Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1888)
- Date
- 1888-04-12
- Page
- Seite 227 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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227 deutschen Erhebung, sondern befaßt einen Fanatismus der Ausschließlichkeit und der Ausschließung, der nicht ohne die nachtheiligsten Wirkungen fortherrschen kann. Wlr haben wiederholt in diesen Blättern die hohe Bedeutung des nationalen Geistes gewürdigt. So wie ein Individuum durch ein bloßes enyclopädisches Wissen, durch ein Herumtasten nach allen Bildungszweigen, Kunstgattungen und Wissenschaftsdisciplinen zu keiner schöpferischen Kraft gelangt und stets nur im Formalen heimisch sein wird: so auch bei einem großen Volksindividuum. Soll die Nation zur großen Culturentwickelung wesentlich beitragen, soll sie nicht blos materiell, sondern auch geistig ihren Bestand sichern, soll sie wesenhafte und dauernde Schöpfungen hervorbringen, so vermag sie dies vor allem durch die kräftige Entwickelung und Pflege ihres nationalen Geistes, ihrer nationalen Eigenart und Kraft. Aber so wie sie sich im Bewußtsein ihrer nationalen Bedeutung berauscht, sich allen anderen Nationen entgegenstellt und sich über sie erhebt, allem nicht aus ihrem eigenen Schoße Hervorgegangenen Achtung und Theilnahme versagt, sich allein auf der höchsten Höhe wähnt, weithin hervorragend über alle anderen Glieder des Menschengeschlechts — verfällt sie einer gefährlichen Einseitigkeit, die früher oder später zum Stillstand und dann zum Niedergang führt. Daß von dieser Uebertreibuug und Ueberschätzung ein Theil des dent- .schen Volkes, und zwar der, welcher sich am lautesten beträgt, ergriffen ist, kann man sich nicht verhehlen. „Der deutsche Geist, die deutsche Kraft, der deutsche Geschmack, die deutsche Kunst, die deutsche Wissenschaft, die nationale Arbeit, das nationale Gewerbe" und wer weiß was noch! vernimmt man von allen Seiten, und mau stellt sie nicht als deutsch-nationales Product, sondern als erhaben und siegreich, als Gegensatz zu den Werken und Bestrebungen aller anderen Nationen als solche auf, und predigt die Feindseligkeit und die Verachtung gegen alle anderen menschlichen Erscheinungen. Dieses Uebermaß der volksthümlichen Würdigung hat folgerichtig schon vielen Kampf in die Nation selbst hineingeworfen. Ein Jahrzehnt lang bekämpfte man die deutschen Katholiken als deutsch-nationale Widersacher, weil der Schwerpunkt ihrer Kirche jenseits der Berge sich befinde, weil ihre feierlichsten gottesdienstlichen Acte in fremder Sprache vollzogen werden u. s. w. Die Ausschließlichkeit jenes nationalen Fanatismus wandte sich gegen die deutschen Juden, trotzdem diese seit vielen Jahrhunderten an allen Geschicken des deutschen Volkes den engsten Antheil gehabt und trotz deren eifrigen Bemühungen sich dem Deutschthum zu assiniiliren. Wie würde es aussehen in Deutschland in allen Beziehungen und Richtungen des Lebens, wenn diese einseitigen und culturwidrigen Heißsporne die Herrschaft erhielten! Ist es doch, als ob wir Deutschen, nachdem Jahrhunderte laug der nationale Geist nur in leisen Funken gelebt, nur dann und wann in kleinen Flämmchen aufschlng, jetzt diese lange Vernachlässigung wieder gutmachen wollten, nämlich dadurch, daß wir in das gegentheilige Extrem ausschlagen. Blicken wir aber auf die Wirklichkeit, so stellen sich die Dinge doch anders dar. Wirsehen von der banalen Mode ab, deren Ausgangspunkt noch immer Paris ist und daß die französische Geschmacksrichtung noch immer die Oberhand hat. Aber selbst in der Literatur: erscheint doch kein französischer Roman, der, sei er auch von der widrigsten Tendenz, nicht sofort ins Deutsche übertragen und in unzähligen Exemplaren verbreitet wird. Auf unseren Theatern werden französische Stücke in Uebermaß aufgeführt, selbst solche, die vor der Kritik keinen Augenblick bestehen können. Keine deutsche Oper weigert sich, des Italieners Verdi, der Franzosen Gounod, Thomas n. A. Werke aufzuführen. Wo nur, in allen Thejlen der Welt, etwas Bedeutendes erscheint, nimmt man es in Deutschland mit Freuden aus. Keine Presse der Welt thut es der deutschen gleich, täglich über alle Vorgänge in allen Ländern der Erde ausführliche Nachrichten zu bringen, ein Beweis, daß wir Deutschen in Wirklichkeit für alle menschlichen Ereignisse und Erscheinungen einen offenen Sinn haben und sie gern in uns aufnehmen. Dies Alles aber beweist, daß der nationale Geist und das nationale Interesse durchaus nicht im Gegensatz zur Würdigung und Achtung auch des Außerdeutschen stehen, sondern vielmehr durch diese ihrer richtigen Entfaltung entgegengehen. Wollen wir Deutsche, die wir uns besonders der unparteiischen Geschichtsforschung rühmen, der Wahrheit die Ehre geben, so müssen mir uns bewußt bleiben, daß wir den anderen Nationen zu großem Danke verpflichtet sind. Mit dem Beginne der Religiousstreitigkeitcn und besonders seit dem Anfang des dreißigjährigen Krieges sank der deutsche Geist so tief, daß alle schöpferische Pflege von Kunst und Wissenschaft, des Geschmacks und der Bildung bei den übrigen Nationen sich befand und wir nichts Anderes vermochten, als ans den Wegen jener zu wandeln und ihnen nachzugehen. Den anderen Nationen verdanken wir Anstoß und Förderung, bis der deutsche Geist erwachte, sich ermannte und auf den Schultern der Culturerrnngnisse anderer Völker Großes und Entscheidendes zu schaffen vernlvchte. So selbst in der internationalen Wissenschaft. Wir habert aus jener Zeit einen Kopernikus und Kepler; aber die eigentlichen Grundleger der Naturwissenschaften waren doch der Engländer Newton, der Italiener Galiläi, der Franzose Lavoisier, der Schwede Linno. Selbst in der Philosophie stand Leibnitz auf den Schultern Descarles' und Spinozas; noch Lessing und Mendelssohn auf den Schultern der englischen Deisten, bis Kant die Pforte neuer philosophischer Erkenntnisse eröffnete. Seitdem hat Deutschland Gcistesheroen ersten Ranges auf allen Gebieten hervorgebracht; aber in diesem freudigen Bewußtsein müssen wir nicht vergessen, 15*