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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-05 · Heft 14 (5.4.1888) · p. Seite 220

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 14 (5.4.1888)
Date
1888-04-05
Page
Seite 220 (sequence 12)
Language
German
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220 Ordinarius der Geschichte der Heilkunde, vr. Aug. Hirsch. Als vollkommenen Neuling im akademischen Lehrfache wurde an vr. Hirsch im Jahre 1863 die Professur übertragen; vom praktischen Arzte rückte er kurzweg zum Professor auf. Seine Berufung nach Berlin verdankte vr. Hirsch wesentlich seinen Studien zur Geschichte der Krankheiten und zur medicinischen Geographie. Er hat diese bisher wenig geachteten und gepflegten Disciplinen zu einem selbständigen Fache ausgebaut und die ärztlichen Kreise dazu vermocht, den Werth und die Bedeutung dieser leicht als unpraktisch bezeichneten Untersuchungen anzuerkennen, vr. Hirsch's Haupt- und Lebenswerk ist sein „Handbuch der historisch-geographischen Pathologie", das er in den fünfziger Jahren zu bearbeiten begann und von dem er vor Jahresfrist eine zweite, neue Bearbeitung fertig gestellt hat. August Hirsch ist ein wissenschaftlicher self-made man. Unter vielerlei Entbehrungen (er ist der Sohn eines armen jüdischen Handelsmannes) erwarb er sich allgemeines und ärztliches Wissen. Die Armuth der Eltern zwang ihn sogar, einmal den Schulbesuch für mehrere Jahre zu unterbrechen und als Handlungsgehilfe sich sein Brod zu erwerben. Späterhin schrieb er fernab von dem wissenschaftlichen Mittelpunkt einer Universitätsstadt, in Danzig, Werke, die seinen Fachgenossen, auch den akademischen, reiche Anerkennung abnöthigten und ihm schließlich eine außerordentliche Professur an der ersten preußischen Universität eintrugen, ohne daß er, wie es sonst beinahe geheiligter Brauch ist, zuvor Gehilfe an einer Universitätsanstalt oder Privatdozent gewesen ist. Prof. Hirsch zählt jetzt 70 Jahre. Bonn, 29. März. (Literarische Notizen.) Abermals haben wir eine Uebersetzung einer unserer belletristischen Arbeiten ins Hebräische zu verzeichnen. Sie gilt diesmal der Erzählung „Der Flüchtling von Jerusalem" (Saron Bd. 1, S. 125): □'^K'rro Der Heberseher, Herr L. Pohorilles in Sniatyn (Galizien), hat es verstanden, die nicht unbedeutenden Schwierigkeiten zu überwinden, welche gerade diese Piece ihm bot. Er vermochte es, weil er, wie auch aus seiner Zuschrift an uns hervorgeht, ein richtiges Verstäudniß dessen mitbrachte, was wir in unseren belletristischen Arbeiten vorzugsweise bezweckten, nämlich nicht bloß jüdische Sitte und die Eigenthümlichkeiten des jüdischen Herzens zu schildern, sondern den wahren Geist des Judenthums und die Erhabenheit seiner Lehren, wie sie sich in den verschiedenen Zeitaltern und Persönlichkeiten ausgestalteten, zum Bewußtsein der heutigen Bekenner desselben zu bringen, und ihnen durch die reichen Mittel der Poesie ins Herz zu senken. Findet der Uebersetzer Anklang bei seinem Publikum, so beabsichtigt er in der Uebersetzung unserer Dichtungen fortzufahren. — Die Literatur über die sog. Judenfrage ist ins Stocken gerathen, weil, loie wir voraussagte», das Publikum derselben überdrüssig geworden. Dies veranlaßt einen „Germanicus", eine Broschüre „Die deutschen Juden iu Gegenwart und Zukunft" (Berlin, Eckstein) loszulassen. Dieselbe enthält so viel Sonderbarkeiten, daß wir ihrer zu erwähnen uns veranlaßt fühlen, schon unr unsere These zu erweise», daß die Leute, die sich damit beschäftigen, weil sie den einfachen und allein richtigen Weg, den der Entwickelung, verlassen haben, durchaus nicht wissen, was sie mit dieser „Judenfrage" anfangen sollen. Was der Vers, über die Stellung der Juden in der Gegenwart sagt, beschränkt sich auf Deutschland; denn sobald man die Grenzen nach Italien, Frankreich, Holland, Belgien hin überschreitet, sind sie ganz andere. Nur Eines wollen wir bemerken. Trotzdem gerade in Deutschland die religiöse Entwickelung der Juden unserer Zeit eine sehr lebhafte und erfolgreiche war, ist in unserem Vaterlande die Vorstellung davon wenig verbreitet. Von der Fülle des religiösen Geistes, der sich in der Synagoge durch die Kanzelreden und iu der jüd. Literatur entfaltet, hat nian keine Ahnung. Man sieht noch imnier das Judenthum nur als die Masse herkömmlicher, sonderbarer und nichtsverstandener Gebräuche an und glaubt nun, daß diejenigen Juden, welche sich von dem veralteten Theile derselben frei gemacht — gar keine Religion hätten. Sich vom Gegentheil zu überzeugen, nimmt man sich keine Mühe. Daraus erklären sich die vielen schiefen Urtheile, welche sich über das Judenthum unsrer Zeit verlautbar machen und zu welchen auch der Vers, der vorliegenden Broschüre seinen Theil beisteuert. Was er übrigens über die soziale Stellung der Juden sagt, zeigt nur, daß die Juden sich nicht absondern und ausschließen, sondern daß man in Deutschland noch immer geneigt ist, sie abzusondern und auszuschließen. Das Ganze geht auch bei ihm darauf hinaus, daß, wenn die Juden aufhören, Juden zu sein, es auch keine „Judenfrage" mehr geben werde. Diese Weisheit ist nicht neu, sie wurde schon in der ersten Zeit der antisemitischen Bewegung von Mommsen in einer eigenen Schrift ausgesprochen, wozu es freilich keiner tiefgehenden geschichtlichen Forschungen bedurft Hütte. Am sonderbarsten sind nun die Vorschläge, die der Vers, zur Erreichung dieses Zieles alles Ernstes macht. Der erste ist richtig: „Faktische Aufhebung aller faktisch noch bestehenden Beschränkungen der Juden in Deutschland." Der zweite geht darüber hinaus, er verlangt „die Stiftung von Prämien für deutsch-nationale Verdienste." Soliden jüdischen Landzüchtern sollen „ratenweise rückzahlbare Darlehen gegeben, soliden jüdischen Handwerkern das Handwerkzeug zu unveräußerlichem Besitze überwiesen werden." Es kommt noch besser. Bei Mischehen sowohl zwischen Juden und Christen, als auch zwischen Katholiken und Evangelischen soll „eine bescheidene bürgerliche Hauseinrichtung gewährt werden." Jüdischen Subalternbeamten, sowohl im Civilals im Militärdienste sollen, „außer Zusicherung vorurtheilsloseu Handhabens der Beförderung, ein Vierteljahrs-

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