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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-19 · Heft 16 (19.4.1888) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 16 (19.4.1888)
Date
1888-04-19
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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242 eben nicht entbehrt werden können! Nein, die Menschen, die gebildeten wie die ungebildeten, auch in unsrer Zeit, sind der Autorität bedürftig und nach ihr begierig, und schauen sich emsig nach irgend einer Größe um, welcher sie sich kritiklos in die Arme werfen oder vielmehr unterordnen können. Wir brauchen, um dies bestätigt zu sehen, nicht gerade auf die ausgezeichneten Erscheinungen zu blicken; wo nur Jemand recht keck aufzutreten, recht stark aufzutragen, eine Fackel des Fanatismus anzuzünden und zu alledem sich auch lügnerischer und verleumderischer Uebertreibung zu bedienen versteht, schaart sich alsbald ein größerer oder geringerer Schwarm von Anhängern um ihn, hebt ihn auf den Schild und mehrt sich, trotz alles Widerspruches der Vernünftigen und Humanen, von Tag zu Tag. Wir brauchen keine Beispiele hierfür anzuführen, sie drängen sich aller Orten, in größeren und kleineren Kreisen, auf. Mag also „keine Autorität!" ein oft gehörtes Schlagwort sein: als ein wirkliches Charakteristicum unserer Zeit, als zum wesentlichen Inhalt des Jahrhunderts gehörig, kann es nicht gelten. — Ganz ähnlich liegt es mit der Kritik. Man ergötzt sich an dem Scharfsinn des Kritikers; man fühlt sich von einer früher gehegten Ansicht bald gern, bald ungern frei. Schließlich aber weiß man mit der zersetzten Materie nichts anzufangen, man verlangt einen Er-! satz, man will eine Positive Meinung für die aufgegebene,! eine positive Gestalt für die aufgelöste. Nun, die zahlreichen Hypothesenmacher, die Gründer neuer Philosopheme, neuer Religionen und Ethiken sorgen hierfür. Aber die Kritik ist da, und wendet dieselbe Kraft gegen die letzteren und zeigt so lebhaft die Gründe gegen deren Produkte, daß sie wie Nebelgestalten vom Schauplatz verschwinden. Was man als zuverlässiges Ergebniß der Kritik betrachten kann und muß, hat immerhin Bedeutung, ist jedoch von geringem Umfang. Wie Viele kehren deshalb zu der einfachen ursprünglichen Ansicht zurück, wenn auch mit dem Vorbehalt, einer gesünderern Kritik Gehör zu leihen. Fragt man nun, woher die Lust, jedem Autoritätsglauben abzusagen, gekommen ist: so beantwortet sich dies aus der alten Erfahrung, daß ein Extrem das andere hervorruft. Der unbedingte Autoritätsglaube hatte den Menschengeist anderthalb Jahrtausende zur drückendsten Knechtschaft verurtheilt; jede freie Geistesbewegung, jede von der herrschenden Kirchensatzung abweichende Meinungsäußerung wurde mit Feuer und Schwert verfolgt. Brachte doch selbst ein Widerspruch gegen einen vermeintlichen Ausspruch des Aristoteles, welchen die kirchliche Scholastik in Schutz genommen, in Kerker und Berdammniß. Der weltliche Arm bot seine Waffen dem geistlichen dar, um dieses eiserne Joch auf dem Nacken aller denkenden Menschen zu erhalten. Jener fehlte zwar der Synagoge, aber nichtsdestoweniger lastete die talmudischrabbinische Satzung in gleicher Weise auf den Geistern der Juden. Wurde doch die Lektüre eines nicht hebräisch geschriebenen Buches für schuldbar und der geringste Minhag dem Gesetze der Thora gleich erklärt. Aber der Geist erwachte, sprengte die Fesseln und trat den Weg ins entgegengesetzte Lager an. Man braucht nur das 17. und 18. Jahrhundert mit einander zu vergleichen, um diese Wahrnehmung zu machen. Das erstere, in dessen erster Hälfte der dreißigjährige Krieg wüthete, welcher die Vernichtung des Protestantismus beabsichtigte, sah in seiner zweiten Hälfte die blutigen Dragonaden Ludwig XVI. gegen die Hugenotten, die Waldenser, Albigenser, die Janseniten, Quietisten, weil dieser Heros des unbeschränkten Absolutismus nicht dulden wollte, daß in seinem Reiche nur ein Mensch einem anderen Bekenntnisse anhänge als dem seinigen. Dennoch erwachte der Geist gerade in dieser Zeit. Cartesius unterwühlte, die Fundamente der Scholastik, Spinoza zündete die Fackel der Kritik an. Wie entwickelte sich dies in schnellster Weise im 18. Jahrhundert! Voltaire, Rousseau, die Eneyclopädisten, La Mettrie! In heftigster Weise wurde der Ansturm gegen den Autoritätsglauben getrieben und das Schwert der Kritik geschwungen. Diese Richtung verbreitete sich in allen gebildeten Kreisen und fand selbst auf den Thronen Platz. Man kann das vorige Jahrhundert mit noch größerem Rechte als das unsrige, die Zeit des Autoritätshasses nennen. Es wiederholte sich, was schon mehrere Male im Alterthum sich ereignet hatte. Der übertriebene Dogmatismus führte zum Skepticismus, und dieser zur eigenen Zersetzung, bis ein neuer Dogmatismus an die Stelle trat. Auch in der modernen Philosophie hat sich seit Kant derselbe Kreislauf wieder abgespielt, denn sie ist in der neuesten Zeit abermals zum Skepticismus und zur Zersetzung der Philosophie gelangt. Dem Geschichtskenner entgeht diese sich wiederholende Erscheinung nicht; aber er weiß doch, daß mit jeder neuen Phase die Erkenntniß sich erweitert und vertieft, also ein Fortschritt in der Ideenwelt damit verbunden ist. — Jetzt kam nun auch eine Zeit außergewöhnlicher Entdeckungen und Erfindungen, welche viele Verhältnisse völlig umwandelten. In allen Zweigen der Naturwissenschaften wurden die alten Lehren und Ansichten als irrtümlich oder mangelhaft anerkannt und durch neue auf Grund wissenschaftlicher Forschung ersetzt. Das historische Gewissen erwachte und forderte nicht bloß eine neue, gründlichere Prüfung, sondern auch ein tieferes Verständniß und eine den Gesetzen der Psychologie entsprechendere Darstellung aller geschichtlichen Epochen, Ereignisse und Persönlichkeiten. So vereinigte sich alles, um den Glauben an die Vergangenheit zu schwächen und den Beruf des Menschengeistes zu betonen, rücksichtslos nach der Wahrheit zu forschen — bis man dahin gelangte, Alles und Jedes neu aufbauen zu wollen, alles und jedes Ueberkommene zu verwerfen, kurz überall tabula rasa zu machen. Wir geben diese Erörterung mit dem Bewußtsein, daß

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