Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1888)
- Date
- 1888-04-26
- Page
- Seite 259 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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259 gesetzt oder durch welchen Fehler einen Mißerfolg erfahren? Es ist daher sehr bezeichnend, daß Ansichten, wie sie Tolstoi entwickelt, in unserer Zeit ausgesprochen und von nicht wenigen Kritikern gebilligt werden. Wir meinen Anderes. Ob auf den Höhen oder in den Niederungen des Lebens, um in diesem vorwärts zu kommen, etwas Bedeutendes zu leisten und zu einem ansehnlichen Erfolge zu gelangen, gehören — wenn auch nicht ohne Ausnahme — Glück und Geschick, das heißt günstige Amstände und die Befähigung zugleich, diese richtig zu benutzen, mit aller Kraft auszubeuten. Verbinden sich diese beiden Momente nicht, beginnt Jemand sein Werk trotz ungenügender oder widersprechender Verhältnisse, oder finden sich günstige, aber der Betreffende besitzt nicht die Fähigkeiten, sie zu erkennen und sie für sein Werk zu verwenden, nicht den überschauenden Blick, die Kenntnisse, die Ausdauer, sie in rechter Weise zu benutzen, so wird es ihm unter hundert Fällen neunzig Male mißglücken. Ja, nur selten werden sich die Zufälligkeiten so fügen, daß er trotzdem etwas erlangt. Unser aber ist die Pflicht, zu unserem Urtheile nicht durch die oberflächliche Betrachtung des Erreichten zu gelangen, sondern sorgfältig zu prüfen, wie weit das Verdienst, das Wollen und Können, der Impuls und Instinkt, die Thatkraft wirksam waren, oder wie weit das Spiel der Umstände den betreffenden Streber ohne sein eigentliches Zuthun in die Höhe gebracht und zum Ziele geführt hat. Es ist dies die Pflicht der Gerechtigkeit, oft aber auch unser und Anderer Nutzen, der daraus ersprießt. Denn die bloße Vergötterung des Erfolges wird ein Vertrauen erwecken, das im weiteren! Verlaufe zu großem Schaden gereichen kann. Wer da die Gründerzeit mit erlebt hat, konnte gerade hierüber die reichste Erfahrung sammeln. Weil die Leute sahen, daß dieser oder jener einen glücklichen Coup gemacht, einen überraschenden Erfolg gehabt, vertrauten sie ihm blindlings ihre Habe und Gut an und gingen mit ihm zu Grunde. In bewegten politischen Zeiten kann man dergleichen Vorgänge allzu oft beobachten. Es drängt sich Jemand als Führer in den Vordergrund, wird durch die Umstände in einem größeren oder kleineren Kreise ans Licht geschoben; ihm schließen sich verblendete Scharen an, und über kurz oder lang werden sie vom Sturme hinweggefegt. Wie aber soll es mit der Sittlichkeit werden, wie soll dem wahren Verdienste sein Recht, dem scheinbaren seine Verurteilung werden, wenn allein der Erfolg und der, welcher sich mit ihm zu brüsten versteht, anerkannt und hochgepriesen wird? Vergesse man nicht, daß Erfolge recht oft durch schlechte Handlungen, durch Ränke und Bosheiten gewonnen werden. Hat dies Alles keinen Werth, sondern wird nur der schnöde Erfolg und Gewinn geachtet, wohin wird eine Generation gelangen, die Solches hegt und Pflegt? . . . Und was soll man zu der Verachtung und Verurtheilung sagen, welche die Menge demjenigen zu Theil werden läßt, der trotz redlichen Kampfes, trotz besterlangten Könnens durch die Ungunst der Verhältnisse und Umstände das Ziel verfehlt, trotz edelster Gesinnung und Absichten Schiffbruch leidet an den Untiefen, Sandbänken und Klippen des Lebens? . . . Daß wir in Obigem nicht etwa ungerecht gegen unsere Zeit sprechen, beweist auch die Ausdehnung und das Raffinement, welche die Reclame gewonnen hat, die sicherlich zu den erreichten Erfolgen sehr oft das Meiste beigetragen hat. Wir brauchen dies nicht weiter auszuführen, weiß doch Jedermann, daß es keine Zeit gegeben, wo die Reclame eine solche Ausbildung erlangt hat und wo selbst untere Classen der Verkehrswelt davon Gebrauch zu machen wissen. Hat Jemand durch Reclame einen tüchtigen Erfolg erzielt, so mag sie immerhin, was sein Unternehmen betrifft, verblassen, er hat, wie man zu sagen Pflegt, sein Schäfchen ins Trockene gebracht und wird dafür belobt und geachtet. Und doch beruht die Reclame in der Anpreisung von Erfolgen, welche entweder ganz oder theilweise erfunden sind, eine Täuschung, ein Mißbrauch der Leichtgläubigkeit, der nicht selten Schädliches in gewissenlosester Weise anempfiehlt, nur um einen klingenden Erfolg zu erlangen. . .. Diesem Unwesen müssen wir mit aller Kraft zu steuern suchen. Wir wissen recht wohl, daß wir Menschen in vielen Fällen den Ursprung und Verlauf der Dinge zu erforschen nicht im Stande sind, so daß uns eben nur der Erfolg sichtbar ist, daß selbst in den politischen Dingen, die vor unseren Augen vor sich gehen, uns nur oberflächliche Kenntniß gewährt wird und erst der emsig forschenden, unparteiischen Nachwelt ein richtigeres Urtheil zu erlangen möglich wird. Dies aber darf uns nicht behindern, dem Erfolge vorläufig ein gewisses Mißtrauen entgegen zu bringen, und zwar desto eher, je glänzender er sich darstellt, sorgfältige Beobachtungen anzustellen und ernstlich dahin zu streben, uns von der Außenseite nicht bestechen zu lassen, wohl aber jedem wirklichen Verdienste volle Anerkennung zu widmen. Berlin, April 1888. „Illeber die Erziehung jü-ischer Waiseirmii-chen." Entgegnung auf den diesbezüglichen Aufsatz in Nr. 13. d. Ztg. Nummer 13 Ihrer geschätzten Zeitung enthält eine von einem ungenannten Verfasser kurz gedrängte Zusammenfassung eines in der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" gehaltenen Vortrags „Ein Vorschlag". Der Umstand, daß der Gedankengang des Herrn Redners darin in einem etwas veränderten Lichte erscheint und das vorgeschlagene Project daher nicht bestimmt genug hervortritt, giebt mir die 17*