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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-19 · Heft 16 (19.4.1888) · p. Seite 243

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 16 (19.4.1888)
Date
1888-04-19
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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243 sich über diesen Gegenstand noch ungleich mehr sagen lasse. Wir wollen nur zeigen, daß der Autoritätsglaube tief im Menschengeiste gelegen sei, und selbst dann seine Macht übe, wenn man sich frei und fern von demselben glaubt; ferner, daß die Beschränktheit unseres Geistes, die ja selbst das universellste Wissen nur fragmentarisch läßt, den Autoritätsglauben nothwendig macht, da das Vertrauen auf das, was Andere gesunden haben und meinen, gar nicht entbehrt werden kann. Das von uns besprochene Schlagwort enthält demnach eine unzulässige und gefährliche llebertreibung. Der Autoritätsglaube und die freie Forschung müssen neben einander gehen, gegenseitig auf sich wirken und sich kontroliren. Nur dann vermögen wir zu sicheren Resultaten zu gelangen und bei unsicheren Nachfolgern diejenige Autorität zu finden, welche der freieste Forscher und zum Skepticismus geneigtetster Kritiker für sein Werk und seine Arbeit fordert und erstrebt. V. „Naturalismus!" Nicht bloß in der Poesie und den bildenden Künsten machen sich die Forderungen des Naturalismus geltend und ertönt aufs Lebhafteste der Aufruf, sich ihm zuzuwenden, sondern auch das Leben durchträukt er immer mehr mit seinem Gifte. Unter allen Schlagwörtern scheint uns dieses das geringste Element der Wahrheit zu enthalten, vielmehr eines der gefährlichsten zu sein. Wir glauben den Nachweis unserer Berechtigung, über den Naturalismus abzuurtheilen, nicht führen zu müssen. Die Religion Israels war stets vom Idealismus erfüllt. Nicht daß das Judenthum sich der Empfindelei und Phantasterei ergeben, die Weltflucht gepredigt hätte. Es stand stets mit den Füßen auf der Erde, das Haupt jedoch bis hoch in die Himmel aufgerichtet. Ja, es war sein Streben und Ziel, der Wirklichkeit sich zu bemeistern und sie zu idealisiren. Eine Religion, welche ihr höchstes Ideal in Gott und seinen Vollkommenheiten, das religiös sittliche Ideal des Menschen in der Heiligung, d. h. in der engsten Annähernng an Gott und in der unaufhörlichen Uebung des Rechtes und der Liebe, in der innigsten Liebe zu Gott und zum Nächsten fand, war sicherlich voll Idealismus. Selbst in ihrer tiefsten Erniedrigung, unter dem ärgsten Druck und blutiger Verfolgung, verloren die Juden das Ideal nicht aus Geist und Herz. Sie sahen ihre und der Menschheit Zukunft in einem Messias verwirklicht, d. h. im Gottesreiche allgemeinen Friedens, allgemeinen Rechts und der Herrschaft der Liebe. Das ganze Gesetz des Judenthums aber hatte die Tendenz, die wirklichen Verhältnisse nach diesem Ideale zu gestalten und es zu ihm hinzuführen. Man denke z. B. nur an die Institution des Sabbath und an das Armengesetz. Der Naturalismus hingegen will den Idealismus vernichten, aus allem menschlichen Dasein verdrängen. Dichtung und Kunst sollen allein die Wirklichkeit darstellen, jedoch die Wirklichkeit nicht in der Verherrlichung der Schönheit, denn diese sei ideal, sondern in ihrer äußersten Häßlichkeit, in den niedrigsten Leidenschaften, in den gemeinsten Aeußerungen und Gestaltungen derselben, in der widrigsten Entartung. Man erklärte alles Ideale für Heuchelei und Lüge und breitete dafür die Atmosphäre der entwürdigten Menschen um sich aus. Diese Theorie auf eine Reihe literarischer Produkte, wie man sie wirklich noch nie gesehen, gestützt, kam mit ihren Erzeugnissen aus Frankreich nach allen civilisirten Ländern. Nach den außerordentlichen Erfolgen, welche diese Ausgeburten des verkehrtesten Geschmacks in ihrem Vaterlande erlangt hatten, blieben diese in den anderen Ländern nicht aus. Die Exemplare verbreiteten sich nach Hunderttausenden und fanden sich in den Händen der feinsten Damen, die sonst vor jeder Berührung mit der niedrigeren Klasse zumckschaudern. Sie gewannen überall zahlreiche Anhänger und eifrige Nachahmer. In der bildenden Kunst rang der Naturalismus nach der Darstellung cynischer Lüsternheit in der Schönheit und nach der Ausartung des Genres im Gemeinen und Pöbelhaften. Will man gerecht sein, so ist auch der Naturalismus nicht plötzlich zur Welt gekommen, sondern von langer Hand vorbereitet. In Frankreich führt man ihn auf Balzac zurück; in Deutschland aber war, wir wagen es auszusprechen, Goethe der naturalistische Bahnbrecher im „Faust". Hier, wo der Wissenschaft jedes Resultat abgesprochen und sie in den Formen des Schlendrians verspottet, die Sittlichkeit in ihren Grundvesten verletzt, die Religion verflüchtigt, der Classicismus abgethan wird, wo Finanz, Strategie und Nationalökonomie als der eigentliche Inhalt des modernen Lebens proklamirt werden, wo der Held im ersten Theile das von ihm verführte Mädchen als Kindesmörderin u. s. w. für das Schaffot zurückläßt, im zweiten Theile mit der Tödtung eines alten Paares endet, weil es dem unermeßlich Reichen sein Heim nicht überlassen wollte, der aber dennoch „erlöst" wird, weil er „sich eifrig bemüht hat" — hier haben wir trotz aller Herrlichkeit des Details den puren Naturalismus. Auf diesem Wege folgte ihm auch Heine in nicht wenigen seiner so künstlerisch schönen Lieder.— Aber auch in das Leben ist der Naturalismus eingedrungen. Man öffne nur irgend eine der großen und kleinen Zeitungen. Hier werden täglich die Berichte über die Verbrechen, Betrug, Mord, Selbstmord in ausführlichen Schilderungen aufgetischt; wenn irgend wo, selbst in den weltentlegensten Orten, ein Schustergeselle sich aufgehängt, ein Wüstling auf Ehebruch ertappt worden, ein Defraudant sich erschossen hat u. s. w., wird es dem Publikum gemeldet, und je pikanter und sensationeller der Vorgang war, desto ausführlicher wird er erzählt. Dies ist der Naturalismus auf seiner Höhe, und schon der Jugend, wenn sie die Zeitungen liest — und das thut sie bald mit Vorliebe —, wird der Blüthenstaub von der Seele abgewischt und es bleiben 16*

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