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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-26 · Heft 17 (26.4.1888) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 17 (26.4.1888)
Date
1888-04-26
Page
Seite 261 (sequence 5)
Language
German
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261 Die Unhaltbarkeit des zweiten Punktes läßt sich leicht aus theoretischen und praktischen Gründen Nachweisen. Hat sich der Herr Redner gefragt, welche Gesellschaftsklasse vorzugsweise das große Contingeut der weiblichen Dienstboten stellt? Die Antwort ist unzweifelhaft: die Landbevölkerung. Hier auf dem Lande empfangen die Mädchen Alles, was zu den Bedingungen ihres Berufs gehört. In erster Reihe die Bedürftigkeit, in zweiter die körperliche Stärke, in dritter die Bedürfnißlosigkeit, den eng begrenzten Sinn, der nie zu einem höheren Dasein aufzustreben verlangt, der nie den Reiz nach einem feineren Genüsse empfindet, in vierter die Gewöhnung von Jugend auf zu den härtesten und niedrigsten Verrichtungen, bald im Viehstalle, bald im Hofe, bald auf dem Felde. Diese Beschäftigungen gehören unbedingt zu dem Lebenselement der Mädchen, gewinnen ihnen größeren Gefallen ab als Schulbesuch und geistige Anstrengung, welche die Erlernung der nothdürftigsten Kenntnisse erfordert, begründen aber den zufriedensten Sinn und erhalten das Gemüth in einer gleichmäßigen Ruhe und Heiterkeit. Ein Theil dieser Mädchen widmet sich dann dem Berufe der sogenannten Dienstmädchen. Und dieser Beruf ist ihnen durchaus kein Hemmschuh zur Erreichung ihrer natürlichen weiblichen Bestimmung. Unter den Burschen ihrer Heimath, unter den kleinen Handwerkern ihres Ortes findet das kräftige und gewandte Mädchen zahlreiche Bewerber genug, eine Ehe einzugehen; verschmäht sie aber die Fesseln der letzteren, so ist die Gesellschaft ihr keineswegs gram, wenn sie trotzdem den Liebesgöttern opfert. Will Redner jüdische Dienstmädchen schaffen, so schaffe er als nächste Bedingung einen jüdischen Bauernstand. Oder meint er durch ein einziges Institut, dessen Unterhaltung zudem noch Tausende von Thalern jährlich kostet, eine ganze Gesellschaftsklasse ersetzen zu können, die wie aus einem unerschöpflichen Borne, ohne Kunstmittel, auf dem natürlichsten Wege, unablässig das dienende Geschlecht hergiebt? Glaubt er Mädchen durch künstliche Führung zu einem Beruf herabzwingen zu können, zu welchem sie durch Geburt und durch ihre gesammte individuelle Anlage der physischen und geistigen Kräfte sich durchaus nicht eignen? Will man der menschlichen Natur einen Vorwurf daraus machen, daß sie etwas Besseres, ein ihrer Individualität entsprechendes Lebensziel erstreben möchte? — Zeigt sich nicht gerade in ihrem Streben und Ringen die Göttlichkeit der Menschennatur? Und da wollte man die Hilflosigkeit armer, verlassener Waisenmädchen benutzen, die höheren Strebungen ihrer Gottesnatur im Keime zu ersticken, damit uns dann diese beschränkten und darum in sich zufriedenen Geschöpfe zu Nutz und Frommen dienen mögen? — Und damit soll dann weiter dem ganzen jüdischen Stamme das großartige Beispiel vorgeführt werden, wie Genügsamkeit in einer niederen Lebensstellung das wahre Erdenglück in sich trage, — und sie Alle werden, nach dem Besitz dieses Glückes trachtend, alles Ringen nach geistigem Besitzthum, nach weltlichen Ehren und irdischen Gütern aufgeben — und ein bescheidenes, zufriedenes, arbeitendes Völkchen wird fortan in Israels Hütten wohnen. Mit anderen Worten würde dies ungefähr heißen: Versuchet einem Stamme die Eigenthümlichkeiten, die ihn gerade als solchen charakterisiren, die ringende, nimmer ruhende und rastende Kraft seines Innern, welche ihm auch unter der härtesten Bedrückung die Lebensfähigkeit erhalten, allmälig zu rauben, so wird er sicher seiner Auflösung entgegengehen. Doch zurück zu unseren Mädchen. Wie steht's um die Frage, ob jüdische Dienstmädchen wohl jemals die Aussicht auf eine eheliche Verbindung hegen dürfen? Jüdische Bauernsöhne giebt's zur Zeit noch nicht, und jüdische Handwerker oder kleinere Kaufleute werden selbst bei den bescheidensten Ansprüchen nicht zu einem Dienstmädchen herabsteigen. Das alternde Mädchen geht einer einsamen, freudlosen Zukunft entgegen. Denn in dem Punkte der freien Liebe, die man sonst dem dienenden Geschlechte gestattet, ohne darin eine Verletzung der gesellschaftlichen Sitte zu erblicken, dürfte man gegen jüdische Dienstmädchen nicht so tolerant sein. Gesetzt aber, wir hätten nun jüdische Dienstmädchen herangebildet, so bleibt noch immer die Frage, in welchen Familien dieselben Aufnahme finden sollten. Daß jüdische Familien eine Abneigung empfinden, Dienstboten ihres Glaubens in ihren Haushaltungen zu verwenden, hat der Herr Redner selbst zugegeben. Nun werden wohl gar christliche Familien der armen Mädchen sich erbarmen? Die Antwort bleibe Jedem selber überlassen. Ich glaube dargethan zu haben, daß der wohlgemeinte und von lebhafter Theilnahme für die Interessen des Judenthums eingegebene „Vorschlag" aus der Unkenntniß des jüdischen Volkscharakters und Lebens entsprungen ist. Entwürfe lassen sich leicht auf's Papier bringen, Erziehungspläne fügsam in Paragraphe fassen; aber nur Derjenige wird Dauerndes gründen können, der unter dem Volke lebend, seine Anschauungen, Leide» und Bedürfnisse kennt, und aus dem tiefsten Empfinden des Volkes heraus, nicht dem Empfinden entgegen, das Werk zum Heile der Gesammtheit entstehen läßt. Ja, laßt uns unseren armen Mädchen helfen, so wie es seit Alters her Brauch war in Israel. Gebt ihnen eine tüchtige körperliche Erziehung, aber vernächlässigt nicht die geistige. Pflanzet die Keime der Liebe und innigen Glaubens in ihre Herzen und bildet ihnen einen einfache», biederen, genügsamen und bescheidenen Sinn. Und habt ihr all' dies gethan, so setzet dem Werke die Krone auf, und bereitet dem

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