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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-19 · Heft 16 (19.4.1888) · p. Seite 252

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 16 (19.4.1888)
Date
1888-04-19
Page
Seite 252 (sequence 12)
Language
German
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252 digung dienen kann; vertheidigen läßt sich die Sache nicht. Ich habe auch die Ueberzeugung, daß in Dörfern, wo bis zum Jahre 1848 der Numerus clausus in Betreff der Familienzahl war, die „Emigranten", d. h. jene, die ohne behördliche Bewilligung heiratheten, meilenweit gefahren wären, um ihre Ehe zu legitimiren. Seit dem Jahre 1860 besteht jedoch überhaupt der § 124 nicht mehr und doch diese zahlreichen ungesetzlichen Ehen und die unehelichen Kinder. Nachdem dieser Paragraph aufgehoben war, erließen der Rabbiner vr. Igel und der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Czernowitz im Februar 1860 einen Aufruf, gedruckt mit hebräischen und deutschen Lettern, behufs Abstellung der geheimen Trauungen; doch der weitaus größte Theil der Rabbiner in Galizien kümmerte sich gar nicht um derartige Dinge. Aber genug davon. Die Wogen des Antisemitismus gingen hier in der letzten Zeit sehr hoch. Es mag daher hervorgehoben werden, daß trotz alledem der Gemeinderath jüngst eine neue Gasse mit dem Namen des zu früh dahingegangenen Dichters Kompert benannte. Am Ostersonntag Predigte der Hofprediger Professor Kick in der Burgcapelle (in Anwesenheit des Kaisers und des Hofes) gegen den Racenhaß, der in letzter Zeit cultivirt wird. Am 2. December begeht der Kaiser das 40jährige Regierungsjubiläum. Der Vorstand der Gemeinde beschloß, bei dieser Gelegenheit eine Altersversorgungsanstalt ins Leben zu rufen. Herr Moritz Ritter v. Goldschmidt, der langjährige Vertreter der israelitischen Gemeinde, ist heute, 84 Jahre alt, gestorben. Er hatte stets regen Sinn und Verständniß für Juden und Judenthum. Frankreich. Paris, 9. April. Wenn man die Beschlüsse der französischen Deputirtenkammer irgendwie als consequent und einem Principe folgend ansehen könnte, so würde man glauben müssen, daß die Gleichbehandlung der Culte, auf welche die Franzosen und namentlich die französischen Israeliten so stolz waren, neuerdings in die Brüche gehe. Die Kammer hatte, wie unsere Leser wissen, in der Berathung des Budgets für 1888j89 die Subventionen für die protestantischen Seminare und das israelitische Rabbinerseminar gestrichen, letzteres um 22,000 Francs. Der Senat hatte beide Posten wiederhergestellt. Bei der dadurch nothwendigen nochmaligen Berathung in der Deputirtenkammer stimmte sie mit 235 Stimmen gegen 191 dem Credit für die protestantischen Seminare bei, strich dagegen nochmals mit 236 gegen 192 Stimmen den Credit für das israelitische Seminar. Im Drange der Umstände, da gerade das Ministerium Tirard gestürzt worden und das Budget beschlossen werden mußte, gab der Senat nach. So war also dem protestantischen Cultus bewilligt, was dem israelitischen Cultus versagt ward! Der Radikalismus mag sich zu diesem Triumphe gratuliren! Der französische Parlamentarismus aber hat wiederum seine Begriffsverwirrung bezeugt. Curios ist die Abstimmung der vier Deputirten jüdischer Religion in dieser Sache. Bei der Wiederherstellung des Credits für die protestantischen Seminare stimmten Javal und Raynal für, CrSmieux und Dreyfus gegen die Wiederherstellung; bei der Unterdrückung des Credits für das israelitische Seminar stimmten Javal und Renan dagegen, die radicalen Helden Cremieux und Dreyfus dafür. Es bestätigt dies den schon öfter wiederholten Ausspruch, daß wir Juden, abgesehen vom Principe, gar kein Interesse daran haben, ob Juden in die parlamentarischen Körperschaften gewählt werden oder nicht. Mit seltener Ausnahme lassen sie, wenn Fragen, die das Judenthum betreffen, verhandelt werden, diese im Stich. — Nach dem jüngsten Bulletin der Alliance isr. univ. hat diese bereits 1200 Personen, solche nämlich, welche von den ihnen voraufgegangenen Verwandten aus Rußland zu ihnen berufen worden, da die letzteren einen genügenden Erwerb gefunden hatten, zu ihrer Reise nach Amerika unterstützt. Die Gesuche um derartige Unterstützung haben sich in jüngster Zeit gemehrt. Die Alliance stellt in jedem Falle Nachforschungen in New-Iork an und bewilligt ihre Unterstützung nur in den Fällen, wo sich die Wahrheit der Angaben bestätigt. Es ist dies jedenfalls ein Beweis sowohl von der Familienliebe der emigrirten Juden, als davon, daß sie ihren Unterhalt in Amerika finden. Rußland. Odessa, im April. Wie man der „Daily News" aus Odessa meldet, ist dort am Sonntag in der lokalen Presse „amtlich" verkündet worden, daß alle fremden Juden, im Ganzen 10,000 (?) Familien, hauptsächlich rumänischer und österreichischer Staatsangehörigkeit, in Kürze aus der Stadt ausgewiesen werden sollen. Bonn, 15. April. (Notizen.) Aus Essegg wird vom 4. April geschrieben: Gestern Nachts wurde in dem hiesigen israelitischen Tempel ein frecher Einbruchsdiebstahl verübt. Die Diebe nahmen das in den Sammelbüchsen vorhandene Geld und eine aus Silber gefertigte „Hand" an sich. Die Thäter sind unbekannt. — Aus Pest wird uns geschrieben: vr. B. Wajda, Hörer der Landes-Rabbiner- Schule, wurde in N. Abony einstimmig zum Rabbiner gewählt. — In Hamburg verschied den 19. v. M. der Rechtsanwalt vr. Salomon Abendana Belmonte im Alter von 45 Jahren. Er war ein tüchtiger Criminalist und redigirte seit 1885 die von I. F. Richter im Jahre 1848 gegründete juristische Zeitschrift „Das Tribunal". — In Dres-

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