Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1888)
- Date
- 1888-04-19
- Page
- Seite 254 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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254 Sein Alter soll bis zur babylonischen Gefangenschaft reichen, von wo eine Gemeinde hierher versprengt wurde. Verwittert genug sind viele Grabmale, die in vollkommener Unordnung und von rohestem Aussehen dicht neben einander liegen und stehen, von Unkraut und Dorngestrüpp überwachsen. Da und dort erheben sich hohe Steinhaufen, anfgethürmt von frommen Händen als Zeichen, daß darunter ein glaubensstarker, so gut wie der christliche Apostel zum Märtyrer gewordener Rabbiner ruht. Die Orthodoxie der mosaischen Satzungen hat in Asien, ihrer Heimath, bis jetzt noch jeglichen Reformen widerstanden. Vermischtes. Ein Streit um einen Cardinal. Bor Kurzem brachten die Zeitungen die Nachricht, daß in Rom der Cardinal Howard irrsinnig geworden, und bei dieser Gelegenheit hat sich zwischen der „Franks. Ztg." und dem ultramontanen „Wests. Merkur" ein Streit um die Herkunft dieses Cardinals erhoben. Der römische Correspondent des ersten Blattes behauptete, daß Howard aus einer hochadligen englischen Familie abstamme. Ein Correspondent aus Prag hingegen behauptete, daß Howard ein geborener Prager sei, ursprünglich Austerlitz hieße und er früher dem Judenthume angehört habe. Hierüber war der „Wests. M." im höchsten Grade entrüstet und schimpfte dabei wacker auf die Juden los, die doch gewiß nichts dafür können, wenn der Cardinal eines jüdischen Vaters Sohn gewesen, auch aus diesem Abfall weder Nutzen noch Ehre zu ziehen hätten. Jetzt tritt nun der Prager Correspondent der „Franks. Z." mit einer Lebensbeschreibung Howards hervor, welche vor mehreren Jahren in der gewöhnlich gut unterrichteten „Bohemia" gestanden, und die keinerlei Dementi erfahren hat. Noch mehr, das officiöse „Wiener Fremdenblatt" druckte diese Biographie ab und auch da erlitt sie keinen Widerspruch, selbst nicht von dem daran betheiligten Cardinal von Schwarzenberg. Das Leben des Cardinals war hiernach allerdings durchaus kein makelloses und ein echt abenteuerliches. Sonach könnte man gespannt sein, was der „Wests. M." wohl darauf zu erwidern und ob er glaubwürdige Zeugnisse dagegen aufzubrinzen hätte. Uns natürlich kann der Ausgang nur gleichgültig sein. Ist der Cardinal wirklich ein hochadliger Engländer, so geht er uns gar nichts an; stammte er aus dem Prager Judenviertel, so können wir den Abfall dieses 'Abenteurers nicht bedauern. Solche Reiser mögen immerhin von unserem lebenskräftigen Stamme abfallen. Dies geschieht an jeglichem Baume, und das alte Wort sagt ja: „an den Früchten selbst sollt Ihr den Baum erkennen", nicht aber an abgestorbenen und abgefallenen Reisern. Vielleicht haben unsere Leser einiges Interesse an dieser Biographie, und sie mag hier folgen. Es heißt da: In der Stockhausstraße zu Prag wohnte viele Jahre eine Wittwe Austerlitz; ihr Mann war bald nach der Geburt ihres einzigen Sohnes Jacob in der dortigen Irrenanstalt gestorben. Die Wittwe, welche einen Grieslerladen hatte, ließ es sich angelegen sein, ihrem Sohn, der schon früh großes Talent für Musik und Sprachen zeigte, auf's Beste zu erziehen. Auf dem Prager Conservatorium lernte er mehrere Instrumente, namentlich bildete er sich zu einem tüchtigen Clavierspieler und Flügelhornbläser aus. Nach dem Abgänge vom Conservatorium trat Jacob Austerlitz in die Capelle des fünften Jäger-Bataillons, wurde bald Oberjäger, verließ aber nach drei Jahren den Dienst, da ihm Freunde die Mittel zu weiterer Ausbildung gewährten. Er ging nach Paris und besuchte dort die Musik- Academie. Dabei beschäftigte er sich auch fleißig mit fremden Sprachen und brachte es so weit, in neun Sprachen sich unterhalten zu können. Mit einem Schiffscapitän Dürre, den er in Paris kennen gelernt, machte er eine Reise nach Westindien und Südafrika. In Kapstadt blieb er einige Zeit als Dolmetscher im französischen Consulat. Von hier ging er nach Alexandrien, wo er in einem Geschäftshause den Posten eines Cassirers erhielt, dann nach Brest, Brüssel und endlich nach London. Hier kam Austerlitz ohne einen Penny in der Tasche an. In einem Geschäfte erhielt er einen untergeordneten Dienst. Als er einiges Geld erspart hatte, suchte er durch die Zeitung eine andere Stellung, wobei er seine musikalischen und sprachlichen Kenntnisse betonte. Darauf nahm ihn der Londoner Bankier Jackson als Hofmeister ins Haus. Hier erwarb er sich bald die Gunst nicht nur seines Herrn, sondern auch der Tochter desselben. Zwischen den jungen Leuten entwickelte sich schnell das innigste Verhältniß. Als die Brautwerbung um Miß Emma Jackson brüsk zurückgewiesen wurde, flüchtete das verliebte Paar nach Antwerpen. Bei der Ueberfahrt herrschte ein gewaltiger Sturm. Der unerschrockene Austerlitz unterstützte den Capitän bei den Anstrengungen zur Rettung des Schiffs in kräftigster Weise. Da die Flüchtigen keine Pässe hatten, so bemühte sich der dankbare Capitän, dem sich Austerlitz anvertraut hatte, sie glücklich durchzubringen; er stellte sie dem Polizeibeamten in Antwerpen als vr. John Brown, Advokat aus London, sammt Gemahlin vor, und verschaffte ihnen auf diesen Namen auch Pässe nach Wien. Das flüchtige Paar wurde inzwischen von Jackson durch die Polizei und die Zeitungen verfolgt. Er begab sich von Antwerpen nach Deutschland. In Wiesbaden und Homburg versuchte Austerlitz sein Glück im Spiel, gerieth aber dadurch bald in solche Geldverlegenheit, daß Emma ihre Schmucksachen verkaufen mußte. In Berlin und Leipzig machten sie Schulden und kamen dann nach Dresden, wo Austerlitz von einem Engländer Eimens, mit dem er Freundschaft geschlossen, 100 Pfund erhielt. Sie