Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1888)
- Date
- 1888-04-12
- Page
- Seite 232 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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232 in den deutschen Reichstag gewählt, wo er, der nationalliberalen Fraction angehörend, namentlich hervorragenden Antheil an der Commissionsberathung der mit dem I.October 1879 ins Leben getretenen Justizgesetze nahm. Die in Folge dieser Hierselbst gebildete „Hanseatische Anwaltskammer", welche bekanntlich aus den Rechtsanwälten der drei Hansestädte besteht, wählte ihn zu ihrem Vorsitzenden; ein Amt, dem der Jubilar zur großen Freude seiner Berufsgenossen noch heute vorsteht. Daß Herrn Eh-. I. Wolffson an seinem heutigen Ehrentage zahlreiche Beweise der innigsten Verehrung und Hochachtung zu Theil wurden, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Zunächst war dem Jubilar aus Göttingen das mit sehr anerkennenden Worten erneuerte Doctordiplom übersandt worden. Heute Morgen traf sodann in der Wohnung des Jubilars, Heimhuderstraße, eine Deputation des Vereins Hamburger Juristen ein, an ihrer Spitze Herr Oberlandesgerichtsrath Dr. Martin, welcher im Namen des Vereins eine herzliche Ansprache an den Jubilar hielt. Dann überreichte Herr Rudolph Heinrich Möring eine Adresse der nationalliberalen Fraction des Reichstages. — Eine dritte Deputation bestand aus sechszehn Personen. — Der Vorstand des Justizwesens, Herr Senator Dr. Hertz, über brachte die Glückwünsche des Senats, wobei der Herr Senator eine herzliche Ansprache an den Gefeierten hielt, in welcher er dessen Leben und Wirken schilderte und dem Wunsche Ausdruck gab, daß es dem Jubilar noch viele Jahre vergönnnt sein möge, in der jetzigen Geiftesfrische und Rüstigkeit weiter zu wirken. — Hierauf wurde dem Jubilar eine prachtvoll ausgeführte Adresse von Richtern und Anwälten zu Hamburg, Lübeck und Bremen übergeben. — Auch der Bremer Anwaltsverein hatte eine Adresse übersandt. — Außerdem waren erschienen als Deputirter des Oberlandesgerichts der Präsident desselben, Herr Di'. Sieveking, als Deputirter des Landgerichts Herr Präsident Dr. Arning; ferner Herr Oberstaatsanwalt Dr. Hirsch und als Deputirte des Amtsgerichts die Herren Amtsrichter Dr. Burchard und Dr. Gericke. Ferner war eine außerordentlich große Zahl von Juristen anwesend, welche ihre herzlichen Glückwünsche darbrachten. Auch war die Zahl schriftlicher Gratulationen, Glückwnnschdepeschen re. eine außerordentlich große. Die Adresse der Juristen vvn Lübeck, Hamburg und Bremen wurde viel bewundert. Sie ruht in einem sehr schönen, stylvollen, staffeleiartigen Aufsatz aus feinem kunstvoll geschnitzten Holz. Die Widmung, welche äußerst kunstvoll ausgeführt ist, lautet: „Am Tage seiner 50jährigen Jubelfeier als Doctor beider Rechte beglückwünschen Herrn Isaak Wolffson, den Ehrenmann, den um Vaterstadt und Vaterland hochverdienten Bürger, den liebenswürdigen College», den tiefen Kenner, weisen Förderer, bewährten Vertreter des Rechtes mit dankbarer Anerkennung dessen, was er als Rechtsanwalt, als Mitglied und Präsident der hamburgischen Bürgerschaft, als Mitglied des deutschen Reichstages und der Commission zur Prüfung der Justizgesetze von 1879, als erster Vorsitzender des Vorstandes der Hanseatischen Anwalskammer geleistet hat und wünschen ihm ferneres langes Leben und Wirken — in herzlicher Verehrung und Freundschaft seine Standesgenossen von Hamburg, Lübeck und Bremen; den 26. März 1888." Unter der Widmung befindet sich die Tafel mit 200 Unterschriften von Richtern, Rechtsanwälten und anderen Juristen der drei Hansestädte. Der sehr hübsche Verschluß der Adresse zeigt außen die Aula zu Göttingen und das Hamburger Rathhaus, im Innern den Reichstagssaal und den Bürgerschaftssaal. Begreiflicherweise hatte sich der Jubilar auch bedeutender Blumenspenden zu erfreuen. Frisch und rüstig bewegte sich der allbeliebte Herr in seiner Umgebung und hat für Jeden ein freundliches und oft auch humorvolles Wort. Das Haus wurde während des ganzen Tages von Gratulanten und Gratulantinnen nicht leer. (Diese, den „Hamb. Nachricht." entnommene Darstellung verwundert uns nur insofern, als die israelitische Gemeinde, in deren Interesse Dr. W. doch früher auch thätig gewesen, gar keinen Antheil an dieser Feier genommen haben soll! Redakt.) Bielefeld, 28. März. Aus den öffentlichen Blättern ist es bekannt, daß der erste Geistliche der Bielefelder altstädtischeu Gemeinde, Otto Müller, steckbrieflich verfolgt wird, weil er an einer Anzahl seiner „Seelsorge" anvertranter Kinder fortgesetzt die scheußlichsten, hier nicht näher zu bezeichnendes! Verbrechen gegen die Sittlichkeit begangen hat. Der in Bielefeld erscheinende „Wächter" schreibt mit Beziehung auf dieses Ereigniß und in Anknüpfung an die Agitation der Ravensberger Stöckerianer und Mucker: „Während die politischen Bestrebungen (der Reaction) nach außen hin durch die Wahl Stöcker's zum Reichstage ihre Signatur erhalten haben, ist man hier nicht müßig, die sonderbarsten Begriffe von religiöser Duldung nicht bloß theoretisch zu verbreiten, sondern auch praktisch zur Anwendung zu bringen. Hier wurden Adressen geschmiedet, um dem Treiben Stöcker's Beifall zu klatschen und ihn auf seiner abschüssigen Bahn zu ermuntern. Stöcker selbst und Liebermann kamen her, um das Judenthnm auch hier am Orte in der bekannten Weise herabzusetzeu. Aber nicht bloß die Juden, sondern auch die Katholiken sollten den Haß der Hetzer empfinden .... Wie weit der Mangel an Erkenntniß und Liebe sich erstreckt, beweist ein Flugblatt, durch welches die hiesigen evangelischen Kirchenvertretungen noch vor wenigen Monaten aufforderten, die katholischen barmherzigen Schwestern, welche in Selbstlosigkeit ihre Gesundheit und ihr Leben, ohne Rücksicht auf Confession, der Armuth und Bedürftigkeit ihrer Mitineuschen zum Opfer bringen, von ihren Thüren zurückznweisen. Da