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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-19 · Heft 16 (19.4.1888) · p. Seite 250

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 16 (19.4.1888)
Date
1888-04-19
Page
Seite 250 (sequence 10)
Language
German
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250 kanntlich eine Frage, über die schon viel gestritten worden ist. Wir vermögen zur Entscheidung derselben nichts beizutragen." Berlin, 9. März. Der, wie unsere Leser wissen, schon zweimal vertagte Beleidigungsproceß des Antisemitenführcrs vr. med. König zu Witten gegen den Redacteur der „Jüd. Presse", vr. Hirsch Hildesheimer, beschäftigte am 4. April wieder mehrere Stunden lang die 97. Abtheilung des hiesigen Schöffengerichts. Beide Parteien waren persönlich erschienen; die Sache des Klägers vertrat N.-A. Lindenberg, die des Beklagten R.-A. Hugo Sachs. Es handelt sich um einen Artikel der „Jüd. Presse" vom 11. August 1887, welcher die Entgegnung auf einen in der „Antisem. Corr." veröffentlichten Artikel des vr. König bildete. Dari» wird vr. König ein „trauriger Geselle" genannt und unter Anderem die Wendung gebraucht: „Einer dieser Strauchritter richtet immer den Andere» hin." vr. med. A. König hat darauf hin die Privatklage angestrengt, der Angeklagte dagegen die Widerklage erhoben, auf einige Artikel der von vr. König geleiteten „Antisem. Corresp.". Nach längeren Plaidoyers beider Nertheidiger, in denen die Agitation und die Berechtigung oder Unberechtigung des' Antisemitismus vom Standpunkte der beiden entgegengesetzten Lager aus beleuchtet wurde, wies der Gerichtshof die Widerklage zurück, weil dieselbe einestheils zu allgemein gehalten und anderntheils nicht erwiesen sei, daß der Widerbeklagte der Verfasser der angezogenen Artikel gewesen sei. (Da war die Widerklage sehr ungenügend abgefaßt!) Gegen vr. Hilsesheimer wurde auf eine Geldstrafe von 200 Mark oder 20 Tage Haft erkannt und deshalb von einer Freiheitsstrafe Abstand genommen, weil der Beklagte als dem jüdischen Glauben angehörig und in seiner Stellung als Gymnasiallehrer durch die Artikel der „Antisem. Corr." aufs Empfindlichste berührt werden mußte. Berlin, im April. (Privatmitth.) Hier hat sich endlich ein Verein für ein überaus dringliches Bedürfniß gebildet, der der größten Mithülfe würdig ist. Zn Wien besteht bekanntlich für den selben Zweck ein mustergültiges Institut. Es ist dies der Verein der „Freunde der Taubstummen Jedide Jlmim", welcher jetzt folgenden „Aufruf zur Errichtung einer jüdischen Taubstummenanstalt für Deutschland" erlassen hat. „Für die, welche nicht reden können, erheben wir unsere Stimme, für die jüdischen Taubstummen Deutschlands! Und es sind deren nicht wenige, denn leider ist das Gebrechen der Taubstummheit bei den Juden um das Vierfache verbreiteter, als bei unseren christlichen Mitgbürgern; bei diesen entfällt erst auf 2677, bei den Juden schon auf 675 ein Taubstummer. So leben gegenwärtig in Deutschland 840 jüdische Taubstumme, darunter 160 schulpflichtige. Wie wurde nun bisher für die Unglücklichen gesorgt? Viele von ihnen blieben ohne jede genügende Ausbildung, weil ihre Eltern in sehr bedrängten pekuniären Verhältnissen leben oder wohlbegründete Bedenken tragen, sie einer christlichen Anstalt anzuvertrauen, in der jede Gelegenheit für eine jüdisch - religiöse Erziehung ausgeschlossen ist. Nur sehr wenige erhalten in der von dem mitunterzeichneten Taubstummenlehrer Reich im Jahre 1873 in Fürstenwalde (Spree) begründeten Anstalt die nothwendige Ausbildung. Dieses Privatinstitut ist in gemietheten Räumen untergebracht, einer Erweiterung nicht fähig und seine Existenz nur ermöglicht worden und zum großen Theil abhängig von den hochherzigen Spenden, welche die Herren Jacob Nachod, Philipp und Adolf Ginsberg, sowie Frau von Boschan geh. Ginsberg, in edler Bereitwilligkeit gewährt haben und noch leisten. Durchdrungen von dem unabweisbaren Bedürfniß, thatkräftig zu helfen, vereinigten sich im Jahre 1883 einige Männer zur Gründung des Vereins „Freunde der Taubstummen Jedide Jlmim", welchem gegenwärtig 1200 Mitglieder mit 6000 M. Jahresbeiträgen angehören und dessen angesammeltes Vermögen ca. 10,000 M. beträgt. Die Thätigkeit dieses unseres Vereines mußte sich vorläufig darauf beschränken, in der oben erwähnten Anstalt zu Fürstenwalde einige arme Zöglinge (gegenwärtig 6) auf seine Kosten erziehen zu lassen. Aber die Zahl der sich zur Aufnahme meldenden Kinder ist so beträchtlich, daß es dringend nothwendig ist, eine eigene Anstalt zu erbauen, dieselbe muß vorläufig für40--50 Zöglinge, aber so eingerichtet werden, daß durch spätere Erweiterungsbauten möglichst alle jüdischen taubstummen Kinder Deutschlands ausgenommen werden können, ähnlich wie diejenigen Oesterreich-Ungarns in der Wiener Anstalt. Zur Erfüllung dieser edlen Aufgabe wenden wir uns vertrauensvoll an alle Menschenfreunde mit der dringenden Bitte: 1) zum Baufond einen möglichst hohen einmaligen Beitrag zu zahlen und 2) in den Verein „Freunde der Taubstummen Jedide Jlmim" als Mitglieder einzutreten (Jahresbeitrag mindestens 3 M., die immerwährende Mitgliedschaft wird durch einmalige Zahlung von mindestens 100 M. erworben). Wir leben der frohen Zuversicht, daß dieser Aufruf uns die Mittel gewähren wird, für die bildungsfähigen jüdischen Taubstummen Deutschlands so zu sorgen, daß sie aus unglücklichen zu brauchbaren, erwerbsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft und zu religiösen Israeliten herangebildet werden. So gebe denn Jeder nach seinen Kräften! Keiner halte sich fern, wo es gilt, ein großes Werk der Liebe und Barmherzigkeit zu fördern." Der Vorstand: Rentier I. Blumenthal, Berlin, Alte Jacobstr. 78. San.-Rath vr. Kirstein, Berlin, Münzstr. 18. Ban-

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