Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1888)
- Date
- 1888-04-12
- Page
- Seite 233 (sequence 9)
- Language
- German
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233 erfahrungsmäßig alle solche Agitationen, mögen sie gegen Juden oder Katholiken gerichtet sein, die gehoffte Wirkung verfehlen, sondern im Gegentheil nur eine innigere Vereinigung der Gehaßten und aller wirklich humanen Leute zur Folge haben, so könnte man sich über die persönlichen Verstimmungen, welche dadurch hervorgerufen werden, leicht hinwegsetzen, wenn man nicht so sehr oft die Wahrnehmung machte, daß die äußere Agitation auf confessionellem Gebiete von den Lehren der eigenen Sittlichkeit ablenkt und zu einer oberflächlichen Heuchelei führt, während das Bewußtsein von der Nothwendigkeit eines sittlichen Charakters, als der Grundlage für das Wohlbefinden des einzelnen Menschen wie auch der Menschen zu einander, immer mehr verloren geht. Gerade diese Folge tritt leider auch in hiesiger Gegend hervor. Die Zahl der Ehescheidungen nimmt immer mehr zu, und fast in jeder Sitzung der Strafkammer unseres Landgerichts bildet eine Anklage wegen Sittlichkeitsvergehens den Gegenstand der Verhandlung. Nun hat auch der erste Pfarrer der größten hiesigen evangelischen Kirchengemeinde selbst durch sein verbrecherisches Handeln gezeigt, welche Verheerungen unter dem Schein der äußeren Religiosität angerichtet werden können, wenn der sittliche Charakter fehlt. Vor einigen Jahren auf Betreiben der sogenannten „frommen" Partei zum Pfarrer gewählt, gehörte er zu den Unterzeichnern der Stöcker-Adresse und machte sich durch Unduldsamkeit gegen Andersgläubige bekannt .... Die Empörung über das schändliche Treiben Müllers ist um so größer, nachdem bekannt geworden, daß er unter dem Schilde der Religion, während er die Kinder sittlich vermahnte und mit ihnen um Erhaltung ihrer Sittenreinheit betete, seine Schandthaten beging." Der „Wächter" schließt: „Fluchwürdiger kann die Religion nicht beschimpft werden, als es in diesem Falle geschehen ist von Einem, der sich als Schützer und Vertheidiger derselben bei jeder Gelegenheit aufspielte und nicht so viel Verbrecherehre besaß, sich der irdischen Gerechtigkeit zu stellen, aber, wie wir erfahren, so unverfroren war, denjenigen noch zu drohen, die ihn gewarnt hatten. — Was nun? — fragt man jetzt in allen Kreisen. Durch eine schreckliche Erfahrung belehrt, wohin die religiöse Heuchelei fuhren kann, muß die Bürgerschaft Bielefelds energisch gegen das Muckerthum Vorgehen. Vor allen Dingen heißt es, unsere Jugend vor der Muckerei zu retten und deren Einfluß von den Schulen fern zu halten. Wir treffen uns mit den Gegnern in diesem Jahre wieder, auf politischem Felde und bei den kirchlichen Wahlen. Dann ist es die Pflicht aller freidenkenden Männer, einmnthig und energisch zu handeln. Wer der Stöckerei und Muckerei in irgend einer Weise dienstbar bleibt, der wird schwer an der Verantwortung zu tragen haben!" — Wir theilen die Hoffnungen des „Wächters" nicht. Bei den Muckern handelt es sich ja nicht um Religion und Sittlichkeit, sondern um die durch die Frömmelei zu erlangende Macht. Sie merzen daher denjenigen, der sie compromittirt, aus und treiben ihre Sache weiter, als wenn nichts geschehen wäre, und die blöde Menge, die sich in dieser Frömmelei gefallen hat, bleibt darin stecken. Mit Emphase unterscheidet man zwischen Sache und Person, während sonst gerade die Mucker Sache und Person identificiren und um ihrer Sache willen die Personen verfolgen. Oppeln, 1. April. (Priatmitth.) Herr Gymnasial- Direktor Dr. Brüll trug mir auf, die Pensa in beit Religionsdisziplinen für die jüdischen Zöglinge des Gymnasiums in anderer Weise als bisher zu ertheilen, denn es sollen nach Verfügung des Provinzial-Schul-Kollegiums bei der geringen Zahl der jüdischen Gymnasiasten einige Klassen combinirt j werden und zwar Sexta mit Quinta wie bisher, Quarta mit! Unter- und Obertertia, Sekunda mit Prima. Mit aller! schuldigen Devotion glaube ich einem hochlöblichen Provinzialj SchubKotlegium dagegen vorstellen zu sollen, daß nach mei * ner langjährigen vielfachen Erfahrung im Schulfache diese Einrichtung, wenn nicht obwaltende Umstände sie nöthig machen, durchaus nicht zu empfehlen sein dürfte. Die Sextaner und Quintaner sind freilich ziemlich desselben Alters und derselben Befähigung; da hat die Kombination bei einer geringen Schülerzahl nichts Bedenkliches; dagegen ist zwischen dem ^jüngsten und am wenigsten befähigten Quartaner und einem älteren gereiften Obertertianer wie im Lebensalter, so auch! in der Befähigung, in der Auffassung des Lehrstoffes oft | eine gewaltige Kluft: was dem Obertertianer schon bekannt j und geläufig ist, ist dem jungen Quartaner noch ganz fremd, j was jene leicht erfassen, begreifen diese noch nicht, und läßt! man sich zn der Fassungskraft des jüngsten Quartaners herab,! so sind die Obertertianer nicht mehr vollauf beschäftigt; hier j oder dort fehlt dann die nöthige Aufmerksamkeit, was auch! für Aufrechterhaltung der Disziplin nicht ohne Nachtheil sein kann. Der Mangel an der nöthigen Aufmerksamkeit würde sich sogar aus meinem Unterrichte auch auf die Unterrichtsobjekte der anderen Herren Lehrer übertragen. Ebenso ist zwischen dem aus der Tertia erst versetzten Secundaner und dem im letzten Semester stehenden Primaner wie an Jahren, so in der Auffassung eine weite Kluft und die Aufmerksamkeit kann nicht dieselbe sein, wie wenn sie getrennt unterrichtet werden. Ich sehe, lvelche Schwierigkeiten und Verlegenheiten mir die Kombination einiger Klassen in der höheren Mädchenschule verursacht. Es fehlt da leider gar sehr an der nöthigen Aufmerksamkeit, die Aufrechterhaltung der Disziplin macht mir viel zu schaffen. Dort ist aber leider die Kombinirung durch obwaltende Umstände unerläßlich. Ich glaube auch, daß, wenn nicht durch diese Aendernng die jüdischen Schüler während mancher Religionssinnden der christlichen Mitschüler die Klasse verlassen, nach \b