Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1888)
- Date
- 1888-04-26
- Page
- Seite 262 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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262 Mädchen eine Stätte der Gottesfurcht im Hause ihres Gatten. Dann habt ihr ein bleibendes Verdienst um die Mädchen unseres Glaubenstammes.*) Der Vortrag des Herrn Redners fiel in jene unvergeßliche Märzwoche, in der die Stadt Berlin ihren Vater, ganz Deutschland seinen Beschützer, die Welt den großen Kaiser betrauerte. Der gewaltige Ernst des Tages, welcher schwer auf allen Gemüthern lastete, ließ in den Zuhörern die nüchternen Ausführungen des Redners kaum bis an die Schwelle des Bewußtseins gelangen. Aber auch sonst würde jener „Vorschlag" meiner unmaßgeblichen Meinung nach an seiner eigenen Schwäche gescheitert sein. Bescheiden wir uns in dem beruhigenden Tröste, daß auch ohne ein Dienstmädcheninstitut die gedeihliche Fortentwickelung des jüdischen Stammes weiter ihre uralte, ehrwürdige Bahn wandeln wird. Literarischer Wochenbericht. Pest, im April. Literatur der Spaniolen**). LADINO (Jüdisch-Spanisch oder Spaniolisch) wird jener Dialekt genannt, dessen sich die Spaniolen oder „Franken", die Nachkommen der aus Spanien vertriebenen Juden, in der Türkei, in Serbien und Bosnien, in Palästina und Afrika, an allen Orten, wo sie wohnen, als Schrift- und Umgangssprache bis auf den heutigen Tag bedienen. Er hat die meiste Aehnlichkeit mit dem Altspanischen oder Castilianischen, wie er denn auch häufig als lengua castillana oder idioma espaiiol oder lengua vulgär bezeichnet wird?) Ueberall, wohin die spanischen Juden verschlagen wurden, in Italien und Holland, in Hamburg wie in Wien und Temesvar, in Südfrankreich, in der Türkei und Afrika, pflegten sie die Sprache ihrer Heimat und suchten sie lange Zeit in ihrer Reinheit zu erhalten, sodaß Gonzalo de Jllescas noch gegen Ende des 16. Jahrh. behaupten konnte: „In den Städten Salonichi, Konstantinopel, Alexandrien und Kairo, in Venedig und andern Handelsplätzen machen die Juden nur in spanischer Sprache Geschäfte. Ich kannte in Venedig viele Juden aus Salonichi, welche, obgleich sie noch jung waren, das *) rfo ncoz Ausstattung der Bräute zählen unsere Alten mit unter den Dingen auf, (njrrn r.jn n^.yz on/n/nB üim NZH np’j?) deren Segensfrüchte der Mensch schon in dieser Welt genießt, und welche ihm für die zukünftige ein ehrendes Verdienst sichern. Das jüdische Leben fand von jeher seinen festen Anker in der Familie; ausgeprägter Familiensinn ist daher ein hervorstechender Charakterzug jüdischen Wesens geblieben. Corresp. **) Wir haben jüngst mehrere Artikel über die Spaniolen gebracht und ergänzen diese heute durch den obigen Artikel, der soeben in der Allg. Encyclop. der Miss, und Künste (Ersch und Gruber) Sect. II. XLI. erschienen. Redaktion. 1) „Historia Pontifical“ (1602) bei De los Rios, „Estudios sobre los Judios de Espana“, S. 469, Note 2. Castilianische ebenso gut und noch besser als ich sprachen." Während aber die der gebildeten Klasse angehörenden Juden in Italien, Südfrankreich und besonders in Holland das reine unverdorbene spanische Idiom in Wort und Schrift gebrauchten, poetische und prosaische Werke in spanischer Sprache verfaßten und so auch fern von der Heimat die spanische Literatur pflegten 2), bildete sich bei den spanischen Juden im Orient und in den angrenzenden Ländern im Ladino ein mehr oder weniger corrumpirter Dialekt aus, ohne daß die Sprache entartete, wie etwa das Jüdisch- Deutsche. 2 3 4) Das Jüdisch-Spanische unterscheidet sich vom Spanischen durch die vielen altspanischen Formen und Wörter, welche gegen Ende des 15. Jahrh., zur Zeit der Vertreibung der Juden aus Spanien, und später im Castilianischen noch gebräuchlich waren, wie Lncamiento, frjo, facer, fablar, daquen, vueso, espuegro (suegro) u. a. nt. Im Ladino findet man häufig die Verwechselung das m mit n, so muestros, mos, muevo für nuestros, nos, Duevo, die Einschaltung der m und n, z. B. amvisar, munchos für avisar, muchos, die Metathesis des d vor r wie vedrad (verdad), vedre (verde), acodro (acordo), pedrer (perder). Ein ganz eigenthümliches Gepräge verleihen dem Ladino viele hebräische Ausdrücke und Redewendungen, sowie die aus dem Hebräischen aufgenommenen und spaniolisirten Wörter; so beispielsweise die im Ladino häufig vorkommenden, dem spanischen Sprachschätze fremden Wörter mcldar, darsar, wovon das eine „lesen", „lernen", daher auch meldador „Leser", melda „Schule", das andere, vom hebräischen Stamm darasch, „forschen", „belehren", bedeutet. Für die Erforschung des Altspanischen ist das Ladino eine reiche, bis jetzt noch wenig beachtete Fundgrube. Das Ladino, das gewöhnlich mit rabbinischen Lettern gedruckt und noch jetzt mit hebräischer, der sogenannten spanischen Cursivschrift geschrieben wird, hat eine eigene Literatur, welche zu Anfang des 16. Jahrh. begonnen und sich bis in die neueste Zeit größtentheils auf Uebersetzungen beschränkt hat. Abgesehen von einem Schriftchen, das aus dem unmittelbaren Lebensbedürfnisse hervorgegangen ist, nämlich der schon 1510 in Konstantinopel erschienenen Uebersetzung der Schlachtregeln5), war das erste literarische Product, welches die spanischen Juden in der Türkei veröffentlichten, die Uebersetzung der Bibel in die Sprache, „der sich die alten 2) Man siehe mein „Sephardim, Romanische Poesien der Juden in Spanien" (Leipzig 1859). 3) S. Art. „Judenteutsch", II. Sect., 27. Thl., S. 322 fg. 4) Die Bezeichnung llamado en Ladino kommt zuerst auf dem Titel der Schrift „Mosa de el alma“ (Lalonichi 1568) vor. 5) „Cat. Rabinowitz“ (2314 und 100 Nummern) Nr. 484. Die Uebersetzung der Schlachtregeln erschien auch Amsterdam 1687, Venedig 1709 (zusammen mit spanischen Maamadoth), von A. Mendoza London 1733).