Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1888)
- Date
- 1888-04-26
- Page
- Seite 260 (sequence 4)
- Language
- German
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Veranlassung zu einer berichtigenden Ergänzung, der eine kurze kritisirende Beurtheilung beizufügen Sie mir gern gestatten wollen. Der Vortragende basirte seinen Gedanken auf der Erscheinung , daß die Erziehung der Israeliten zu sehr den Stempel eines abstracten Formalismus an sich trage, und sucht den Grund hierfür in der mittelalterlichen Abgeschlossenheit, die dem jüdischen Stamme die Theilnahme an dem vollen, frischen Leben versagte und sein Streben in die Schranken eines einseitig zwar entwickelten, aber dürren Verstandescultus wies. Daraus erkläre sich noch heute der betrübende Umstand, daß die Eltern an ihren Kindern nichts Rühmlicheres hervorzuheben wissen, als ihr „gutes Köpfchen", und mit Stolz und innerer Befriedigung in ihren Sprößlingen schon den zukünftigen großen Gelehrten vermuthen und bewundern. Diese Eitelkeit müsse dem jüdischen Stamme mit der Wurzel ausgetrieben werden (!), und ein Mittel hierzu sei die Heranbildung der Knaben zu Handwerkern, die der Mädchen zu einfachen Dienstboten. Speciell nun auf letztere beziehe sich „der Vorschlag". Es sei betrübend, meint der Redner, daß die Hausfrauen der Gegenwart wohl zu „klimpern" verstünden, Kenntniß der moderne» Romanliteratur besäßen und dergleichen ungeheuerliche Dinge mehr, hingegen aber zu jeder wirthschaftlichen Beschäftigung untauglich und zu bequem seien. Auch die Mädchen ärmerer Stände besäßen diesen Hang nach verfeinerter Bildung und Wohlleben und daher dann die große Unzufriedenheit, die Zerissenheit des Gemüths, wenn Wirklichkeit und gehegte Hoffnung, wie so häufig, uicht im Einklang stehen. Hier heißt es, Halt gebieten und durch Erziehung der Mädchen zu gewöhnlichen Dienstboten doppelten Segen stiften: nämlich Glückseligkeit in einer, gewöhnlicher Befähigung und niederen Bedürfnissen angepaßten Lebensstellung und Anbahnung eines weniger auf höhere Ziele gerichteten Strebens unseres Glaubensstammes. (!) Zur Erreichung dieses Zweckes macht der Herr Redner den Vorschlag, durch Herbeischaffung von Geldsummen ein Institut auf dem Lande zu gründen, das nur der Heranbildung armer Mädchen zn Dienstmädchen gewidmet sein solle. Aus diesem Institute sollen in erster Reihe glückliche, in sich selbst zufriedene Existenzen hervorgeheu, in zweiter Reihe aber soll es den Boden hergeben, auf welchem dem jüdischen Stamme eine hoffnungsreiche, von neuen Lebensidealen getragene Zukunft erblühe. — Einer Bemerkung des Herrn Redners sei noch Erwähnung gethan. Sie betrifft die Abneigung unserer Glaubensgenossen, jüdische Dienstboten in ihrem Haushalte zu verwenden. Dieser Umstand sei begründet in dem Zusammenleben unserer Vorfahren zur Zeit des Mittelalters, wo gemeinsames Leid jeden Staudesunterschied verwischte und Arm und Reich, Hoch und Niedrig, zu einer duldenden, innig verbrüderten Glaubensgemeinde gestaltete. Diese Eigenthümlichkeit ist so sehr dem jüdischen Wesen eingewurzelt, daß trotz der ungeheuren Veränderung der gesellschaftlichen Zustände der minder Begüterte eine Gleichberechtigung mit dem Reicheren empfindet und sich in das Verhältniß der Unterordnung nicht schicken könne. Sie wollen Alle befehlen, nur nicht gehorchen. Es wäre wohl zu dieser krassen Schilderung der Zustände einerseits, denen zugegeben ein Körnchen Wahrheit anhaften mag, und zu dem aufgestellten Projekte andererseits, von dem sich der Herr Redner eine so günstige Umgestaltung der Verhältnisse theils in socialer Beziehung, theils der Erschaffung eines neuen Lebensgehaltes für unfern Stamm, verspricht, kein Wörtchen der Beurtheilung hinzuzufügen. Doch will ich es in Kurzem versuchen, das Unzutreffende beider Punkte etwas näher zu bestimmen. Was unsere Modegattinnen betrifft, so weiß Jeder von uns, dessen Wiege nicht in Palästen, sondern im schlichten Bürgershause gestanden, daß unsere Mütter trotz der Empfänglichkeit ihres Sinnes für alles Hohe und Schöne, trotz ihrer nicht unbedeutenden gesellschaftlichen Bildung, nicht in seidenen Kleidern daherrauschten, nicht den Tag mit „Klimpern", Romanlectüre und ästhetischen Unterhaltungen verbrachten, sondern in emsiger Geschäftigkeit die Hände rührten, als sorgsame Gattinnen und liebe Beschützerinnen des häuslichen Friedens und der inneren Wohlfahrt. Aus meiner Kindheit, die ich in einer Stadt, allerdings nicht von den ungeheuren Ausdehnungen Berlins, verlebte, ist mir wohl kein einziges Frauenbild in Erinnerung, auf welches die herrlichen Worte unseres Spruchdichters oder die bekannteren unseres deutschen Lieblingsdichters zum Lobe der waltenden Hausfrau keine Anwendung fänden. Auch liegt es wohl heute noch jeder vernünftig denkenden Mutter am Herzen, ihrer Tochter auch eine tüchtige wirthschaftliche Ausbildung zu geben und den Sinn für anspruchslose Einfachheit und Bescheidenheit tief in ihr Wesen zu Pflanzen. Was dem Herrn Redner vorschwebt, liegt in einer andern Sphäre, kennzeichnet am allerwenigsten gerade die Eigeuthümlichkeiten des jüdischen Wesens, sondern ist vielmehr eine Erziehungsfrage allgemeinen Charakters, indem es den Blick auf die Uebertreibungen und Ausartungen hinlenkt, in denen eine sogenannte höhere Bildung ihre Triumphe zu feiern glaubt. Diese Ausgeburten eines modernen Erziehungsschwindels sind die Folge gewisser durch mannigfache Verhältnisse bedingten Zeitströmungen, denen durch ein Erziehungshaus nach dem Geschmack des Herrn Redners gewiß nicht gesteuert werden wird. Und wenn wieder allgemeine Mängel in der weiblichen Erziehung beseitigt werden sollen, was ist damit gedient, wenn der Segen dieser auf natürlichen Grundlagen ruhenden Heilserziehung nur einem verhältnißmäßig geringen Theil des Geschlechts, und zwar den Jnstitutsmädchen, zu gute kommt?