Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1888)
- Date
- 1888-04-05
- Page
- Seite 216 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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216 Uebrigens habe L. auch nach jenem Gottesdienst immer noch Zeit übrig gehabt, den von 7—9 Uhr Abends stattfindenden Unterricht zu besuchen. L. legte hiergegen Revision bei dem Kammergericht ein, indem er die Kompetenz der Polizeibehörde zum Erlaß von Strafandrohungen in einem derartigen Falle bestritt, doch erachtete der Strafsenat des Kammergerichts in seiner gestrigen Sitzung den Einwand für unbegründet und wies deshalb die Revision zurück. — Die Bne-Berith-Loge, diese jüdische, aus Nordamerika entlehnte Chebra mit Freimaurerkostum, hat hier so viele Mitglieder gewonnen daß sie sich eine eigene Synagoge errichtete, welche Montag eingeweiht worden. Leipzig, 25. März. (Privatmitth.) Leipzig und Wien sind jetzt die Hauptheerde des Antisemitismus. Mährend im übrigen Deutschland diese „Schmach des Jahrhunderts" allmählig abblaßt und in Berlin augenblicklich verstummt ist, blüht er in Leipzig noch lustig auf. Ebenso ist diese schmähliche Bewegung in Ungarn zum Schweigen gebracht, wühlt aber in Wien und in Steyermark mit nicht zu leugnender Vehemenz fort. Sind doch die jüngsten Wahlen zum Wiener Gemeinderath auf wenige Liberale, am meisten ans Demokraten und Antisemiten gefallen. Bisher erschien in Leipzig als ein Centralorgan die „Antisemitische Correspondenz", welche nur an entschiedene Hetzer versandt ward. Der Herausgeber, Buchhändler Fritsch, sorgte dafür, daß von diesem Organe so wenig wie möglich in die Oeffentlichkeit kam. Jetzt soll dasselbe, mit Nr. 23 des 3. Jahrgangs, in eine 14 tägige Zeitschrift verwandelt werden, also Jedermann zum Abonnement frei stehen. Wir werden uns hüten, aus dem Kehricht von Unverstand, Unwissenheit und absichtlichen verläumderischen Uebertreibungen, welchen diese Nr. 23 bringt, auch nur Etwas herauszulesen und unfern Lesern zu bieten. Man wird wirklich an dem Verstände der Mitarbeiter irre, z. B. wenn sie behaupten, die Juden spckulirten nur auf einen allgemeinen europäischen Krieg. Wir können aus Allen nur den Schluß ziehen, daß in diesem Machwerk so viel Ekel Erregendes enthalten ist, daß es nur bei ganz desolaten Judenfeinden Eingang finden kann. Werden nicht besondere Geldmittel für dasselbe verwendet, so wird cs wie so viele seiner Vorgänger, bald von der Oberfläche verschwinden. Mainz, 21. März. In der heutigen Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung stellte Herr George Hirsch den Antrag, auf Grund des Volksschulgesetzes für das Großherzogthum Hessen zur Ertheilung des israelitischen Religionsunterrichts in den Volksschulen auf Kosten der Stadt Mainz einen israelitischen Religionslehrer zu bestellen. Es wurde dieser Antrag, der bereits früher von dem verstorbenen Mitglied der Stadtverordneten-Bersammlung, Herrn Banquier Oppenheim eingebracht worden war, der Schul-Kommission zur Begutachtung überwiesen. Oesterreich-Ungaru. Wien, 22. März. Ueber den Fall Schönerer sprechen sich öffentliche Blätter folgendermaßen aus: „Der Raufbold des österreichischen Reichsrathes, Ritter von Schönerer, ist wegen des nächtlichen Ueberfalls auf eine Zeitungsredaktion, sowie wegen einiger auf dem Commerse einer Burschenschaft begangener gröblicher Ausschreitungen, gestern den ordentlichen Gerichten ausgeliefert worden. Schönerer versicherte gestern im Reichsrathe, man habe ihn immer ausgeliefert und jedesmal sei er freigesprochen worden; so hoffe er auch diesmal seine Sache siegreich auszufechten. Da auf die Vergehen, wegen deren der „deutschnational-antisemitisch-demokratische" Herr angeklagt ist, eine Strafe von 1 bis 5 Jahren schweren Kerkers droht, mögen er und seine Freunde allerdings lebhafter als je auf die Nachsicht der Richter rechnen. Sollte aber selbst ein Freispruch erfolgen, so wäre damit Herr Schönerer nichts weniger als reingewaschen. Der saubere Herr macht nämlich bereits jetzt den Versuch, eine etwaige Freisprechung seiner Person als eine Niederlage der „Schand- und Judenpresse" zu fruktificiren. Allein wie das Urthcil ausfallen möge, Herr Schönerer, der nächtlicher Weile an der Spitze einer betrunkenen Rotte in die Häuser bricht, um politische Meinungsverschiedenheiten zu „erörtern", ist ein für allemal in den Augen der anständigen Welt gekennzeichnet." Die Freisprechung Schönerers würde demungeachtet sehr zu bedauern sein, weil dadurch bei dem Pöbel Wiens die Meinung aufkommen müßte, daß solche Gewaltthätigkeiten, namentlich gegen Juden, unbestraft bleiben — oder „die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen!" Wien, 22. März. (Privatmitth.) Die Commission des Herrenhauses, welche die Regierungsvorlage, betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der jüdischen Religionsgenossenschasten zu berathen hatte, hat ihre Aufgabe gelöst. In 7 Sitzungen, von welchen 6 je 4 Stunden und die letzte 3 Stunden in Anspruch nahmen, wurde die Vorlage berathen. Selbstverständlich spielte das Mitglied der Commission Herr Moriz Freiherr v. Königswarter dabei eine Hauptrolle, indem er zugleich gewissermaßen als Experte fungirte, da ihm die jüdischen Verhältnisse sozusagen jusgu'au fond du pot bekannt sind. Neben ihm sind noch besonders zu nennen Graf Belcredi, ehemals Staatsminister, jetzt Präsident des obersten Verwaltungsgerichtshofes, der früher Statthalter in Böhmen war und Graf Schönborn, Statthalter in Mähren. Ich will nun einige Veränderungen, welche die Commission an der Regierungsvorlage vorgenommen hat, erwähnen. Statt des Wortes „Religionsgenossenschaft" wurde in Uebereinstimmung mit der Terminologie, wie sie in den anderen confessionellcn Gesetzen in jüngster Zeit vorkommt,