Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-05 · Heft 14 (5.4.1888) · p. Seite 214

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 14 (5.4.1888)
Date
1888-04-05
Page
Seite 214 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227732--45209-3264709
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

214 Aber worauf wir Gewicht legen, das ist, daß mit jeder Ausdehnung des Vereins auch die freiwilligen Spender und Spenden wachsen, und dies ist für die genannten Vereine eine Lebensbedingung. Man kann Wohl annehmen, daß jeder Fall von Unterstützung eines bedürftig gewordenen Lehrers, einer Lehrerwittwe und von Lehrerwaisen die Umgebung auf die segensreiche Wirkung des Vereins aufmerksam macht und ihm die Herzen menschenfreundlicher Wohlthäter zuwendet. Mag dieser Gegenstand in den nächsten Generalversammlungen der Vereine näher erwogen werden. — Wir haben heute nur wenige Spezialberichte hinzuzufügen. Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, daß die Wohlthätigkeitsanstalten an Plätzen von besonderer Bedeutung sind, an welchen Kur- und Badeanstalten bestehen. Der 17. Rechenschaftsbericht des israelitischen Unterstütznngsvereins zu Wiesbaden für das Jahr 1887 spricht seine Freude über das wachsende Gedeihen des Vereins an Mitgliedern und Mitteln aus. Der Verein hatte, einschließlich des Beitrages der städtischen Kurkasse von 600 Mk., eine Einnahme von 4054 Mk., wovon an dortige Arme 830 Mk. an solche aus der Umgebung 330 Mk. und an fremde Kranke und Durchreisende 1415 Mk., sowie für angekaufte Werthpapiere 905 Mk. verausgabt wurden. Das Vermögen besteht in 10,444 Mk. — Ein besonderes Vergnügen bereitete uns ein Heftchen, das den Titel führt: „Fest-Bericht über die am 5. Juni 1887 stattgehabte Jubel- Feier des Israelitischen Wohlthätigkeits-Vereins zu Remagen aus Anlaß des 50-jährigen Bestehens. Remagen, Hedecke, 1888." Ein Verein, der außer der kleinen Gemeinde zu Remagen die umliegenden Ortschaften mitbefaßt und nun ein halbes Jahrhundert besteht und besonders die Freude, welche die Mitglieder desselben an ihrem Verein haben, kann nur unser Mitgefühl erregen. Die Feier bestand in einem festlichen Gottesdienst, bei welchem Herr Rabbiner vr. Wedell in Düsseldorf die Predigt hielt, der jährlichen Generalversammlung, einem Festmahle mit Musik und einem Festball. Ein recht schöner poetischer Prolog, welcher von wahrhaftem religiösen und humanen Geist durchweht war, wurde gesprochen. Ein Zweig der Vereinsthätigkeit ist die Ausbildung von Knaben zu Handwerkern auf Kosten des Vereins und zählt derselbe 16 solcher Zöglinge. Bielefeld, im März. Das deutsche Lynagogenlied im jüdischen Cnltus. Unter dieser Ueberschrift brachte Nr. 12 dieser Zeitung einen beherzigenswerthen Artikel des auf diesem Gebiete gewiß competenten Herrn M. Mannheimer in Darmstadt. Die von demselben an das Synagogenlied gestellten Anforderungen: Wahrheit, Schönheit, Klarheit und Anschaulichkeit, hat der Verf. dieser Zeilen bereits in seinem demnächst in zweiter vermehrter und verbesserter Auflage erscheinenden „Israelitischen Gesangbuch für die Synagoge und die Religionsschule" zur Anwendung zu bringen gesucht und gestattet sich zu dem Artikel des Herrn Mannheimer nur noch einige ergänzende Bemerkungen. Den obigen Anforderungen ist unbedingt noch hinzuzufügen: die Kürze. In den meist verbreiteten Gesangbüchern als: dem Johlson'schen, dem Württemberger, dem Hamburger Tempelgesangbuch und anderen sind die Lieder, sei es für den gottesdienstlichen Gebrauch oder als Denkverse zur Unterstützung des systematischen Religions-Unterrichts, viel zu lang. Beim Gottesdienste, welcher neben dem Gebete, den rituellen Gesängen, der Thoravorlesung, der Predigt rc. dem deutschen Liede immerhin nur einen beschränkten Raum gewähren kann, ist diese Länge sicherlich vom Uebel, und beim Religions-Unterrichte ist sie mindestens überflüssig. Daß man dem religiösen Gedanken auch in einer minder ausgedehnten Berszahl und doch in abgerundeter Form gerecht werden könne, ist in neueren Sammlungen, wie beispielsweise auch in dem von dem Hrn. Redacteur dieser Zeitung herausgegebenen „Kleinen israel. Gesangbuche" (Text und Melodien, Baumgärtner, Leipzig), bewiesen und dürfte auch durch mein oben erwähntes Gesangbuch zur Genüge dargethan sein. — Noch gestatte ich mir auf einen weit verbreiteten Mißbrauch aufmerksam zu machen. In vielen Gemeinden, wo man das deutsche Lied eingeführt hat, wird dasselbe — geschrieben oder gedruckt — den Mitgliedern eines Chors übergeben, der es vorzutragen hat, und die Gemeinde in ihrer Gesammtheit hat — das Zuhören. Das ist sehr verkehrt und kann dem Zwecke, durch den Gesang die Andacht der Gemeinde und die Würde des Gottesdienstes zu heben, nicht förderlich sein. Der Israelit geht in das Gotteshaus, nicht um sich etwas Vorsingen zu lasse» — nein, er selbst will an dein Gesänge sich betheiligen; und daraus folgt nun von selbst, daß der einfache, einstimmige Gesang die Regel sein müsse, und es folgt ferner daraus, daß das Gesangbuch in den Händen eines jeden Synagogenbesuchers sein muß, der den Text der Gesänge vor Augen haben soll, gleichviel ob er selbst mitsingt oder schweigt. Nur so kann das deutsche Synagogenlied seinen Zweck erfüllen. Wir glauben, diese Andeutungen der Erwägung derer empfehlen zu sollen, die sich für den deutschen Synagogeu- Gesang iuteressiren, und deren Zahl, wie wir mit Freuden beobachtet haben, in stetigem Wachsen begriffen ist. S. Blumenau.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.