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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-26 · Heft 17 (26.4.1888) · p. Seite 269

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 17 (26.4.1888)
Date
1888-04-26
Page
Seite 269 (sequence 13)
Language
German
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269 der Stadt, die katholische und protestantische Geistlichkeit, der Bürgermeister nnd sämmtliche Beamte betheiligten sich an derselben. Der Entschlafene, der sich einer angesehenen socialen Stellung erfreute, hatte ein reiches Wissen auf religiösem und literarischem Gebiete, war ein Kenner und Förderer der jüdischen Literatur und betheiligte sich lebhaft in Wort und Schrift an dem Kampfe für die Gleichberechtigung unserer Glaubensgenossen in Preußen. In seinen Geschäften äußerst rechtlich und gerade, unabhängig und freimütig, konnte er durch sein eigenes Beispiel am wirksamsten für das gekränkte Recht thätig sein. Dabei hatte er die Gabe, zur und populär zu reden und zu schreiben, denn schon vor mehr als 60 Jahren, als das Bildungsbedürfniß noch nicht so allgemein war, besuchte er die Realschule in Trier und arbeitete durch ununterbrochenes Selbststudium bis in das höchste Alter an seiner eigenen Vervollkommnung. Er förderte die religiösen Interessen der jüdischen Gemeinde durch den Neubau der Synagoge, der hauptsächlich durch seine opferfreudige Bemühung zu Stande kam. Am 5. April ist er nun wohlvorbereitet und nach langen in Geduld ertragenen Leiden im Alter von 74^ Jahren sanft entschlafen. Bei der am 8. d. M. stattgefundenen Beerdigung hielt vor Abgang nach dem ein und eine halbe Stunde entfernten Friedhof vor dem Hause des Entschlafenen der Neffe des Verstorbenen, Herr Dr. Blumenstein, Rabbiner in Luxemburg, die Leichenrede. Ankuüpfcnd an die Psalmenworte: „Schön warst Du vor Ieuil Aus -er Praxis. Von L. S. IV. Sie wundern sich, daß ich in meinen bescheidenen Mittheilungen noch gar nichts über die eigentlichen Aufgaben des neueren Rabbiners gesprochen habe: den Gottesdienst und den Religionsunterricht. Allerdings, das, was die Hauptbeschäftigung außer dem Talmudstudium für den früheren Rabbiner ausmachte, die Beantwortung von Ritualfragen, nahm auch bei mir von Jahr zu Jahr mehr ab. Diese Schaaloth, ausgenommen in Angelegenheiten des Eherechts — denn das jüdische Eherecht blieb auch, da die Trauung noch allein ein cultueller Act war, neben dem staatlichen bestehen, wie das kanonische für die Katholiken — diese Schaaloth, sage ich, verloren sich immer mehr. Ich dachte bisweilen an jene Anekdote, wo ein alter Rabbiner einer sehr reformistisch gesinnten Gemeinde einen Ruf nach einer Provinzialstadt mit einer streng orthodoxen Gemeinde annahm. Die Vorsteher fragten ihn: „Aber, Rebbe, warum gehen Sie denn aus unsrer großen Stadt nach einem so kleinen Orte?" Der Rabbi antwortete lächelnd:' „Weil dies die erste Schaalah Menschenkindern, Huld war ausgegoffen über Deine Lippen, darum hat Dich Gott ewiglich gesegnet," entwickelte der Redner ein interessantes Lebens- und Charakterbild, in welchem er die Befähigung und das Wirken des Enschlafenen in beredten Worten schilderte. Während der Rede und der ganzen Feierlichkeit herrschte unter der nach Hunderten zählenden Menge, die auch den Leichenzug auf eine große Strecke Weges begleitete, eine feierliche Stille. Der Verstorbene hat letztwillig verschiedene Anstalten, wie der Allianz in Paris, dem Paderborner Waisenhause und dem Lehrerseminar in Münster, Legate vermacht und seine Kinder ermahnt, unserer heiligen Religion und den Anordnungen unserer großen Religionslehrer immer treu zu bleiben. — Aus Wien wird geschrieben: Der Gemeinderath der Stadt Wien hat beschlossen, eine in 5 Gemeindebezirke, Margarethen, neueröffnete Gasse nach Leopold Kompert mit dem Namen „Kompertgasse" zu bezeichne». — Aus Pest wird uns mitgetheilt: Für die in diesem Frühjahr durch Wasser und Feuer in Ungarn Geschädigten hat Baron Moritz von Hirsch 40000 Gulden bestimmt. — In der isracl. Gemeinde Theresiopel fand kürzlich unter lebhafter Betheiligung die Wahl der Gemeinderepräsentanten statt, bei welcher Gelegenheit die Canditaten der Fortschrittspartei durchgehends mit großer Majorität gewählt wurden. — Bei der am 8. d. M. in Nikolsburg stattgefundenen Cultuswahl hat die Fortschrittspartei trotz der von den Conservativen gemachten Anstrengungen einen glänzenden Sieg errungen. — 1 c t o n. ist, die hier an mich gerichtet wird." — Was nun den Gottesdienst betrifft, so war der jüngere Rabbiner in einer eigenthümlichen Lage. Die Verbesserung des Gottesdienstes lag gleichsam in der Lust. Die Rabbinerversammlungen waren abgehaltcn; aber die Theilnehmer derselben, die dort so tapfer reformirten, sobald sie nach Hause kamen, ließen Alles beim Alten. Die jüdischen Gemeinden waren und sind als solche sehr konservativ. Vielleicht war die Mehrzahl der Gemeindemitglieder gottesdienstlichen Neuerungen nicht geradezu entgegen. Die früher herrschende Meinung, daß jede Veränderung im Gottesdienste eine Uebertretung des Gesetzes, eine Sünde wäre, hatte sich allmälig verloren. Man setzte auch bei dem jungen Rabbiner die Neigung zur Verbesserung des Gottesdienstes voraus. Dennoch aber fehlte das rechte Bedürfniß und die Empfänglichkeit. Die Wucht der Gewohnheit hielt zurück. Die deutsche Predigt hatte sich völlig eingebürgert, und man hätte sie schwerlich wieder aufgegeben. Selbstverständlich verlor auch sie den Reiz der Neuheit; dafür wurde sie ebenfalls zur Gewohnheit, die man sich nicht hätte nehmen lassen. War auch die Synagoge nur an den hohen Festtagen von Besuchern angefüllt, so bildete

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