zukunft hinaus. Allein solchem Pessimismus darf man sich nicht hingeben; er entnervt und lähmt alle Kraft. Gerade jetzt, wo sich wieder einmal offenbart, daß die Geschicke nicht nach menschlicher Voraussicht sich abspielen, sondern nach einer höheren Fügung, darf man solchen trüben Voraussetzungen nicht folgen. Nun, wir Aelteren haben ja schon Alles erlebt, was man in politischer Beziehung erleben kann. Wir haben wiederholt die Herrschaft der Reaktion zu ertragen gehabt und schwere blutige Kriege bestanden. Mitten durch diese Reactionen und Kriege hindurch sind wir fortgeschritten und vermögen die erfreulichen Folgen aller dieser Kämpfe aufzuzählen. Was also kommen mag, mit muthiger Stirn und kaltem Blute ihm entgegengehen — vor allem aber aufs Treueste und Gewissenhafteste alle Pflichten des Bürgers erfüllen, daß unsre Thaten stets ein Zeugniß geben gegen Jeden, der uns angreift, gegen jedes Vorurtheil, das sich verlautbar machen will! — Die „Franks. Ztg." in ihrer Nr. vom 22. April enthält folgenden Passus: „Wir wußten schon vor einiger Zeit, daß der Kaiser sich drei Tage lang geweigert hat, das Gesetz über die Verlängerung der Legislaturperioden im Reich zu vollziehen, und daß dies einer der Vorgänge war, die zur sogenannten Kanzlerkrisis mit beigetragen haben. Da diese Thatsache jetzt auch in parlamentarischen Kreisen erzählt wird, haben wir auch keinen Grund mehr, sie zu verschweigen. Wir können auch mittheilen, daß der Kaiser zur selben Zeit sehr bestimmte Wünsche in Bezug auf Herrn Hofprediger Stöcker geäußert hat. Das Bild von den politischen Anschauungen und Absichten des von so schwerem Geschick bedrohten Monarchen erfährt dadurch eine Vervollständigung." Berlin, 22. April. (Privatmitth.) Das Curatoriiiin der „Lehranstalt (Hochschule) für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin" hat einen 6. Bericht ausgegeben, welchem eine Abhandlung des Dr. David Cassel vorangeht: „Joses Karo und das Maggid Mescharim", worüber Sie wohl an einer anderen Stelle berichten. Die Zahl der Hörer betrug im Sommersemester 1887 22, im Wintersemester 1887/88 25. Die Anstalt hat einen trefflichen Dozenten durch den Tod des Dr. P. Frankl verloren, an dessen Stelle Dr, Maybaum trat, so daß das Lehrercollegium jetzt ans Dr. Cassel, Dr. Maybaum, Dr. Joel Müller und Prof. Dr. Steinthal besteht. An Einnahmen hatte die Anstalt M. 14,519, von welchen für M. 146 Effekten gekauft und M. 918 als Kassenbestand verblieben. Das Vermögen der Anstalt besteht gegenwärtig aus M. 122,333. Es geht daraus hervor, daß die jährlichen Beiträge noch immer den Hauptposten der Einnahmen ausmachen, und zwar im verflossenen Jahre mit M. 7197. Es wäre daher wünschenswerth, sowohl daß diese Jahresbeiträge sich mehrten, als auch die Spenden zum Fond reichlicher flössen. Die Stipendienkasse, ein so überaus nothwendiges Element der Anstalt, hatte an Einnahmen M. 4414, wovon Kassenbestand blieben M. 1346. Im Laufe des Jahres erhielten nach sorgfältiger Prüfung zwei Hörer das Rabbinerdiplvm. — Man wird sich erinnern, daß cs „die Grenzboten", das Organ Treitschke's, waren, welche der antisemitischen Hetze zu Hilfe kam, und in den gegen die Juden gehässigsten Artikeln ihr zum Ausdruck verhalfen. Jetzt zeichnet sich diese Zeitschrift durch Artikel aus, welche gegen Mitglieder des kaiserlichen Hauses die nachtheiligsten und verletzendsten Urtheile aussprechen. Wir haben hier nicht näher darauf einzugehen, aber sie charakterisiren doch den Patriotismus und die Königstreue, welche von dieser Partei stets so außerordentlich betont und als ihre eigenste Domäne in Anspruch genommen werden. Es wird hier der sittliche Standpunkt offenbar, welchen diese Leute einnehmen, und von hier aus wird auch ein Helles Licht auf ihre Angriffe gegen Judenthum und Juden geworfen. Wie lange werden die Schreiber dieses Blattes bei der deutschen Nation noch in Ansehen stehen! — Mit Bezug auf die Meldung, daß die jüdische Gemeinde Charlottenburg sich von der Berliner Gemeinde abzweigen wolle wird berichtigend bemerkt: Irgend welcher Beschluß ist nicht gefaßt, es haben vielmehr nur Vorbesprechungen stattgefunden. In diesen ist von allen Betheiligten anerkannt, daß der zu bildende Synagogenbezirk das Gebiet der Stadt Charlottenburg mit Ausschluß der in unmittelbarem Zusammenhang mit der Stadt Berlin neu gebauten Straßenzüge umfassen müsse. Irgend welche Zusage bezüglich einer Abfindungssumme ist nicht gemacht, und in dem für die Berliner Gemeinde ungünstigen Fall könnte diese Abfindung nur nach dem Verhältniß der Beiträge der Charlottenburger zu den Gesammtbeiträgen bemessen werden. Der Regierungskommissar hat die Berufung der Gemeindemitglie- >der in Charlottenburg behufs der Verhandlung über die