Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1888)
- Date
- 1888-04-12
- Page
- Seite 239 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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239 solch ein Gat noch besitzt, der ist nimmermehr verloren". — „Wie diese Versicherung wohl thut! Aber ich werde es nicht erleben; meine Gesundheit ist völlig zerrüttet, und ich fühle es, daß ich in diesen düstern Räumen, in diesen erstickenden Dünsten und bei solcher Beschäftigung das Ende meiner Strafzeit nicht erleben werde ..." — Ich wollte ihn aus dieser Stimmung Herausreißen und fragte ihn, warum er den» seine Frau und Kinder nicht einmal sehen wolle, sie warteten darauf und es müßte ihm dies doch einige Erleichterung schaffen. — Da wandte er sich wie erschreckt ab und hielt die Hände abwehrend von sich. „Nein", rief er, „das könnte ich nicht ertragen, jetzt noch nicht, vielleicht später! Das Angesicht, das sonst so voll Achtung, ja Verehrung zu mir aufgeschaut, das früher so blühende und fröhliche Antlitz meiner Frau abgehärmt, verdüstert, voll Scham über meinen Zustand zu sehen, das ertrage ich nicht. Und meine Kinder, sollen die in ihrem zarten Alter zum Nimmerwiedervergessen ein solches Bild von ihrem Vater aufnehmen?!" Hiergegen ließ sich nichts sagen und ich suchte ihn deshalb zu beruhigen. Was seine äußere Lage betraf, konnte ich ihm freilich nichts versprechen, doch aber zusichern, daß ich mir Mühe geben würde, sie zu verbessern. „Aber", sagte ich, „die Hauptsache ist, daß Sie in Ihrem Geiste das Gottvertrauen wieder sammeln, welches unsere Religion so nachdrücklich lehrt und das für den schwachen, schwankenden Menschen der einzige sichere Stab und die helle Leuchte ist. Der Gott, der Herz und Nieren prüft, kennt Ihre ganze Lage, ihre Schuld und deren Triebfedern, und gewährt Ihnen bei aufrichtiger Reue Vergebung und Hülfe. Zu ihm müssen Sie sich ivenden und mit den Gedanken an ihn ihre ganze Seele erfüllen. Ich habe Ihnen das Psalmbnch mitgebracht, Text und gute Uebersetzung; lesen Sie recht häufig darin, besonders wenn es Ihnen bang ums Herz wirr. Niemand ist verloren vor Seiner Gnade, wenn er sich nicht selbst vei lore» giebt und den aufsucht, in welchem der Quell des Trostes und der Aufrichtung ist!" — Die Zeit war verflossen, die für seine Unterredung mit mir gewährt war. Ec dankte mir innig und ich fühlte, daß ich ihm gut gethan. Nach einiger Zeit, in welcher er sich durch gutes Betragen eineBesserungseinerLage hatteerwerbe» können, wandte ich mich an den Inspektor des Gefängnisses. Dieser humane Mann war immer sehr freundlich gegen mich, da er einiges von mir gelesen hatte, was ihm gefallen. Ich machte ihn aufmerksam auf die schöne Handschrift des Gefangenen und dessen Kenntniß der Buchführung und des Rechnungswesens und welche Erleichterung es demselben verschaffen würde, wenn man ihn darin beschäftigte. Glücklicherweise war gerade ein Diätarius abgegangen und der Inspektor versprach, es mit dem Gefangenen im Schreibfache zu versuchen, und wenn er sich erprobe, ihn später auf sein Bureau zu nehmen. Natürlich müßte er hierzu die Erlaubniß des Gerichtsdirektors erhalten, sowie auch bem Gefangenen eine etwas bessere Kleidung zu geben, daß er im Bureau erscheinen könne. So geschah es auch. Die Jahre vergingen, und als er wieder in Freiheit war, fand er bei seiner Frau die herzlichste Aufnahme. Er zog nach Berlin, um sich in der Menge zu verlieren, und etablirte mit Hülfe seines Onkels einen Detailladen, der ihm eine anständige Existenz gewährte. (Schluß folgt.) Letzte Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 4. April. Unter den Kartellparteien macht sich der Zwist immer bemerkbarer. Die „Boss. Ztg." schreibt: „Ten unter dem Titel: „Stöckerei und Muckerei" im Dezember v. I. von den Gouvernementalen bekämpften Bestrebungen, die später, als die Nachrichten aus San Remo trübe lauteten, durch den von der nämlichen Seite unterstützten Aufruf für die Stöcker'sche Stadtmission willige Beihilfe fanden, droht jetzt — nachdem das Blatt sich abermals gewendet — ein Nachspiel vor Gericht. Die „N. Preuß Ztg." hatte am 29. Dezember die „Post" (freieonservativ) wegen des Artikels „Stöckerei und Muckerei" der Felonie und gemeinen Verleumdung beschuldigt. Wie das Blatt miltheilt, ist gestern seinem Chefredakteur die Privatklage wegen Beleidigung des Redakteurs der „Post" behäudigt worden." . Breslku, 3. April. Am 1. d. M. wurde auf dem jüdischen Friedhofe der frühere Reichstagsabgeorduete der sozialdemokratischen Partei, Kayser, beerdigt. Die Zahl der Beiwohnenden war ziemlich bedeutend. Von Parteiführern wurden die Reichstags ibgeordneten Singer und Kräcker bemerkt, außerdem waren Deputationen aus Zürich und einigen deutschen Städten erschienen. In der Leichenhalle sprach ein! Rabbiner ein Gebet. Reden wurden weder in der Leichen-! Halle noch am offenen Grabe gehalten. (Der jüdische Fried- [ Hof zu Breslau schließt jetzt die Gräber zweier sozailistischer! Führer, Lassalle's und Kayser's, ein.) Oesterreich-Ungarn.! Wien, 5. April. Die gerichtliche Untersuchung gegen!den Abg. Schönerer ist abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft! klagt Schönerer und den Stenographen Gerstgroßer wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit an, ferner Schönerer wegen Uebertretuug der Einmengung in eine Amtsj Handlung. Die Schlnßverhandlung soll Ende April stattfin- I den. (In den letzten Tagen hat sich der Pfarrer auf der Besitzung Schönerer^, Rosenau, wegen Differenzen mit diesem erschossen!) — Moritz Ritter v. Goldschmidt, Prokuraführer des Hauses Rothschild, Berwaltungsrath der Kreditanstalt, ■ ber Nordbahn und der Südbahn, ist heute früh an einem 'Halsleiden gestorben. Goldschmidt war geboren am 10. Juni