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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-26 · Heft 17 (26.4.1888) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 17 (26.4.1888)
Date
1888-04-26
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zu-enthums. Ein Marteiischcs Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. GXpeöition: Leipzig, Woßpktrh 17. In redaetionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 26. April 1888. Nr. 17. Jftbalt. Leitende Artikel: Schlagwörter unserer Zeit. VII. VIII. — Ueber die Erziehung jüdischer Waisenmädchen. (Entgegnung.) — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, München, Stuttgart, Leipzig, Dortmund, Siegen. — Oesterreich-Ungarn: Pest. — Frankreich: Paris. — Italien: Florenz. — Rußland: Odessa. — Rumänien: Bukarest. — Spanien: Madrid. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Aus der Praxis. — Correspondenz. £eitevii>a dzti&ef. Bonn, den 22. April. Lchlagwörter unserer Zeit. VII?) „Toleranz!" ist ein Lieblingswort unserer Zeit, die sich gern das Jahrhundert der Toleranz nennt. Hat sie hierauf einen berechtigten Anspruch? Allerdings wird jedem Aufflackern des Fanatismus, namentlich auf religiösem Gebiete, die Forderung der Toleranz entgegengestellt. Dennoch bezweifeln wir dieses Recht, denn wir meinen: eine Zeit, in welcher das Wort Toleranz so häufig gehört wird und gehört werden muß, besitzt noch gar keine wahrhafte Toleranz. Wo man dieses Wort so oft hört, da ist noch gar keine echte Toleranz vorhanden. Wer dieses Wort häufig im Munde führt, entbehrt der echten Toleranz. Diese ist nur da zu finden, wo dieses Wort aus dem Lexikon der Zeit geschwunden. Erweisen wir dies. Sehen wir zuerst nach dem sprachlichen Begriff. Toteratio heißt bei Cicero „Ertragung", „Erduldung" nnd toterars Uebel ertragen, aushalten, erdulden. Das griechische vaXaco, rXdo, iX>\ul drückt dies noch schärfer aus und wird mit den abgeleiteten Worten für Leid und Unbill ertragen gebraucht. Was man erträgt, muß immerhin eine Last sein. So bezeichnet Toleranz das Ertragen von Meinungsverschiedenheit, jedoch als eine Last, als eine Unbill, die man nicht abzuwenden vermag. Dies ist aber keineswegs, was als echte Toleranz gelten *) In Nr. 16 ist irrthiimlich IV. V. statt V. VI. nummerirt. dürfte. Diese kann nur darin bestehen, daß die Verschiedenheit von Ansicht und Glauben durchaus als naturgemäß erscheint, und in dem Bestände derselben keine Last, keine Unbill gesehen wird, sondern was sich von selbst versteht und in der Natur der Dinge liegt. Es entwickelt sich da weder ein Recht noch eine Pflicht, sondern es besteht ein natürlicher Zustand, und das Verhältniß der Personen zu einander wird, so lange es eben nur Meinung und Ansicht, nicht eine gegensätzliche That ist, dadurch gar nicht alterirt. Ich hatte einen Freund; wir waren uns in innigster Freundschaft verbunden, aber das Wort Freundschaft wurde niemals unter uns genannt. Mein Freund hatte — leider deckt ihn seit längerer Zeit der Rasen — die Eigenthümlichkeit, sich, so bald irgend eine Meinung geäußert wurde, im Geiste das Gegentheil vorzustellen und die Gründe dafür anfzusuchen. Er hielt nicht zurück, und so kam es, daß mir sehr häufig in eine Erörterung der ausgesprochenen Meinung und ihres Gegentheils geriethen; das Für und Wider wogte hin und her; aber zu einem Zanke kam es niemals; wir ließen die Erörterung fallen und ich glaube, nach meinem Gefühle, daß wir in der heftigsten Differenz im Stande waren, wo nöthig, das größte Opfer für einander zu bringen. Dies Alles war selbstverständlich. Bon solcher Natur ist auch die echte Toleranz, für welche es eben keine Namen giebt und geben wird. Denn wenn sie erst unter den Menschen herrschen wird, wird, sie mit Namen zu nennen, kein Bedürfniß bestehen. Sehen wir aber nun auf das Thatsächliche. In den meisten Staaten wird gesetzlich noch ein Unterschied gemacht zwischen „anerkannten" und „geduldeten" Religionen; die ersteren sind 17

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