Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1888)
- Date
- 1888-04-12
- Page
- Seite 234 (sequence 10)
- Language
- German
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tu Häuft (jefjcii und int Lauft des VvnnitlagS wiederkommen sotten, einige Religionsstundcu für die jüdischen Zöglinge während der Woche auf die Ncichmitlagssjunden verlegt werden müßten, was doch nach meinem unmaßgeblichen Dafürhalten nur dann geschehen sollte, wenn dringende Verhältnisse es unumgänglich nöthig machen. Freilich wird auf manchen Gymnasien den jüdischen Schülern der Oberklassen gar kein Religionsunterricht ertheilt — weil kein geeigneter Unterricht crtheilt werden kann — wenn nämlich die jüdische Gemeinde eines Rabbiners entbehrt, der Kultusbeamte vielleicht nicht einmal die Kenntnisse eines Eleinentarlehrers besitzt, da kann man es den Eltern nicht verübeln, wenn sie ihre Söhne in den Oberklasscn von einem solchen Lehrer nicht unterrichten lassen, dem vielleicht seine Schüler geistig über den Kopf gewachsen wären. - Da die jüdischen Schüler mit Ausnahme der Fest- und Feiertage das ganze Jahr hindurch am öffentlichen Gottesdienst der Gemeinde wegen des Gyinnasiulbesnches sich nicht betheiligen können, so ist — wenn sie nicht einst indifferent gegen alles Religiöse die Anstalt verlaffen sollen — gewiß um so wünschenswerther, daß ihnen der Religionsunterricht so gedeihlich wie nur möglich ertheilt werde, was bei Kombiuirnng von Klassen jedenfalls weniger zu erzielen ist. — Ueber die weitere Entwickelung dieser Angelegenheit werde ich nicht unterlassen zu berichten. Dr. Wiener. Frankreich.. Paris, 1. April. (Privatmitth.) Die hiesigen Antisemiten, deren Bestrebungen unter den Ereignissen und Bewegungen des Tages nur geringe Berücksichtigung finden, suchen sich auf olle Weise immer wieder bemerklich zu macheu. Je größer die Gefahren werden, welche die Republik bedrohen und zwar am meisten durch die Republikaner selbst, durch ihre Zerfahrenheit in einander bekämpfende Parteien, desto geringer wird die Gefahr, welche die Antisemiten heraufzubeschwören trachten. Sie machen sich durch schmähliche Plakate, Flugblätter und Aeußerungen in verschiedenen Zeitungen Luft. Von Seiten der Prokuratur werden diese leicht verfolgbaren Preßerzeugnisse mit duldsamen Augen angesehen. Man darf hieraus nicht auf eine judenfeindliche Gesinnung der jeweiligen Behörden schließen. Es giebt so viel zu überwachen und einzuschreiten, daß man dasjenige, was von keiner actuellen Gefährlichkeit ist, mit Stillschweigen übergeht. — In einer deutschen Zeitung lese ich soeben, dreißig Studenten der Universität Lille hätten dem antisemitischen Abgeordneten Dr. Pattai eine Dankadresse für seine letzte Rede im österreichischen Abgeordnetenhause übersandt. Es ist dies sicherlich eine jener Aufschneidereien, welche sich die Antisemiten bei dem Mangel anderer Erfolge zu erlauben gewohnt sind. Die französischen Studenten, noch dazu auf der kleinen Universität Lille, bekümmern sich nicht im Geringsten um die österreichischen Angelegenheiten und um die Verhandlungen des Wiener Reichsrathes. Man muß sich wundern, daß deutsche, noch dazu freisinnige Zeitungen, solchen Erfindungen, denen die Unwahrheit an der Stirn geschrieben ist, Raum gewähren. Erklärlich ist es nur daraus, daß diese Zeitungen auf ihre jüdischen Abonnenten rechnen, denen sie ein Gruseln einflößen wollen, um sich als ihre Vertheidiger aufzuspielen. — Wie groß, trotz der im christlichen Publikum viel verbreiteten, gegentheiligen Meinung, die Armuth bei den Juden in Paris ist, kann man aus dem Umstande ersehen, daß die an die Armen zu vertheilenden Mazzoth dieses Jahr 20,(XX) Kilos weit übertrafen. Italien. Rom, im März. Als das alte Ghetto verlassen werden mußte, weil es niedergerissen werden sollte — eine unsagbare Wohlthat für dessen Bewohner— war es eine große Verlegenheit, wohin sich die größere Zahl der Juden verpflanzen sollte, da sie bei ihrer großen Armuth in den besseren Theilen der Stadt, namentlich in den neuen, die Wohnungsmiethe nicht hätten bezahlen können. Als Auskunftsmittel bot sich das andere Ufer der Ttber an, jener Raum, in welchem unter den Römern das Quartier der jüdischen Gemeinde sich befand, die damals mehr als drei Mal so stark war als die jetzige jüdische Bevölkerung Roms. Nach und nach sammelten sich hier die Juden wieder an, und man geht damit um, eine Synagoge hier zu erbauen. Voll einer Ausschließlichkeit jüdischer Bewohner ist selbstverständlich keine Rede. — Mit Befriedigung sieht man das neue Rabbinerseminar zu immer besserer Btüthe kommen. Mit jedem Jahre mehrt sich die Zahl der reiferen Schüler, so daß auch der Lehrplan sich immer mehr ausdehnen kann. Großbritannien. London, 29. März. Daß die Eiliwauderungesrage auch in England eine bestimmte Gestalt anzunehmen begillnt, ersieht man auch aus Folgendem. Dem Parlament wurde gestern der auf Anregung des Marquis von Salisbury von den britischen Konsuln verfaßte Bericht über die Gesetze vorgelegt, welche in den verschiedenen europäischen Ländern bezüglich mittelloser Ausländer gelten. Der Bericht enthält die betreffende Gesetzgebung von 34 europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten. In einzelnen Staaten sind die Vorschriften sehr strenge, in anderen, wie in Portugal, Rumänien und Rußland, giebt es überhaupt keine Gesetze über