Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1888)
- Date
- 1888-04-12
- Page
- Seite 235 (sequence 11)
- Language
- German
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235 den Gegenstand, und wieder in anderen wird die Angelegenheit dem Gutdünken der Polizei überlassen. Türkei. Smyrna, 6. März. (Privatmitth.) Jedem Beobachter drängt sich die Wahrnehmung der traurigen Thatsache auf, daß die sog. sephardischen Juden weit hinter ihren askenasischen Glaubensgenossen zurückgeblieben sind. Elftere» ivelche ehemals die Blüthe der Judenheit ausinachten, aus deren Mitte unsere größten Denker und Dichter entsprungen sind, und denen auch die Widersacher des Judenthums eine gewisse Superiorität beizulegen pflegte», sind ganz unberührt geblieben von den religiösen Bewegungen, welche sich seit Mendelssohn innerhalb der askenasischen Judenschaft kündbar machte». Nicht nur unter den im Orient lebenden sephardischcu Inden, sondern selbst unter den nach Europa zurückversprengteu Gemeinschaften spaniolischer Juden sind selten der Gemeinsinn und die Opferwilligkeit anzutreffen, welche unter den askenasischen Juden so heimisch sind. Tie große sephardische Gemeinde in Wien, welche so viele Wohlhabende zu ihren Angehörigen zählt, hat sich erst in allerjüngster Zeit dazu aufgerafft, eine unseren modernen Auschauungen gemäße Andachtsstätte zu errichten. Ob eine ästhetische Umgestaltung des Gottesdienstes in diesem neuen Bethause stattgefunden hat, kann ich nicht bestimmt sagen. Was nun die großen, so zahlreichen Gemeinden in der Türkei anbelangt, so besitze» sie trotz ihrer homogenen Zusammensetzung und einheitlichen religiösen Anschauung fast gar kein Gemeindeleben. Die Entstehung und Erhaltung fast aller ihrer culturellen und Wohlthätigkeits-Anstalten verdanken sie der All. isr. univ., einer Schöpfung der westeuropäischen askeu. Juden. Die 70,000 Seelen zählende jüdische Gemeinde in Salonichi muß von der Alliance zum Unterhalt ihrer Schüler unterstützt werde», und ich habe dort das Schauder erregende Bild der Verwahrlosung gesehen, daß sie ihren Friedhof nicht umzäumt hat. Auch die 25,000 Seelen zählende Smyrnaer Gemeinde verdankt der Munificenz der Hirsch's und Rothschild's die Errichtung und das Bestehen ihrer Lehr- und Wohlthätigkeits - Anstalten. Besonders hat ihr Baron Hirsch ein prachtvolles Schulgebäude für Knaben und Mädchen hergerichtet. Gelegentlich seines letzten Vcrweilens in Constantinopel entsendeten die Gemeinde-Vorstände einsihrer Mitglieder, Herrn Elie Ganon, um dem Baron eine in Sammet eingefaßte Dankadresse zu überreichen. Dieselbe war taclvoll abgefaßt, ohne irgend eine Bitte uin weitere Unterstützung zu enthalten. Der Baron empfing den Smyrnaer Delegirten sehr freundlich, erkundigte sich eingehend betreffs der materiellen und moralischen Lage deO hiesigen Judenschaft, und ob sie ihre Jugend dem Handwerkfache zuzuwenden suche. Herr Ganon bemerkte daraus, daß die jüdische Jugend leider diesen wichtigen Punkt vernachlässige, weil die von der Regierung errichtete Eeole des Arts et des Metiers tu einem von Smyrna weit abliegenden Vororte liege, weshalb die jüdischen Kinder dieselbe, welche andrerseits ausschließlich von Muselmännern besucht wird, nicht benutzen könne. Der Baron entließ den Smyrnaer Delegirten huldvoll. Am Nachmittage aber wurde Herr Ganon von einenr Schreiben des Baron überrascht, in welchem er benachrichtigt wurde, daß der Baron der Smyrnaer Gemeinde Fl. 50,000 überreiche, bestimmt zur Errichtung einer Handwerkerschule und sich ferner verpflichte, nach Errichtung derselben Fl. 8000 jährlich zum Unterhalt der Schule beizusteuern. Tie rationelle Weise, wie Baron Hirsch seine fürstliche Wohlthätigkeit ausübt, dieselbe nicht nach altmodischer Philanthropenart an D—DiD und sonstige Schnorrer zu vergeuden, sondern seine reichlichen, unversiegbaren Gaben nur dauerhaften gemeinnützigen Institutionen zu widmen, stempelt ihn zum wahren b~ i\\- — Salonichi anlangend, gestalten Sie mir zu bemerken, daß jene von Ihnen in Nr. 4 der A. Z. d. I. angegebene Zahl der jüd. Bevölkerung fast um die Hälfte zu niedrig gegriffen ist. Während meines jüngsten Aufenthaltes daselbst hatte ich Gelegenheit, auch über diesen Punkt mich genau zu insormiren. In der That ist die Seelenzahl der Sal. jüd. Gemeinde mindestens 70,000, was fast 4 der Gesammtzahl der dortigen Bevölkerung ausmacht, so daß dieser wichtige Hafenplatz den seltsamen Anblick einer ausschließlich jüdischen Stadt bietet. In allen Zweigen menschlicher Thätigkeit nehmen sie daselbst de» fast ausschließlichen Platz ein. Am Sabbath und an jüd. Festtagen herrscht die absoluteste Ruhe in dieser sonst so rührigen Stadt. Auch die große Tabak-Fabrik der Türkischen Regie und alle init derselben im Zusammenhang stehenden Etablissements wagen es nicht, die Sabbatfeierlichkeit zu stören, weil sämmtliche Arbeiter der jüdischen Religion angehören. Am r.~z und [ mr.D mußte die Fabrik 8, resp.!> Tage geschloffen bleiben, ' weil der Ober-Rabbiner ihnen nicht gestatten wollte, am Hr, zu arbeiten. Auf meine im Interesse der Arbeiter sowohl wie auch der Administration versuchte Intervention sagte er mir: „Vene me demaiide/. de clnmgei' la Lei de rs’D mn jamais! jamaisl“ Wohl find am Samstage ini Bazar einige schläfrig gähnende, offene Läden anzutreffeu, welche den Talmas angehören. Diese sind nämlich die Ueberreste der Anhänger Sabbatai Zewi's. Ich habe es mir auch angelegen sein lassen, einen der Aeltesten dieser in 3 Gruppen zerfallenden Serie aufzusuchen. Leider gelang es mir nicht, von ihm Näheres über jene von Grätz in seiner Monatsschrift (Februar 18844 15*