Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1888)
- Date
- 1888-04-26
- Page
- Seite 270 (sequence 14)
- Language
- German
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270 sich doch in der Gemeinde eine ziemliche Anzahl solcher Männer und Frauen, welche ihr regelmäßig anwohnten. Freilich man kam zu derselben und ging nach ihrem Schluffe fort. Jndeß hatte und hat die Predigt den anerkannten Zweck, das Bewußtsein des Religiösen und Sittlichen in der Menge zu erhalten, das Gefühl für das Wahre und Edle immer von Neuem zu wecken und die Anhänglichkeit an Religion und Sittlichkeit zu entzünden. Sie giebt gleichsam ein lautes Zeugniß für das Wahre und Gute, für das Höhere und Ideale mitten im Gewühle des Marktes, mitten im Getriebe des Lebens ab, und dies giebt ihr einen unschätzbaren Werth. — Aber hiermit war man auch fertig. Für Gebete in deutscher Sprache hatte man keinen Sinn; wahrscheinlich strengten sie den Geist mehr an, und schließlich hörte man nicht auf sie. Nur das Gebet für König und Vaterland und höchstens die deutsche Haphthora, weiter ging man nicht. Auch das deutsche Lied vor und nach der Predigt fand keinen großen Anklang. Mit Mühe gelangte man zu einiger Streichung der übermäßig angeschwollenen Zwischengebete Pintim, Jozeroth ff. Ich erinnere mich, daß ich in den ersten Jahren meines Amtes auf die Beseitigung der Akdamoth am Schabuothfeste drang. Diese in schwerfälligster aramäischer Sprache geschriebenen Distichen waren den sämmtlichen Mitgliedern der Gemeinde unverständlich, verlängerten den so schon langen Gottesdienst am gedachten Feste und unterbrachen die Vorlesung aus der Thora vor der geöffneten Schriftrolle. Man mußte nur hören, wie bei den Responsen, diese Worte verstümmelt wurden. Damals war die durch das Gesetz vom 23. Juli 1847 bestimmte Gemeindeverfassung noch nicht eingeführt; der Vorstand war souverän und ergänzte sich selbst. Endlich willigte der regierende Vorsteher ein und das gedachte Gebet sollte wegfallen. Wie war ich nun erstaunt, als ich dennoch beim Gottesdienste die Akdamoth vortragen hörte. Am Abend zuvor war ein alter Pole bei dem Vorsteher erschienen und hatte so gewettert und geflucht, daß der Vorsteher Angst bekam und den nächtliche» Befehl erließ, welcher die Beseitigung jenes Gebetes wieder aufhob. Man wird mich fragen» warum ich solchen Erlebnisse» gegenüber nicht aut-aut gesagt und es ruhig über mich ergehen ließ? War das nicht charakterlos? Ich meine nicht! Alle andere Wirksamkeit auf die Gemüther und besonders die Jugend aufzugeben, durch ein allzu oppositionelles Verhalten die Gemüther zu erhitzen, den Zwiespalt in die Gemeinde zu tragen und sie nach Außen zu compromittiren, schien mir eine solche Kleinigkeit nicht werth. Ich sagte mir: Bleibt nur immerhin bei euren Akdamoth, beim Jekum purkan u. dgl. noch ein zehn oder zwanzig Jahre; dann werdet ihr es selbst nicht mehr wollen. So kam es auch. Es waren nicht wenige Leute in der Gemeinde, welche nur an den beiden hohen Herbstfesten die Synagoge besuchten, weder Sabbath noch Speisegesetze beobachteten, wenn sie aber in die Synagoge kamen, so wollten sie jedes Wort, jeden Nigun (Melodie) hören, wie seit ihrer Kindheit, und waren geradezu empört, wenn der Vorsänger sich irgend eine Abweichung, vielleicht, um eine schönere Melodie anzubringen, gestattete. Unter solchen Umständen mußte man Geduld haben und auf die Wirkung der Zeit rechnen, wenn man nicht die Sache des Judenthums fallen und dem sicheren Niedergang überlassen wollte. Es lag hier also keine Frage der Politik, der Stellung und Selbsterhaltung vor, sondern die Frage, ob man über solche an sich doch unbedeutende Dinge die Erhaltung und Klärung des Judenthums aufgeben wolle? Eine besondere Freudigkeit an seinem Berufe konnte allerdings der Rabbiner nicht dabei empfinden. — Ein weiteres Hinderniß auf diesem Wege war, daß die Gemeinde für solche Zwecke keine Kosten aufwenden wollte. Ich machte die verschiedensten Versuche, brachte bald einen Männerchor, einen Männer- und Frauenchor, einen Kinderchor zu Stande, aber stets fiel der Versuch nach kurzer Zeit wieder auseinander, da sich die freiwilligen Mitglieder immer wieder verloren und der Kinderchor äußerst mangelhaft blieb. Nur aus bezahlten Subjecten kann ein solcher Chor eine Dauer erhalten, und wir finden ja neuerdings in den Budgets der Gemeinden eine nicht geringe Summe dafür ausgeworfen. Aber wie gesagt, damals hatte man in der Gemeinde noch keinen Sinn dafür. Es war genug, daß man sich die Versuche gefallen ließ; waren sie wieder aufgegeben, so beklagte sich Niemand. Eigenthümlich war es, wie sich damals in kleinen Provinzialgemeinden das Verlangen nach verbessertem Gottesdienste regte. Stand eben ein intelligenter Mann an der Spitze einer solchen Duodezgemeinde, so machte er eifrige Anstrengungen. Ich hatte bei gelegentlichem Besuche derselben solche Vorgänge zu beobachten. Doch wie lange dauerte es; die Mittel fehlten, der Eifer erlosch, da der Erfolg so geringfügig war, und man kehrte zu dem alten Zustande zurück. Gewiß hat mit den Jahrzehnten die Sache des verbesserten Gottesdienstes in den deutschen Gemeinden nicht geringe Fortschritte gemacht und findet in ihnen lange nicht mehr den Widerspruch wie früher. Dennoch täusche man sich nicht, die Zahl der Gemeinden, in welchen eine wirkliche Reform des Gottesdienstes Platz gegriffen und eine dauernde Gestalt gewonnen hat, ist verhältnißmäßig noch heute keine große, obschon man überall die ursprüngliche Gestalt und Fassung des Gottesdienstes nicht antastet. — Da konnte denn der Rabbiner seine Befriedigung nur in der eifrigen Ertheilung des Religionsunterrichtes und in der Beförderung wohlthätiger Werke finden, und hierüber lassen Sie mich zum Schluffe noch einige Bemerkungen hinzufügen. (Schluß folgt.)