Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-05 · Heft 14 (5.4.1888) · p. Seite 212

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 14 (5.4.1888)
Date
1888-04-05
Page
Seite 212 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227717-3227732--45207-3264707
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

212 Frei von jedem politischen Ehrgeiz, machten sich die bosnischen Juden nicht zu Lehnsmännern der herrschenden Race, mit der Aussicht, Ihrerseits die Besiegten zu unterdrücken. Sie beschränkten sich darauf, Handel zu treiben. In Belgrad spielten sie keine so zurückgezogene, aber dennoch eine ziemlich unschuldige Rolle. Sie begaben sich in die höheren und wolkigen Sphären der Kabbala und übten den Mysticismus aus. Die Nachforschungen, die man vor zwölf Jahren in der Stadt Belgrad unternahm und welche das Grab der Familie Abrabanel zu Tage förderten, erwiesen, daß die Juden dort seit dem 16. Jahrhundert eine wichtige Gemeinde bildeten. Diese Thatsache wird noch durch die lange Liste der belgrader Rabbiner bestätigt, die man in der Synagoge der serbischen Hauptstadt am Bersöhnungstage vorliest. Diese Gemeinde muß eine sehr eigenthümliche und sehr lehrreiche Geschichte haben, welche von Ihrem gelehrten Landsmann, Herrn Dr. Kayserling, diesem vortrefflichen Geschichtsschreiber der spanischen Juden, geschrieben werden sollte. Diese Geschichte müßte wirklich eigenthümlich sein. Man könnte darin die Großthaten jenes bekannten falschen Messias, Sabbatai Zevy, erzählen, der vor 156 Jahren nach Belgrad kam und dort so viel Unglück verursachte. Die Schule der Kabbalisten, die er gründete, wandte viele Juden von ihren ernsten Beschäftigungen ab, auch zog sie die Verfolgungen aller ihrer Mitbürger, der Türken, Christen und Juden auf sich. Die verwirrten Schwärmer mußten sich in die Katakomben flüchten, von denen der Erdboden Belgrads seit der römischen Zeit unterminirt ist, um dort ihre unsinnige „Wissenschaft" zu Pflegen. Sie erdachten groteske Formeln, „Sierculs", die den bei den Iugoslaven so gebräuchlichen Zauberformeln analog sind. Eine dieser Formeln wurde für geeignet erachtet, den Urheber jedes Diebstahls zu entschleiern. Wenn ein solcher Akt vollzogen war, führte man einen Knaben herbei, der das Alter von elf Jahren noch nicht erreicht hatte und der an einem Freitag geboren war. Man führte ihn an einem Freitag herbei, trug die üblichen Gebete vor und hüllte ihn in einen Talis, und dann legte man um seinen Arm die Tefilin, die man auf eine besondere Art, verschieden von der gewöhnlichen, aufrollte. Der Knabe verhüllte Kopf und Augen in den Talis und dann richtete man Fragen an ihn: „Kannst du den Dieb beschreiben?" — „Ich sehe sein Gesicht nicht deutlich", erwidert der Knabe, „aber er ist folgendermaßen gekleidet. Und er beschreibt genau die Kleidung des Diebes. „Um welche Uhr wurde der Diebstahl begangen?" — „Um die und die Stunde." — „Wo hat der Dieb die gestohlenen Gegenstände versteckt?" — „Die Gegenstände befinden sich an dem und dem Ort versteckt". — Mit solchen Dingen verbrachten die meisten dieser Juden ihre Zeit. Die Straßen des Ghetto waren leer, denn die Männer zogen sich in die Keller zurück, wo sie fasteten und Körper und Geist quälten. — Dank dem Einfluß der Türken, begannen die Juden sich von ihren düsteren Beschäftitigungen zu emanzipiren. Ihre mohamedanischen Nachbarn erzählten ihnen die wunderbaren Geschichten von tausend und einer Nacht und i» Fühlung mit dieser heiteren Philosophie, die von glänzenden Wundern und Frohsinn erfüllt ist, erloschen die düsteren Vorstellungen des Mysticismus; die Kabbalisten verzichteten auf das ascetische Leben und überließen sich dem Romantismus. Man sprach nur von Wundern. Man veröffentlichte den Bal-schem-tow, eine Sammlung wunderbarer Thaten, die ein Rabbiner verübt, eine Sammlung, welche sich auf der balkanischen Halbinsel in Hunderten von Auflagen verbreitete und eine ganze Literatur dieser Art hervorrief. Es war eine unglückliche Richtung, welche die Geister verweichlichte. Auch bekämpften die klar sehenden Männer, die Rabbiner, welche um die geistigen Interessen ihrer Race besorgt waren, wie die Tcütatzak, die Pinto, die Finzi, die Sassoons, die Calderon, die Pereira, die Alcalay, den Romantismus, um die Dogmen des Judenthums, die Vorschriften dieser vor allen anderen positiven Religion, zur Geltung zu bringen. Ihre Anstrengungen wurden von Erfolg gekrönt. Die Männer begaben sich wieder an die Arbeit, widmeten sich von Neuem den ernsten Beschäftigungen und überließen den Rabbinern das Feld zu abstrakten Theorien. Dann nahmen die reichen Kaufleute die Führung der Gemeindegeschäfte in die Hand und der Einfluß des Laien-Elementes herrschte vollständig vor. Diese Umwälzung war ganz zu Gunsten der Civilisation des' Occidents und die jüdische Gemeinde von Belgrad wählte jüngst ihr religiöses Oberhaupt in Berlin, anstatt es aus den Spaniolen der alten Schule zu nehmen. — Im praktischen Leben traten die Spaniolen aus ihrem engen Kreise heraus und ergaben sich dem Handel. Sie sind es, welche den Handel in Serbien betreiben, welche mit Oesterreich-Ungarn besonders und mit den Großmärkten im Allgemeinen die Beziehungen hergestellt haben. Als die serbische Nation im Jahre 1815 die Unabhängigkeitskriege begann, ergriffen die spanischen Juden die Sache ihrer christlichen Mitbürger und machten sich zu den ergebenen und eifrigen Kämpfern gegen den asiatischen Islam. Die reichen israelitischen Familien, die Kumavramovitch, die Karavglanovitch, dieDavitcho brachten den Insurgenten Gewehre und in Oesterreich gekauftes Pulver und legten sich die schwersten Opfer auf für die Sache der Obrenovich, sich mit dem Bewußtsein begnügend, einer heiligen Sache gedient zu haben. Man wußte ihnen keinen Dank für ihren Patriotismus, der den materiellen Ruin so vieler israelitischer Familien

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.