Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1888)
- Date
- 1888-04-12
- Page
- Seite 238 (sequence 14)
- Language
- German
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238 Gefängnißhause viel besser sei für mich; da biu ich unter Meinesgleichen und Keiner hat dem Anderen etwas vorzuwerfen. Kommt nun die Gelegenheit und bietet sich mir wie von selbst an, so verfalle ich wieder in mein Vergehen und erwarte getrost was ich weiß, daß mir bevorstehe. Ich bin kein Einbrecher, ich gehe nicht Nachts auf Diebstahl aus, aber wenn so etwas ganz bequem vor mir liegt, greife ich zu. Lebt mir doch draußen kein menschliches Wesen, dem ich näher angehörte und das ich zu sehen Verlangen trüge. So kommt cs, Herr Doetor, und so bin ich meinem Schicksal verfallen". — Und er war ihm verfallen, denn bei seinem wiederholten Rückfall verlängerte sich die Strafzeit und er starb im Zuchthause. Wir erfuhren seinen Tod erst spät, als die Behörde zur Herausgabe seines sehr geringen Nachlasses Nachfrage hielt. Sv war daun sein Leichnam längst dem Sezirmesser der Anatomie anheim gefallen und ivir konnten seine irdischen Neste auf dem jüdischen Friedhofe nicht bergen. — Ter zweite Fall betraf einen jungen Mann von etwa dreißig Jahren, der zu einer dreijährigen Gefängnißstrafe verurtheilt worden. Sein Beispiel bietet einen Gegenbeweis ■ gegen die jetzt so weit verbreitete Vererbuugstheorie. Denn! seit mehreren Generationen stand seine Familie wegen ihrer Rechtlichkeit und Ehrenhaftigkeit, wegen des untadelige» Lebenswandels aller ihrer Mitglieder in der Gemeinde und in der ganzen Stadt in Achtung und Ansehen; sie verwalteten mehr- | fach Ehrenämter. Gerade die Eltern des jungen Mannes tvaren ausgezeichnet durch ihre Biederkeit und ihr gemeinnütziges Streben. Sie gaben ihrem einzigen Sohne eine! gute Erziehung; er besuchte das Gymnasium mit Erfolg und verbrachte dann einige Lehrjahre, uni sich für den kaufmännischen Beruf gründlich zu unterrichten. Auch er war sittenrei», konnte sich jedoch dem Rufe einigen Leichtsinns nicht entziehen. Da starben seine Eltern kurz nach einander und cs ergab sich, daß ihr Vermögen nur ein geringfügiges war. Dies hielt aber den jungen Mann nicht ab, ein Engros- Geschäft zu gründen und gerade der ehrenvolle Ruf seiner Familien machte es ihm leicht, einen ausgedehnten Credit zu erlangen. Das Geschäft mochte ganz gut gehen und er heirathete ein treffliches Mädchen, doch ohne sonderliche Mitgift. Nun traten Krisen ein; einige Spekulationen gingen fehl; der Mann ließ sich auf Wechselreiterei ein und zuletzt sich verleiten, einen Wechsel zu fälschen, um sich vor äugen-! blicklichem Falissement zu retten. Er hegte die Gewißheit, vor dem Verfalltage eine genügende Summe zu erhalten, um den Wechsel auszulösen und so sein Verbrechen zu verdecken. Die Hoffnung schlug fehl, die Summe traf nicht ein und die Sache nahm ihren traurigen Verlauf. Er hatte mich! zu sich bitten lassen, und so trat ich den mir schweren Gang! an. Der Sträfling erschien vor mir, aber wie verändert! i Der sonst so blühende und kräftige Mann mit den immer heiteren Zügen und den frisch in die Welt blickenden Augen — jetzt gebrochen an Leib und Seele, abgemagert, bleiche» Gesichtes und mit trüben Augen, den Kopf auf die Brust gesenkt; er, der sonst so elegante Mann in der groben Gefangenkleidung, Spuren seiner Beschäftigung auf derselbe», nämlich des Federnreißens. Ich konnte mich nur mit Mühe der Thronen enthalten, ich ergriff seine Hände und uöthigte ihn, neben mir Platz zu nehmen, Nach einigen beschwichtigenden Worten meinerseits sagte er: „Ich habe Sie zu mir bitten lasse», als den einzigen Menschen, vor dessen Angesicht ich jetzt noch treten mag. Denn neben der strengen Sittlichkeit, die Sie vorstellen, sind Sie mir doch auch ein Vertreter der Barmherzigkeit, der nachsichtsvollen Schonung — und vor Allem ivollte ich von Ihnen Nachrichten über das Geschick der Meinigen erhalten. Ich weiß, Sie kümmern sich um das Loos solcher Unglücklichen". — Ich athniete auf, beim ich konnte ihm Gutes berichten. „Ihr trefflicher Oheim hat sich Ihrer Frau und Ihrer beiden reizenden Kinder, die sehr gut gedeihen, kräftig angenommen. Um dieselben für : immer sicher zu stellen, hat er für Ihre Frau eine Leibrente! gekauft, so daß sie bei einfachen, anspruchslosen Bedürfnissen vor Sorgen und Entbehrungen für immer geschützt ist. Hierüber können Sie ganz erleichterten Herzens sein". — „Ja," murmelte er in sich hinein, „mein Oheim! In seiner Hand | lag es, mein Unglück zu verhindern. Er wußte, in welcher bedrängten Lage ich mich befände, und von ihm erwartete ich die Summe, die mich von meinem Falle bewahrt hätte.! Ja, hinterdrein kan» man dem angerichteten Schaden zu Hilfe kommen". — Diese Aeußernng verdroß mich. „Wußte ihr Onkel von dem falschen Wechsel?" fragte ich in etwas herberem Tone. — „Nein, davon wußte er nichts, nur von einem fälligen Wechsel, auf dessen Nichtbezahlung mein Fallissement folge» müßte". — „Nun, dann hat Ihr Onkel wohl gewußt, daß Ihr Fallissement unvermeidlich sei und wollte die Summe lieber anfheben, um Ihnen und den Ihrigen später zu Hilfe zu kommen. Sie aber gehörten leider zu den Menschen, welche, um nicht in einen Graben zu fallen, sich blindlings in einen Abgrund stürzen!" — „O, hätte mir dies Einer früher gesagt! Ihre Worte treffen so ganz zu, denn nach dem Fallissement hätte ich mich wieder erholen können, aber jetzt — jetzt bin ich für immer verloren, und! wenn ich meine Strafe verbüßt habe, wohin werde ich mich wenden können, ohne mit Verachtung zurückgestoßen zu werden!" — „Da rechnen Sie schon wieder einmal falsch; was Niemand sonst thun kann, das wird die Hand der Liebe verrichten. Ihre treffliche Gattin, jetzt freilich tief niedergebeugt, - wird sich glücklich fühlen, Sie wieder zu haben, Sie aufj zurichten und wieder zu Kräften kommen zu lassen, bis Sie I Muth finden, sich wieder in das Leben zu mischen. Wer