Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1888)
- Date
- 1888-04-26
- Page
- Seite 267 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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267 sendet einen Subscriptionsbogen für die Schrift, die sie am 1. Mai erscheinen lassen will: Meyer et Isaac Moeurs juives d’aprös E. Orgesjho par Victor Tissot. Mit 26 großen Illustrationen von Andriolli. Nach der Ankündigung verfolgt das Buch einen judenfreundlichen Zweck. Es heißt da.- „Meyer und Isaak" ist mehr eine Sittenstudie als ein eigentlicher Roman. Die Handlung geht in Polen vor sich, in einer kleinen, fast gänzlich jüdischen Stadt, wo die alten jüdischen Gebräuche, die Traditionen der Vergangenheit unberührt erhalten und von Geschlecht zu Geschlecht getreulich überliefert worden. Die Juden der Sympathie und des Interesses würdig zeigen, sie als gute, cdelmüthige, wohlthätige, rechtschaffene, in ihrem Glauben heroische Menschen erweisen, heißt die Sache der Unterdrückten führen, und man weiß in den slavischen Ländern sind die Juden die Paria's der Nation. Ja, es besteht eine biblische Größe in den in den Vordergrund gestellten Personen, Meyer und Isaak. (Diese Schrift scheint nur ein Auszug aus dem, auch von uns gerühmten Werke: „Meier Ezofowicz, Erzählung aus dem Leben der Juden von E. P. Orzeszko" zu sein, und zwar mit denselben 26 Illustrationen, welche die autorisirte Uebersetzung aus dem Polnischen von Leonhard Brixen zieren. Wir haben seiner Zeit über diese treffliche Dichtung und ihre an Tugenden ausgezeichnete Verfasserin ausführlich berichtet, und können es allerdings nur loben, daß das Werk auch in französischer Sprache erscheint, mit dem Vorbehalt, daß wir die französische Bearbeitung des Herrn Tissot erst vorliegen haben müßten, um ein Urtheil abgeben zu können. Redaction.) — In Tunesien verbreitet sich unter den eingeborenen Israeliten sichtbar die Lust an der Landwirthschaft, namentlich am Weinbau, für welchen der dortige Boden sehr günstig ist. Die All. isr. univ. will zehn tunesische jüdische Jünglinge in ihrer Landwirthschaftsschule zu Jaffa placiren, damit diese nach Beendigung der Lehrzeit in ihrem Vaterlande den Weinbau betreiben und lehren. Italien. Florenz, im April. Einer unserer Glaubensgenosse», Herr Giuseppe Gigante, hat die Summe von 600,000 Frcs. zur Gründung einer landwirthschaftlichcn Akademie bestimmt, unter der Bedingung, daß alle israelitischen Studenten an dieser Anstalt von allen Kosten frei sein sollen. Rußland. Odessa, 15. April. Ueber die Vorgänge in Odessa bringt die „Franks. Ztg." folgende orientirende Mittheilung: Die Unduldsamkeit und Verfolgungssucht, welche gegenwärtig in Rußland gegen Deutsche und Juden bethätigt werden, sind kaum noch zu übertreffen. In den Ostseeprovinzen sind es die Einheimischen deutscher Nationalität und lutherischer Confession, welche sich der Vergewaltigung zu erwehren haben, in Südrußland wüthet die Reaction gegen die fremden Juden. In Odessa haben zweitausend fremde Inden am 12. d. M. Befehl erhalten, binnen einer Woche die Stadt zu verlassen, widrigenfalls sie ausgewiesen werden. Die fremden Juden oder richtiger die in Odessa auf Pässe fremder Staaten lebenden Juden sind zum großen Thcil Russen von Geburt. Die Zahl der fremden Juden in Odessa wird, wie man der „Daily News" von dort schreibt, auf 10,000 Familien mit mindestens 30,000, wahrscheinlich aber mit 45,000 Personen geschätzt. (Auf diese Zahlen ist nicht viel zu geben, sie werden oft überschätzt. Red. der Allg. Ztg. d. Jud.) Die Polizei prüft augenscheinlich eifrig die Pässe und je nach privaten oder geschäftlichen Beziehungen werden den Auszuweisenden verschiedene, aber meist kurze Fristen zur Regelung ihrer Angelegenheiten gewährt. Zahlreiche Juden verstecken sich vor der Polizei, allein wenn man sie entdeckt, werden sie binnen 24 Stunden ausgewiesen. Den größten Drangsalen sind die rumänischen Juden unterworfen, welche aus Bessarabien, als dieses Land an Rußland fiel, nach Odessa kamen. Dieselben wurden dadurch selbstverständlich russische Staatsangehörige, und der rumänische Consul weigert sich daher, sie zu beschützen. Andererseits werden ihre Rechte von den russischen Behörden nickt anerkannt, da sie keine Bescheinigungen vorlegen können, daß sie zur Zeit der Cession des Landes die rumänische Jurisdiction verloren haben. Die Juden werden von allen Seiten zurückgewiesen und ihre Lage ist die traurigste. Nächst den rumänischen Juden sind die meisten Ausgewiesene» Oesterreicher. Viele derselben sind in Wirklichkeit Russen, allein sie haben während der letzten 10 Jahre durch zeitweiliges Wohnen jenseit der Grenze die österreichische Staatsangehörigkeit sür sich und ihre Familien erworben. Die russische Regierung hat natürlich ein Recht zu verhindern, daß dieselben auf diese Weise sich ihren bürgerlichen und militärischen Pflichten zu entziehen suche», allein man darf nicht vergessen, daß diese Leute zu solchen Mitteln getrieben worden sind durch die Entziehung aller Rechte und in vielen Provinzen durch die schändliche Behandlung seitens ihrer russischen Nachbarn. Daß die Russen sich selbst durch die Ausweisungen schädigen, versteht sich von selbst. Unter den Ausgewiesenen in Odessa befindet sich z. B. ein Fabrikant, welcher 800 bis 1000 Personen beiderlei Geschlechts beschäftigt — diese werden nun natürlich beschäftigungslos. Man berechnet, daß in Odessa 1j3 der Handlungshäuser zweiter und dritter Classe geschlossen werden muß. Von alledem weiß man wahrscheinlich am grünen Tische in Petersburg nichts und den Herren Tolstoi und Pobjedonoszew werden daher sehr unangenehme Ueberraschungen nicht erspart bleiben. 17*