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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-26 · Heft 17 (26.4.1888) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 17 (26.4.1888)
Date
1888-04-26
Page
Seite 258 (sequence 2)
Language
German
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258 mit sehr gewichtigen Vorrechten ausgestattet, die Bekenner der letzteren müssen für die Bedürfnisse der ersteren gehörig mitsteuern, erhalten aber aus dem Staatsseckel nichts. Es giebt Länder, wo es sogar verboten und strafbar ist, von den ersteren zu letzteren überzutreten, während das Gegentheil belohnt wird. Kann man dies Toleranz nennen? Wir möchten sagen, daß im letzten Jahrzehend der Parteikampf und die Parteiwuth so gewachsen sind und sich dermaßen factisch bethätigen, daß man von einer Zeit der Toleranz gar nicht sprechen dürfte. Eine jede Partei wünscht die andere vernichten zu können, und man spart hierzu keine Beschimpfung, keine Verleumdung, selbst keine Lüge. Höchstens könnte man unsere Zeit als eine solche der Nicht-Verfolgung nennen, wenn man absieht, daß in gewissen Staaten und im Einzelnen eine derartige Verfolgung einer anderen Meinung, einer anderen religiösen Ueberzeugung doch ins Werk gesetzt wird. Wir sind durchaus nicht geneigt den Fortschritt zu leugnen, der früheren Zeiten gegenüber gemacht worden ist. Wir halten es aber für eine Selbsttäuschung, wenn wir die Epoche gekommen glauben, in welcher die Toleranz, noch weniger die von uns gezeichnete echte Toleranz, herrschend geworden. Ja, wir meinen, es sei dringend nothwendig, sich dessen klar bewußt zu werden. Denn wir wissen nicht, was noch kommen könnte, und, wenn wir nicht mit aller Sorgfalt darauf achten und uns nach Kräften dagegen stemmen, ob nicht selbst diese scheinbare Toleranz durch Verfolgungssucht und Verfolgungsthaten wieder verdrängt wird. Ein Schlagwort einer Zeit ist bisweilen nur eine Maske, hinter welche sich ein recht häßliches Gesicht birgt. Wollen wir aber dem Recht und der Wahrheit zur Herrschaft verhelfen, so müssen wir die Maske abreißen. Schonung in der Bezeichnung eines Verbrechens ist oft recht schädlich, ja gefährlich, weil das Uebel dadurch nur immer weiter wächst. Diplomatische Kunstgriffe nützen auf der Bahn des Fortschrittes nichts; dieser wird nur durch offenes Streben bewirkt. Kurz, dem Worte Toleranz trauen wir nicht, denn es setzt doch noch die Möglichkeit der Verfolgung voraus. Erst wenn die letztere durch die Umwandelung der Gesinnung unmöglich geworden, können wir ruhig sein. VIII. Zu allen Zeiten haben die Menschen einen großen Werth auf den „Erfolg" gelegt; schwerlich aber so vielen, so ausschließlichen, wie in der Gegenwart. Wer irgend einen Erfolg erreicht hat, wird von der Menge auf den Schild erhoben, von welchem er wieder herabsinkt, sobald der Erfolg aus den Augen zu schwinden beginnt. Ob der Erfolg durch wahrhaftes Verdienst, durch einen schöpferischen Geist und unermüdliche Ausdauer, eigennutzlos, im Dienste einer Idee errungen worden, oder nur durch das zufällige Zusammentreffen günstiger Umstände, ja selbst mit Verschweigen derer, welche an dem Werke mitgearbeitet, errungen worden, wird nicht in Betracht gezogen. Und wie wenig eine Persönlichkeit gewürdigt wird, die im Stillen ihre Tugenden übt, oder gar die trotz unaufhörlicher Anstrengung den Erfolg nicht erzielt hat, dafür giebt es tägliche Beispiele. Die allgemeine Achtung, die Verehrung, die allseitige Unterordnung, selbst der Glaube an Unfehlbarkeit ist der Preis dessen, der einen ins Auge fallenden Erfolg erwirkt hat. Der Erfolg ist der Maßstab, nach welchem heutzutage mehr als je das Verdienst und dessen Anerkennung gemessen wird. Wir lasen vor Kurzem eine historische Schrift des als Romancier viel gerühmten Grafen Leon Tolstoi über die Schlacht an der Moskwa und den Brand von Moskau, verbrämt mit vielen geschichtsphilosophischen Betrachtungen. Er führte weitläufig aus, daß nur der Erfolg geeignet sei, ein richtiges Urtheil zu begründen. Er leugnete, daß eine Schlacht nach einem vorher erdachten Plane, ein Feldzug nach einem wohl erwogenen Entwürfe geführt werde. Hinterdrein, wenn Feldzug und Schlacht mit Sieg gekrönt waren, rühme man dem Feldherrn einen genialen Gedanken, eine hohe Feldherrngabe nach, das Gegentheil, wenn er eine Niederlage erlitten. So sei es falsch, daß Napoleon an der Borodino einen genialen Schlachtplan verfolgt habe; falsch sei es, daß die Russen mit Vorbedacht Moskau angezündet hätten, um den Franzosen die Hilfsquellen zu entziehen, der verheerende Brand sei durch die großen Feuer der Franzosen auf den Straßen entstanden, und es sei gar nicht anders möglich gewesen. Man sieht, der Herr Graf will nichts als den Erfolg gelten lassen und erhebt ihn zu seinem Götzen, jene unselige Tendenz der Russen zum Nihilismus verfolgend. Aber wir fürchten, daß seine Theorie vielen Anklang finden werde, da unzählige Zeitgenossen stillschweigend derselben Ansicht huldigen, in ihren Urtheilen derselben Meinung folgen. Und doch liegt die Unwahrheit auf der Hand und wir brauchen wohl kaum auf die Feldzugspläne hinzuweisen, nach welchen die Preußen 1866 in Oesterreich, die deutschen Heere 1870 in Frankreich eindrangen und ihre Gegner überraschten und überwanden. Wer die Geschichte liest, trifft sehr häufig auf die ausdrücklichen Anordnungen, welche die Feldherren vor und zum Beginn der Schlachten trafen; wie oft auch durch ungeschickte, irrthümliche Pläne selbst die größten und tapfersten Heere schwere Niederlagen oder gar Untergang fanden; andererseits rühmt man Heerführern oft nach, wie sie selbst nach erlittenen Unfällen durch geschicktes Manövriren einen glücklichen Rückzug zu Wege brachten oder gar die erfahrenen Nachtheile wieder gut machten. Dies waren auch die Ansichten aller denkenden Menschen bisher, nicht blos auf dem militärischen, sondern auf allen Gebieten des Lebens. Man fragte stets, wodurch ist der glückliche Erfolg, wodurch das Mißlingen herbeigeführt worden, wo hat der geniale Mensch ein-

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