Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1888)
- Date
- 1888-04-05
- Page
- Seite 215 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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215 <&eihiwcj}piacf}zicfjtevi. Deutschland. Bonn, 22. März. Man hat uns bemerklich gemacht, daß wir. namentlich auch in unseren Berliner Correspondenzen, die Dinge in der letzten Zeit vor der Thronbesteigung des Kaisers Friedrich viel zu trübe angesehen und geschildert hätten. Um dies zu widerlegen führen wir eine Auslassung der „Franks. Ztg." vom 21. d. an, um so mehr, da es uns in unserer Zeit, immer darauf ankommt, ein genaues Bild der Zeitverhältnisse auch für die Zukunft zu fixiren. Es heißt da: „Auch die Lage im Innern schien im November gegen früher nicht verändert zu sein. In den erregten Diskussionen, die sich an die vielbernfene Versammlung bei dem Grafen Waldersee geknüpft hatten, war die nationalliberale und konservative Presse bis auf die Organe der äußersten Rechten energisch gegen die „Siöckerei und Muckerei" aufgetreten und hatte in der Bekämpfung der Tendenzen, die — ob mit Recht oder Unrecht bleibe dahingestellt — den Veranstaltern jener Versammlung untergeschoben wurde, mit der liberalen Opposition gemeinsame Sache gemacht. Das änderte sich mit einem Schlage unter dem Eindrücke brr betrübenden Nachrichten, die aus San Remo kamen, als man fürchten mußte, die Tage des Kronprinzen seien gezählt und es werde ihm nicht vergönnt sein, der Erbe des väterlichen Herrscherthums zu werden. Es ist Thatsache, daß diese Annahme in weiten und namentlich in politischen Kreisen eine ganz feste war, und damit war für den Opportunismus, wie er besonders in deni Schoße der Kartellparteien herrscht, das Signal gegeben, durch alle bisherigen Zukunftsrechnungen einen dicken Strich zu machen und ein neues Konto anzulegen, für das natürlich ganz andere Personen und Verhältnisse maßgebend sein mußten. Ihren schärfsten Ausdruck fand diese Wandlung in den Unterschriften unter dem bei dem Grafen Waldersee beschlossenen Aufruf zu Gunsten der Berliner Stadtmijsion, des Mittelpunktes der Stöcker'schen Thätigkeit; nicht Herrn Stöcker, sondern dem vermeintlichen Protektor desselben, dem muthmaßlichen unmittelbaren Thronfolger des Kaisers Wilhelm huldigten die Herren v. Bennigsen und Miquel, die Führer der nationalliberalen Partei, als sie ihre Namen für jenen Aufruf hergaben; um wo möglich Herrn Stöcker zu beseitigen, glaubten sie mit demselben konkurriren zu müssen. Die Rechnung war in jeler Beziehung falsch, aber sie bleibt charakteristisch für die genannten Politiker; sie glaubten sich einen festen Platz zu sichern und setzten sich zwischen zwei Stühlen nieder. Die „Kreuzzeitung" führte jetzt Herr Stöcker als „kommenten; Mann" vor und verstieg sich in der Vorahnung des nahen Triumphes zu der Drohung, er werde dem Liberalismus eine Zuchtruthe werden. Herr Stöcker selbst mischte dem Dank, den er seinen Förderern Bennigsen und Miquel spendete, den überlegenen Hohn eines Mannes bei, der Freunde und Werkzeuge sehr wohl zu unterscheiden weiß. Die reaktionären Elemente waren auf einmal obenauf, sie gaben sich als die Planeten des neuen Sonnensystems, das man zu erwarten habe und kümmerten sich wenig um die nationalliberalen und freikonservativeu Trabanten, von denen sie sich umgeben sahen. Diesem tollen Spuk bei Tage machten die Thronbesteigung des Kronprinzen, seine Ankunft in Charlottenburg und seine ersten Regierungshandlungen ein jähes Ende. Die „Stöckerei und Muckerei" verstummte plötzlich; sie durfte denken: ist's jetzt noch nicht, so wird cs ein anderes Mal sein, denn sie ist von Zuversicht erfüllt und glaubt an ihre Zukunft. Ganz anders war es mit ihren nationalliberalen Trabanten, über sie kam Verblüffung und Rathlosigkeit, die Folgen der Erkenntniß, auf eine falsche Karte gesetzt zu haben und den Einsatz nicht mehr zurückziehen zu können." Die Ausdrücke mögen im Obigen immerhin etwas zu scharf sein: das Thatsächliche ist nicht zu verkennen. Von den bei dem Trauergottesdienst für den hochseligen Kaiser gehaltenen Reden sind bereits mehrere gedruckt uns zugekommen, so von Dr. Joel in Breslau, Dr. Levi in Gießen, vr. Eckstein m Leipzig, Pred. Einstein in Neuwied, vr. Vogelstein in Stettin, vr. Zuckermandel in Trier, würdige und beredte Zeugnisse des warmen Patriotismus und des echt religiösen Geistes, von welchem die jüdischen Kanzelredner beseelt sind. Berlin, 29. März. Wegen Versäumung des Unterrichts in der Fortbildungsschule am 19. September v. I., einem jüdischen Feiertage, war, wie wir berichtet haben, dem Lehrling Adolf L. zu Nakel ein Strafmandat in der Höhe von 3 Mk. zugegangen. Durch ein von der Regierung zu Bromberg bestätigtes Ortsstatut war für die unter 18 Jahren befindlichen gewerblichen Arbeiter der Besuch der dortigen vom Staate errichteten Fortbildungsschule angeordnet und durch eine Lokalpolizeiverordnung für nicht genügend entschuldigte Versäumung Geldstrafe bis zur Höhe von 9 Mk. festgesetzt worden. L. beantragte richterliche Entscheidung, indem er zu seiner Entschuldigung den Besuch des jüdischen Gottesdienstes an jenem Abend ansührte, wurde aber sowohl vom Schöffengericht wie von der Strafkammer zu Schneidemühl ebenfalls wegen Uebertretung der erwähnten Verordnung zu 3 Mk. Strafe verurtheilt. Der Einwand des L. wurde nicht für ausreichend und auch an sich für nicht stichhaltig erachtet, da nach der Verfügung der Regierung zu Bromberg der 11». terricht in der Fortbildungsschule weder an evangelischen und katholischen, noch an jüdischen Feiertagen ausfallen solle.