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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-12 · Heft 15 (12.4.1888) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 15 (12.4.1888)
Date
1888-04-12
Page
Seite 226 (sequence 2)
Language
German
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226 sch elften eines Jlidividuluns jeder der drei gedachten Sphären angehöre. Hiermit ist aber auch die Selbständigkeit des Wesens gerettet, und wenn nur auf den Menschen sehen, so besitzt er allerdings durch seinen Erwerbungs- und seinen Entwickelnngstrieb die volle Macht, über seine ererbten Eigenschäften Herr zu werden. Und dies ist es ja, was die Moral uub mit ihr das Staatsgesetz verlangt. Beide leugnen die bösen Begierden des Menschen nicht; aber sie verlangen, daß das Individuum über dieselben — nach dem alten Schriftwort — herrsche, sie unterdrücke, ihnen nicht nachgebe, und daraus entspringt, so lange eine Geistesverwirrung nicht stattfindet, die Verantlvortlichkeit und die Straffälligkeit. Was sollte denn auch die mit so vieler Mühewaltung geleitete Erziehung, wenn sie nicht eben auf dem Boden der Entwickelung auf die leiblichen und geistigen Eigenschaften des jungen Menschen wirken und die Ueberwindung der bösen Begierden, seien sie ererbt oder erwacht in der Seele, erzielen sollte? Jene Hypothese von der Vererbung beruht also nur in einer völligen Begriffsverwirrung und in gänzlich falscher Beobachtungsweise. — Kommen wir nun eben zu der Beobachtung selbst, welche ja von dem wahren Naturforscher als einziges Fundament der Wissenschaft angesehen und auch von jenen Theoretikern geltend gemacht wird. Mit Recht hat Virchow gefordert, daß man bei der weiten Kluft zwischen Affe und Mensch den Uebergang zwischen beiden thatsächllch Nachweisen müsse, bisher aber nichts gefunden worden sei, was einen solchen Uebergang demonstlire. Man wird solche factische Uebergangsbeweise auch bei anderen Gattungen nicht Herstellen können, aber in dem vorliegenden Falle ist es doch allzudeutlich, daß die Hypothese wieder einmal die luftigsten Sprünge gemacht hat. Wir fügen noch eine andere thatsächliche Beobachtung hinzu: Während des ganzen geschichtlichen Zeitraumes des Menschengeschlechtes kann man auch nicht eine einzige Veränderung des menschlichen Typus aufluetfeit. Wir besitzen egyptische Malereien und Skulpturen, welche Jahrtausende vor der gewöhnt. Zeitr. hinaufreichen, und die noch dieselben Typen aufweisen, welche wir an den heutigen Resten jener Rai/en, mit welchen die Egypter in Berührung kamen, besaßen; so auch die etwas jüngeren Monumente der Altassyrer und die der Griechen. Hiermit wäre aber eine durch Vererbung von niederer Stufe zu höherer geschaffene Abstammung durchaus nicht vereinbar; die Beschaffenheit des Menschengeschlechtes war seit den ältesten Zeiten dieselbe wie heute, muß also eine von seinem Beginne an gleichmäßige leibliche und geistige Organisation besessen haben. — Aber auch die Beobachtung in der Gegenwart zeigt uns die thörichte Anmaßung der Vererbungstheoretiker. Würde die Vererbung als eine Naturnothwendigkeit und zwar als eine allein gültige anzusehen sein, so müßte sie eben allgemein und vollkommen sein. Dies ist sie aber eben nicht. Ungleich häufiger sind Kinder den Eltern und Geschwister unter einander sehr unähnlich, und wenn sie einige Aehnlichkeiten mit jenen besitzen, so doch noch mehr Verschiedenheiten. Es ist eben dem Menschen leiblich wie geistig die Individualität nicht abzusprechen, und wenn es wahr ist, daß das Naturgesetzliche sich auf sehr einfache Naturgesetze reduciren läßt, so kann doch ebenso wenig der Naturtrieb nach Mannigfaltigkeit geleugnet werden. Alles Individuelle aber ist der Gegensatz von Vererbung. Man hat bekanntlich zum Beweise für die letzteren angeführt, daß es ganze Familien gebe, in welchen sich namentlich künstlerische Au- Lagen immer wiederholen. Wir geben dies zu, aber unzählige Mal öfter haben Kinder und Enkel von den geistigen Gaben ihrer Ahnen keine Spur. Nicht Moses und nicht Josua, selbst nicht David, nicht Alexander der Große, nicht Oliver Cromwell. nicht Georg Washington hatten Söhne oder Nachkommen, die ihnen nur im Geringsten nahe kamen. Von den großen Dichtern aller Zeiten haben wir kein Beispiel, daß Kinder oder Nachkoinmen dieselben hohen Talente besessen hätten. Wenn Leneca und Corneille einen Verwandten hatten, der auch Dramatiker war, so waren diele beide unbedeutend genug. Ebenso haben wir auf dem Felde der Wissenschaften nur wenige Beispiele, wo sich Gelehrsamkeit und Forschung in irgend bedeutendem Maße fortpstanzten: die größten Heroen der Wissenschaft stehen einsam auf ihren Höhen und zählen umer ihren Schülern keinen ihrer Nachkommen. Und Labei kann man doch Beispiel und Erziehung bei den Künstlerfamilien nicht ganz außer Acht lassen. — Es wäre also unrichtig, die Vererbung, wie sie in sehr mannigfaltiger Weise und in oft sehr enriosem Spiele vorkommt, leugnen zu wollen. Sie ist vorhanden und erklärt manche Erscheinung. Aber sie zu einem allwaltenden Naturgesetze, zum alleinigen oder selbst nur vorherrschenden Regulator des menschlichen Wesens machen zu wollen und deshalb zum Reformator gesellschaftlicher Ordnungen zu erheben, heißt die Augen vor der Wirklichkeit schließen und eine Hypothese in der despotischen Weise der Hypothesenmacher zum Gesetze der menschlichen Natur zu machen IV. In all' den Schlagwörtern, die wir bis jetzt besprachen, fanben wir immer einen Theil Wahrheit enthalten, der nur durch Uebertreibung und Verallgemeinerung, durch die Universalität, die man dem Worte zu geben versuchte, zu Jrrthum und Täuschung wurde, nicht ohne Gefahr drohende Folgen. Ganz besonders ist dies abn der Fall mit dem Schlagwort: „National!" Es ertönt jetzt für alle Beziehungen des Lebens, bei allen Nationen, vorzugsweise aber in Deutschland. Hier gestaltet es sich nicht blos zur Signatur der

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