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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-12 · Heft 15 (12.4.1888) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 15 (12.4.1888)
Date
1888-04-12
Page
Seite 237 (sequence 13)
Language
German
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237 wurde durchs Fenster in die Synagoge eine Kugel gesirt zu haben. Wie mau weiß, ist das Deeaineron von Bocafeuert, die über die Bundeslade in die Mauer drang. Der^ccio bei Gelegenheit der Pest in Florenz entstanden. Bei Rabbiner saß in der Nähe und einige Mauerstücke fielen! uns Juden entstand in Folge einer Pest die Chewra Kadiauf ihn. Es ist noch nicht gelungen, den T Hüter zu eruiren.! scha. Wie nämlich bekannt, wurden die Juden aus Prag — Aus Petersburg wird gemeldet: Am 18. v. M. starb! im Jahre 1561 vertrieben. Es zogen jedoch nicht alle weg, hier der talentvolle Roiiianschriftsteller Leo Lewanda. Der! ein Theil und insbesondere Kranke blieben zurück. Im Verstorbene, welcher ein Alter von 53 Jahren erreicht hat,! Jahre 1593 war ein „großes Sterben", d. h. eine Seuche war ein geistreicher Belletrist und sehr gewandter Publicist,! in Prag, welcher auch viele Juden zum Opfer fielen. Die dessen Schilderungen aus dem polnischen und namentlich aus > Bestattung der jüdischen Leichen lag den zwei jüdischen Wärdem Leben der Juden in Rußland von bedeutendem künsttern ob, und diese reichten unter den gegebenen Verhältnissen lerischen und socialen Werthe sind. nicht aus. Da wurde, wie cs im Stiftsbriefe heißt, be- Wieu, 22. März. (Historische Notiz.) Zur G e-! schlossen, daß diese Liebeswerke an den Verstorbenen nicht schichte der Chewra-Kadischa. In der Besprechung von! mehr durch Diener, sondern durch Mitglieder der Gemeinde Löw's Schrift: „Geschichte der Szegedincr Chewra Kadischa" geübt werden sollen. (Der Rest des Stiftsbriefes ist im (Allg. Ztg. d. Judcuth. Nr. II) wird des Entstehens dieseror!> ]ro: gedruckt.) Als dann spater Lima ben Bezalel frommen Brüderschaft gedacht. Ich glaube diesen Moment in | nach Prag kam, entwarf er die Statuten für diese» Verein, meiner „Zur Geschichte der Juden in Böhmen" genau präci- (Hock in Gal-Ed.) G. Wolf. I e u i l l e f o n. Aus der Praxis. Von L. S. III. Eine schwierigere, ja schmerzliche Aufgabe war der Besuch von Gefangenen und Sträflingen. Ich hatte nicht allzu viel damit zu schaffen, denn das Zuchthaus für die Provinz lag von meinem Wohnorte so weit entfernt, daß es, wenn überhaupt, einem anderen Seelsorger unterstellt sein mußte. In meinem Amtssitze befand sich das Criminalgericht und folglich auch ein bedeutendes Gefängniß; doch kamen jüdische Gefangene und Sträflinge nur selten darin vor, da die jüdische Bevölkerung der Provinz verhältnißmäßig nur eine geringzählige ist. Diese natürlich unfreundlichen Räume zu betreten und Bekenner meines Glaubens, ja selbst Mitglieder meiner Gemeinde in der Gefangentracht zu sehen, wie sie eben von ihrer Gefänguißbeschästigung abgeholt waren, um zu mir geführt zu werden, das war bedrückend, betrübend. Es gab aufregende Scenen, wo aus den Tiefen des aufgeregten Gemüthes alle Affekte in größerer oder geringerer Stärke ans Licht traten, bisweilen ans Licht sich rangen. Doch ich will nur zwei Fälle erzählen, die mir etwas Lehrreiches zu enthalten scheine». Der eine betraf einen Gewohnheitsdieb, welcher den Weg zum Gefängniß und auch zum Zuchthause so oft machte, daß er ihn selbst in der Nacht hätte finden können. Er war an sich gar kein übler Mensch, der sogar von seinem Wenigen den Armen gern mittheilte; auch besaß er einige Kenntnisse, und unter Anderem pfiff er sich oft die Schiller'sche „Erwartung" vor: „Höre ich das Pförtchen nicht klingen" u. s. w. Auch war er ein recht geschickter Hausirer, der sein Bündel Maaren, die man ihm mehrere Male nach Verbüßung seiner Strafe verschaffte, bald absetzte, und sich so recht gut hätte ernähren können. Aber nach einiger Zeit überließ er sich wieder der Versuchung zu stehlen und kam wieder vor den Strafrichter. Au Mahnungen hatte ich es bei Gelegenheit nicht fehlen lassen, aber sie fruchteten nichts. Ein Mal setzte ich ihm härter zu und fragte ihn, ob er denn nicht lieber in der Freiheit als im Gefängniß wäre? Oder ob er einen so unwiderstehlichen Hang zum Stehlen hätte, daß er diesen nicht zu überwinden vermöge? — Er antwortete: „So lange ich im Gefängniß bin, habe ich das größte Verlangen nach der Freiheit und die glücklichsten Stunden für mich sind die, wenn ich am Ende meiner Strafzeit den kleinen für mich aufgesparten Arbeitslohn in Empfang nehmen und durch die finstren Pforten des Zuchthauses ins Freie wandere. Da scheint mir der Himmel noch einmal so blau, die Sonne noch einmal so golden, und im ersten Waldesschatten werfe ich mich nieder, sauge die frische Luft in vollen Zügen ein und lausche dem Gesang der Vögel und dem Gesumme der Käfer mit Entzücken. Aber in der Freiheit wird es bald anders. Ileberall begegne ich Blicken der Verachtung; betrete ich mein Haus, so sind die Augen voll Mißtrauens auf mich gerichtet und man weist mich barsch hinaus; beleidigende Ausdrücke höre ich aller Orten und kann sie nicht erwidern; selbst in der Synagoge rückt man von mir weg und will »eben mir nicht beten. Das halte ich nicht lange aus; ich fühle mich fremd, ausgestoßen, und es überkommt mich das Gefühl, daß es im

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