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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-19 · Heft 16 (19.4.1888) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 16 (19.4.1888)
Date
1888-04-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Hudenthunis Ein mijmtciWs Organ siir alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. GXpeöiLion: Leipzig, Woßptach 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 52. Jahrgang. Leipzig, den 19. April 1888. Nr. 16. IvKsU. Leitende Artikel: Schlagwörter unserer Zeit. IV. V. — Die Verfassung des Volkes Israel — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin. Oehringen, Aus Kurhessen. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Frankreich: Paris. — Rußland: Odessa. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Die Juden in Smyrna. — Vermischtes. Zcitc'ixbe Qztifief, Bonn, den 15. April. Schiagwörter unserer Zeit. IV. „Keine Autorität!" Es ist zwar dieser Ausspruch nicht ganz neu, denn schon Horaz sagt: Nullius addictus jurare in verba magistri. Aber in keiner Zeit wohl hallte jenes Wort von den Lippen so zahlloser Menschen. Man ist stolz darauf, unser Jahrhundert als die Epoche der Glanbenslosigkeit an Autorität, als die Epoche schonungsloser Kritik zu bezeichnen, welche nicht bloß von Neuem alles bisherige Wissen, Denken und Glauben prüfen, sondern möglichst beseitigen und ersetzen will. Man nennt es das Zeitalter einer „neuen Weltanschauung", obgleich Niemand so recht sagen kann, worin diese „neue Weltanschauung" bestehe und die Verkünder derselben sich darüber in den Haaren liegen. Man bespöttelt und verlacht Jeden, der noch etwas auf Traditionen, Herkommen, überlieferte Wahrheiten und Ansichten giebt. Ja, nicht Wenige sind so keck, alle Errungnisse des Menschengeschlechtes während einer fünftausendjährigen Culturentwickelung verneinen, und Ordnung, Sitten und Institutionen der menschlichen Gesellschaft auf den Kopf stellen zu wollen. — Doch sehen wir trotz aller dieser Erscheinungen einmal nach, ob unsre Zeit wirklich auf Autoritätsunglauben und Umsturzkritik Anspruch machen kann? Wir hegen gerechte Zweifel. Ein Jahrhundert, in welchem das in der Vergangenheit so heftig, und zwar aus dem Schoße des Katholizismus selbst und besonders durch die Bischöfe bekämpfte Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes von der gesammten katholischen Welt und von sämmtlichen Bischöfen und Priestern der katholischen Kirche anerkannt und zum unbedingten Glaubenssatz erhoben worden, und wo noch immer die herrschende Partei der protestantischen Kirche die Bekenntnißformeln unerschütterlich festhält, kann von vornherein als ein autoritätsloses nicht angesehen werden. Und ist es auf allen anderen Gebieten des Lebens und des Geistes anders? Auf dem politischen Felde zeichnet sich ein großer Staatsmann aus, der Jahrzehnte lang den Staat lenkt und beherrscht und den mächtigsten Einfluß auf die anderen Staaten übt — und alsbald schwören auf ihn Millionen Menschen, sehen die Jrrthümer und Fehler nicht ein, denen auch er anheimfällt, und ordnen sich gläubig jeder seiner Meinungen, jedem seiner Beschlüsse unter. Wie hat es z. B. Charles Darwin verstanden, sich eine unabsehbare Autorität zu verschaffen, und wie zahllose schwören auf sein Wort und halten jede seiner Aeußerungen für eine unerschütterliche Wahrheit, so paradox sie auch oft sind und auf so beschränkten Beobachtungen sie zuweilen beruhen. (Man erinnere sich z. B. nur der aus den Exkrementen der Regenwürmer entstanden sein sollenden Ackerkrume der ganzen Erde.) Welche Autorität hat nicht, trotz langen Widerstandes und scharfer Abwehr, Richard Wagner bei Tausenden gefunden, nicht bloß hinsichtlich seiner Compositionen, sondern auch seiner ganzen Theorie, so daß viele zu einem Beethoven, Mozart, Haydn, Händel, Gluck, Schubert, Schumann, Weber, Mendelssohn u. A. nur Zuflucht nehmen lassen wollen, weil diese 16

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