Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1888)
- Date
- 1888-04-19
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
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244 nur die schwarze Puppe und die entstellten Flügel übrig. Wie auf diese Weise jeder Idealismus verdrängt wird, so daß nur die häßliche Gestalt einer würdelosen Wirklichkeit Zurückbleibt, ist einsichtlich. Gewiß hat der Beifall, welchen der Naturalismus gefunden, seine Ursache in recht realen Zuständen, in einer Fäulniß, die sich unter der Oberfläche weithin verbreitet hat. Wir wollen absehen von den Folgen der materialistischen Lehren, die namentlich ans mißdeuteten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen hervorgehen mußten, und welche zahlreiche Geister mit Unglauben an Gott und Sittlichkeit durchdrangen: das nackte Streberthum, welches in der jetzigen Gesellschaft obwaltet, in der Industrie und dem Handel zur Spekulationswuth, in den höheren Klassen zum Servilismus und zur Ueberzeugungslosigkeit, in den Arbeiterklassen zum Sozialismus führte, giebt für den Naturalismus einen fruchtbaren Boden her. Er war eine willkommene Nahrung, da man unter dem glänzenden Firniß sich sehr verwandt mit ihm fühlte. — So düster diese nicht übertriebe >e Schilderung sein mag, so glaube der Leser doch nicht, daß wir an einer Umkehr und Besserung verzweifeln möchten. Vor Allem legen wir den Nachdruck darauf, daß das Wort Naturalismus an sich eine Lüge ist. Die Natur ist überall schön; was in ihren Gebilden nicht anders als häßlich sein kann, das bedeckt sie mit schöner Hülle und überläßt es der tieferen Forschung zu erkennen, daß sie auf die äußere Form nur da nicht sieht, wo dasNützliche, wo der Zweckes erfordert, wo also auch eine ideelle Schönheit vorhanden. Wie herrlich schön ist der Anblick des sternenbesäeten Himmels, des unermeßlichen, wogenden Meeres, selbst der unbegrenzten Wüste in ihrer Majestät, des vielgestaltigen Hochgebirges, der mit den mannigfaltigsten Reizen geschmückten Thäler und Schluchten, des schattenvollen Waldes mit den bunten Lichtreflexen, der mit den wogenden Kornfeldern oder blumenreichen Wiesen bedeckten Fluren, der mächtig dahinfluthenden Ströme und der rieselnden Bäche; aber welche Anmuth verbreitet sie über jedes ihrer kleinen Geschöpfe, über jede Blüthe und Blume; selbst der Tiger ist schön und die Schlange, vor deren tödtlichem Begegnen uns graut. Diese Schönheit hat sie aus ihrem eigensten Wesen heraus über die Dinge gebreitet, ohne Rücksicht darauf, ob sie bemerkt und beachtet wird oder in entlegenen Winkeln entsteht und vergeht. Die gesammte Natur also auf Erden und am Himmel protestirt gegen ihre Carrikatur, den Naturalismus. Nicht minder die menschliche Gesellschaft, die doch nur auf Sitte und Ordnung, auf Gerechtigkeit und Liebe ihren Bestand hat, welche alle ihre feindlichen Leidenschaften von sich abwehrt und immer wieder dem Verdienste, erworben durch Hingebung und edles Streben, den Kranz reicht. Endlich das ganze Wesen der menschlichen Seele sträubt sich gegen den Naturalismus. Was die menschliche Gesellschaft durch so lange Geistesarbeit und Culturentwickelung errungen hat, läßt sie sich durch Eigennutz und Verkehrtheit nicht rauben. Wir wollen durch die Wissenschaft aufgeklärt, durch Poesie und Kunst erfreut, erhoben, durch die Religion geläutert und gestärkt, durch die Sittlichkeit der wüsten Leidenschaft entzogen und zu einer höheren Bestimmung befähigt werden. Dies sind die ewigen Forderungen unsrer Seele, welche durch Dunstnebel, durch verirrten Geschmack eine Zeit lang übertönt werden können —doch nicht lange, und die Stimmen, welche Wahrheit und Schönheit von allen Erzeugnissen fordern, werden wieder lautbar und mächtig genug, um alle Verwirrungen zu überwinden und dem Idealen die Herrschaft wieder einzuräumen. (Forts, folgt.) Die Verfassung -es Volkes Israel. 2. Zur mosaischen Zeit. (Fortsetzung.) Es ist selbstverständlich, daß Moses, da er die Stammesab theilung nicht zu beseitigen vermochte, doch Alles daran wandte, um dieselbe in dem Begriff des gesammten Volkes aufgehen zu lassen. Ueberall begegnen wir den Ausdrücken iw-ir *;2 zy, i^jr, my. Nicht minder mußte das Bewußtsein der Gesammtheit dadurch genährt werden, daß Lehre und Gesetz sich nur an diese wandten und die Stammesverschiedenheit — ausgenommen den Stamm Levi, der zum Priesterdienste bestimmt ward — in jenen gar keinen Platz fand. Alle Vorschriften des Gesetzes richteten sich an sämmliche Israeliten. Nur einmal begegnen wir der Berücksichtigung der Stämme im Gesetze. In der Natur der Sache lag es, daß nach Eroberung Cauaaus jeder Stamm ein abgegrenztes Gebiet für sich in Anspruch nehmen sollte, in welchem Stammgebiete jede Familie ein Stück Land als Erbgut zu erhalten hätte. Hierdurch entstand die Frage wegen der Erbtöchter. Wenn ein Mann ohne Söhne verstarb und seine Töchter sein Erbgut erhalten sollten, so könnte der Fall eintreten, daß eine derselben einen Mann aus einem anderen Stamme heirathete, so daß ein Erbgut des einen Stammes in den Besitz eines anderen Stammes gelangte. Es ist von Bedeutung, daß diese Frage und deren Entscheidung nicht von Moses selbst ausging, sondern daß die Stammesfürsten die Frage vor Moses brachten (4. Mos. 36, 1), von welchem dann als gesetzliche Vorschrift verkündet ward, daß solche Erbtöchter nur aus dem eigenen Stamm heirathen dürften. Jndeß machte doch Moses Versuche, der Verschmelzung der Stämme näher zu treten. Er theilte die 12 Stämme in 4 Lager ab, und jedem Lager drei Stämme zu, unter welchen ein Stamm den Vorrang im Lager einnahm. So das Lager Juda mit Jsachar und Sebulun; das Lager Rüben mit Simeon und Gab; das Lager Dan mit Ascher und Naphtali und das