Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1888)
- Date
- 1888-04-12
- Page
- Seite 236 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227733--45232-3264733- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
236 noch einer französischen Mittheilung geschilderten Sitten und Gebräuche der Dalma's zu erfahren. Der Mann zeigte sich erst mißtrauisch, und nur als ich ihm im Laufe des Gesprächs versicherte, daß ich nicht nur keinen Haß gegen seine Secte hege, sondern sogar ihre treue Anhänglichkeit am Judenthume bewundere, wurde er etwas mittheilsamer, ließ auch seine Frau und Tochier hereinkommen, welche mit niiverhülltem Gesicht erschienen und mir zum Gruße ihre Hände reichten. Er frug mich auch, ob ich jene ihre Heiligen lästernde Schriften 'zs n.y~iND und □'ytt'iE gelesen habe. (Die Namen dieser Bücher nannte er hebe, mit Portugiesischer Aussprache.) Er klagte auch über die Ausartung der jungen Generation ihrer Gemeinschaft, welche den väterlichen Sitten untreu geworden und sich mit Muselmännern verschwägern. Am 29. v. Mts. verschied in Bukarest mein ehrwürdiger Vater N. Josua Marcus in seinem 73. Lebensjahre. Der verewigte gehörte zwar dem Kaufmannsstande an, war aber ein großer und durch seine echte Frömmigkeit und große Wohlthätigkeit allgemein geachtet. Da er der streng orthodoxen Richtung angehörte, so war er ein entschiedener Gegner moderner religiöser Anschauungen im Judenthume. Nie wollte er den Choral-Tempel, in welchem wir eine Orgel angebracht und das Hol-lNäi-e-Gebet abgeschafft haben, betreten. Und selbst gelegentlich der Verheirathung seiner Kinder, gestattete er zwar dem modernen Rabbiner und Borbeter, die Trauung vorzunehme», aber die Ceremonie mußte in seinem Hause und ohne Ornat stattfindeu. Dennoch aber wurde auch von dieser Seite seiner Rechtschaffenheit und wahrhaften Frömniigkeit volle Anerkennung gezollt, wie dies auch der Herr Rabb. Dr. Beek in der Trauerrede mit sehr beredten Worten ausdrückte. Daniel Marcus. Nordamerika. London, 1. April. Aus Washington wird gemeldet, daß der Repräsentantenhaus-Ausschuß dem Hause die Annahme einer Bill empfiehlt, durch welche nach Ablauf von fünf Jahren Ausländern Landerwerb verboten werden soll. (Hiernach müßten die Ausländer naturalisirt sein, wenn sic Land erwerben wollten, also immer erst nach Ablauf eines ziemlichen Zeitraumes.) Bonn, 8. April. (Notizen.) Man schreibt uns aus Lippstadt, 26. März: Am npo z~y wurde hier der Senior der israelitischen Lehrer Deutschlands, der einer. Lehrer und Prediger S. L. Liepmaiinssohn aus Horn bei Lippstadt, zu Grabe getragen. Der Verstorbene stand im 89. Lebensjahre und hat 65 Jahre treu in seinem Berufe gewirkt. Zahlreiche Schüler sind von ihm ausgestellt, die alle mit großer Liebe und Verehrung an ihrem Lehrer hingen. Der Verstorbene hat ausschließlich in Westfalen und der Rheinprovinz amtirt, in welchen beiden Provinzen er besonders als vorzüglicher Kanzelredner, sowie als Verfasser vieler Erbauungsschriften und patriotischer Gelegenheitsreden bei den Israeliten rühmlichst bekannt ist. Im Jahre 1800 in Sandersleben geboren, besuchte er die Frauzschule, wo er unter den unvergeßlichen Lehrern Dr. Gvtthold Salomo» und Wolfs den Grund zu seinen reichen hebräischen Kenntnissen legte, die er durch eifriges Studium während seines langen Lebens vertiefte und erweiterte. Der Verstorbene hat in vollen: Umfange das Wort unserer Weisen bethätigt "m Dy mm zm piN, indem er neben dem Studium der Gotteslehre auch sich eifrig mit weltlichen Wissenschaften beschäftigte. Er war wohl der erste, der in den westlichen Provinzen Predigt und Confirmation einführte, sowie eine zeitgemäße Reform des Gottesdienstes an vielen Orten bewirkte. Die Lauterkeit seines Charakters und seine Herzensgute gewannen ihm viele Freunde und durch seine gern geübte Mildthätigkeit linderte er manches Leid. In den letzten Jahren seines Lebens hat der Heimgegangene an schweren körperlichen Gebrechen gelitten, von denen ihn am 23. März der Tod sanft erlöste. Herr- Lehrer Rosenfeld aus Lippstadt widmete dem Verewigten am Grabe unter Zugrundelegung von Psalm 90, t0 einen würdigen Nachruf. Bon seinen Söhnen leben zwei in Amerika, während der dritte Prediger der Shnagogen-Gemeinde Minden ist. ■jnzna'D pzNi dy ^zn — Aus Pest wird uns geschrieben: Albert Sterenhi (Stern), früher Rabbiner von Neu-Pest, der mehrere Schriften verfaßte und einige Jahre die Zeitschrift „Hamechaker" erscheinen ließ, derselbe, der vor einigen Jahren durch seine Reformpläne von sich reden machte, wurde in diesen Tagen geisteskrank und in die hiesige Irrenanstalt gebracht. — Wie man uns aus Jassy meldet,; ist dort vorgestern um 2 Uhr Morgens in der Judengassc : ein Feuer zum Ausbruch gekommen, welches zahlreiche Läden und Wohnungen armer Kleinhändler verzehrte. Dreißig Familicn sind obdachlos, der Schaden ist bedeutend. — Der Mörder der jüdischen Trödlerin Hirsch in Kolin, Jos. Maschek, wurde vom Kassationshof zum Tode verurtheilt.— Aus P e st wird uns geschrieben: Der vor einigen Monaten hier verstorbene Hr. Armin Neuwelt, der eine Reihe von Jahren - Präses der hiesigen israelitischen Gemeinde war, bestimmte testaj mentarisch für Wohlthäligkeitsanstalten 10,000 fl., und zwar für - das israel. Kuabenwaisenhaus 3000 fl., das isr. Taubstummen- Jnstitut 2000 fl., den israel. Frauenverein 1500 fl., das i israel. Spital 1500 fl., die Chewra Kadischa 500 fl., das israel. Siechenhaus 400 fl., den israel. Handwerkervereiu 300 fl. u. a. — Aus Temesvar wird geschrieben: Vor einigen Tagen, als die Mitglieder der hiesigen spanischen Gemeinde ihren Abendgottesdienst verrichteten,