Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1888)
- Date
- 1888-05-03
- Page
- Seite 279 (sequence 7)
- Language
- German
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279 statt noch recht fühlbar macht, und die sich wohl auch bei anderen ähnlichen Anstalten vorfindet. Er sagt hierüber: „Es ist dies die weder in unserem Statute vorgesehene noch durch die eigenen Mittel der Anstalt zu ermöglichende Fürsorge für die aus der Anstalt entlassenen weiblichen Zöglinge in der ersten Zeit unmittelbar nach ihrer Entlassung. Während die Knaben, sei es durch den Eintritt in ein kaufmännisches Geschäft, sei es durch Eintritt als Handwerks- Lehrlinge, nur in den seltensten Fällen einer weiteren materiellen Stütze oder Obhut unsererseits bedürfen — bei ihrer Unterbringung gegen Verlängerung der Lehrzeit Stellungen mit freier Station und Kleidung ins Auge gefaßt werden können — liegt es bei den Mädchen wesentlich anders, weit schwieriger. Wenn dieselben auch bis nach vollendeter Lehrzeit für die Hauswirthschaft, eine geschäftliche Branche oder eine weibliche Handfertigkeit vollständig in der Anstalt verbleiben, so erhalten sie doch, sobald sie als Verkäuferinnen, Gehülfinnen oder Arbeiterinnen eintreten, für lange Zeit noch eine so geringe Vergütung, daß sie in der That dem äußersten Mangel und hiermit den größten Gefahren ausgesetzt sind. Erst jetzt, nachdem sie aus der Fürsorge der Anstalt, deren sie sich von zarter Kindheit an erfreut haben, entlassen worden, überkommt sie das Gefühl ihrer Verlassenheit, sind sie thatsächlich verwaist, stehen sich selbst überlassen schütz-, hüls- und rathlos der harten Existenzfrage gegenüber. Dürfen wir dem unthätig zusehen? Entspricht das der Tendenz unserer Anstalt? Genügt das unserem Herzen? Hier ist eine Lücke in dem Liebeswerke, die ausgefüllt werden muß. Hier gilt es gemeinsam eintreten, wenn nicht einem Theile unserer Zöglinge gegenüber unsere ganze Wirksamkeit eine verfehlte, unser Werk ein halbes, die auf die Zöglinge so viele Jahre hindurch verwendete Fürsorge, die hierfür verausgabten Mittel vergeudet sein sollen. Die Beschaffung eines besonderen Sparfonds, aus welchem solche aus der Anstalt entlassenen noch nicht selbständigen weiblichen Zöglinge noch eine Zeit lang den erforderlichen Zuschuß erhalten, um nicht in Roth und Versuchung zu gerathen, erscheint ebenso unabweisbar, als sie erst unsere ganze Arbeit sichernd und schützend abschließt. Andererseits bliebe hierdurch auch der Verwaltung auf die entlassenen Zöglinge, mit denen sie auf diese Weise in fortgesetzter Verbindung bleibt, ein Einfluß eingeräumt, der sicherlich von den heilsamsten Folgen für die Zukunft derselben sich erweisen müßte." Bei der großen Theilnahme, welche dieses Waisenhaus bei unseren Glaubensgenossen in Königsberg genießt, hoffen wir, daß auch für diesen Zweck sich genügende Mittel einfinden werden. Die Anstalt zählt zur Zeit 25 Zöglinge (20 Knaben und 5 Mädchen). Die Einnahmen beliefen sich auf 14,763 M., die Ausgaben auf 16,912 M., das Vermögen auf 150,255 M. in Hypotheken, Effecten und baar j I und an Grundstücken 60,575 M.— Außerdem besteht in K. ein „Frauenverein zur Unterstützung israelitischer Wittwen und! Waisen", der seinen Verwaltungsbericht über die letzten beiden Jahre ausgegeben hat. Der Verein richtet seine Fürsorge besonders aus die verschämte Armuth und führt zu diesem Zwecke alljährlich einen Wohlthätigkeitsbazar aus, welcher i stets mit gutem Erfolge gekrönt ist. Die Einnahmen betru-! gen 1886: 5852 M., 1887: 6416 M. Von diesen wurden ' 600 M. für Effecten ausgegeben, den Rest absorbirten die ' monatlichen Vertheilungen, Extravertheilungen, Lehrgelder, vertheilte Naturalien und Holz. Der eiserne Fond beträgt; 17,400 M. — Ebenso erließ der „Israelitische Verein für Krankenpflege und Beerdigung" in K. seinen Verwaltungsbericht über das Jahr 1887. Der Verein vermochte trotz der : schwierigen Zeiten den an ihn gestellten Anforderungen in gewohnter Weise zu genügen. Hochbetagten und kränklichen! Personen beiderlei Geschlechts, nämlich 35, wurden monatliche Beneficien von 6 — 10 M. ertheilt, in vorübergehenden Erkrankungen wurden Unterstützungen gewährt bis zur Höhe von monatlich 25 M. Außerdem wurden kostenfreie ärztliche! Behandlung, die Verabreichung von Medikamenten, Brunnen,! Bädern, Bandagen, Brillen, künstlichen Gliedmaßen u. s. w.! gewährt, im Ganzen 6188 M. Die Einnahmen betrugen! 9833 M., wovon bei der Sparcasse 2948 M. angelegt wurden. Der Verein besitzt ein Vermögen von 66,848 M. — Wie uns brieflich mitgetheilt wird, giebt der „Israelitische Studien-Beförderungs-Berein für West- und Ostpreußen" in diesem Jahre keinen Bericht heraus. Er hat im Jahre 1887 an Stipendien 3000 M. vertheilt. Man wird sich des schönen Bestandes und der segensreichen Wirksamkeit der Wohlthätigkeitsanstalten im Nordosten unseres Vaterlandes gewiß erfreuen. Zum Schluffe noch folgende Notiz aus Frankfurt a. M.: „Der Verein zur Verpflegung kurbedürftiger armer Israeliten in süddeutschen Bädern wurde 1885 gegründet, um während der Kurzeit in Soden armen brustkranken Israeliten deutscher Reichsangehörigkeit unentgeltliche Kost zu verabreichen. Freifrau W. C. von Rothschild stellte 1886 ein zweckmäßig eingerichtetes Haus nebst hübschem Garten zur Verfügung, in welchem 21 Frauen volle Verpflegung und 39 Männer kräftige Kost, ärztliche Behandlung und Medicin nebst Bädern erhielten. Die Constituirung zu einem eigentlichen Verein fand 1887 statt und war von solchem Erfolg begleitet, daß 34 Männer, 37 Frauen und Mädchen und 3 Kinder in 2772 Tagen verpflegt werden konnten. Die Leitung der Anstalt übernahm der nunmehr verstorbene Herr Sanitätsrath Di\ H. Köhler in Soden. An Geschenken erhielt der Verein im Jahre 1887 10,406 M., an Jahresbeiträgen 4106 M. In diesem Jahr soll der Versuch gemacht werden, auch brustleidende und skrophulöse Kinder unentgeltlich aufzunehmen.