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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-04-05 · Heft 14 (5.4.1888) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 14 (5.4.1888)
Date
1888-04-05
Page
Seite 210 (sequence 2)
Language
German
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210 seine Geschöpfe zu solchem Kampfe hat erstehen lassen und bestimmte, in den meisten Fällen auch mit unzulänglichen Mitteln ausrüstete! So weist dieses Schlagwort auf eine Weltanschauung hin, welche allen bisherigen religiösen und philosophischen Vorstellungen entgegengesetzt ist und ein Ende bereite» will. — Die Schrift sagt aber auch an einer anderen Stelle (5. Mos. 8, 3): „Du sollst belehrt werden, daß nicht mittelst Brodes allein der Mensch lebe." Dies ist der Kernpunkt. Es frägt sich, was versteht man hierbei um „das Dasein"? Mit den unentbehrlichen Lebensbedürfnissen und deren Befriedigung ist der Mensch nicht lange zufrieden gestellt. Ist sein Hunger und sein Durst gestillt, hat er seine Blößen gedeckt und eine Schutzstätte gegen Unwetter und Frost gefunden, dann fängt erst recht die lange, ja unbegrenzte Reihe dessen an, was er verlangt, ohne daß es unmittelbar zu seinem Dasein gehört. Zunächst kommt das Rasfinement der Mittel, die zur Erhaltung des Daseins gehören, und die er vom Boden des wirklichen Bedürfens auf das unabsehbare Feld des Genusses versetzt. Daun fügt er eine Menge Dinge hinzu, die zum Dasein durchaus nicht gehören. Nicht bloß der, welcher Concerte und Theater zu besuchen sich angewöhnt, oder der, welcher im Sommer große Reisen und den Aufenthalt in der Sommerfrische sucht, sondern auch, wer den langen Tag den Tabakstengel nicht aus dem Munde läßt — wovon doch der Mensch in vielen Jahrtausenden keine Ahnung hatte — wer die Tanzböden aufsucht und viele Zeit in den Schenken verbringt, also die Glieder aller Schichten der Gesellschaft, haben zahlreiche Bedürfnisse, ohne welche das Dasein recht gut begriffen werden kann. Wer die Sachlage genauer anschaut, muß eingestehen, daß der Mensch außerordentlich viel mehr um die Bedürfnisse sich müht, die eigentlich zum Leben gar nicht mehr gehören, als um die Befriedigung derer, die zum Leben um entbehrlich sind. Auch der Geist hat unentbehrliche Bedürfnisse, Dinge, die zu seinem Dasein gehören. Aber auch hier hat er das Bereich seines Verlangens sehr weit ausgedehnt und eine Menge Genüsse hereingezogen und ins Weite ausgedehnt, ohne welche ein gesunder Verstand, ein gerades Herz und eine mäßige Einbildungskraft recht gut bestehen können und in zahllosen Individuen bestehen. Die Scheidelinie ist hier allerdings schwerer zu bestimmen, aber sie besteht doch, und cs ist nicht fraglich, daß das größere Gewicht auf geistige Genüsse und Erwerbungen fällt, welche entbehrlich wären. In allen diesen Dingen ist es aber der Mensch selbst, der sie sich geschaffen, sich zum Bedürfniß gemacht hat, sich darin beschränken könnte, aber dies nicht thut. Auf die Vorsehung, aus die Weltregierung fällt dies aber nicht. Gereichen ihm doch sehr viele dieser Bedürfnisse und Genüsse zu großem Schaden, so daß er viel mehr für das Dasein kämpft, wenn er sie von sich weist. Die Frage ist also: versteht ihr unter dem „Kampf ums Dasein" allein die unentbehrlichen Lebensbedürfnisse, dann Paßt das Wort nicht, da der geringste Theil unserer Kämpfe auf die Erlangung dieser gerichtet ist — versteht ihr aber unter Dasein die ganze Fülle dessen, was der Mensch sich zum Bedürfniß oder vielmehr zur Befriedigung seiner Genußsucht geschaffen hat, dann Paßt es wieder nicht, denn wer fordert vom Menschen, daß er sich eine so gewaltige Masse von Bedürfnissen bereitet hat. welche für das wirkliche Dasein unnöthig wären? Dies sollte man endlich einsehen und dieses Schlagwort, das schon begonnen hat, die Geister zu beherrschen, nicht ernsthaft nehmen, sondern als thöricht und unverständig erkennen. II. Gleichberechtigung! Schönes, edles Wort, das zu erkennen und anzuerkennen die Menschheit Jahrtausende gerungen hat, auch nachdem Moses es durch sein Gesetz in seinem Volke zur Verwirklichung hat bringen wollen. Gewiß können unsere Herzen höher schlagen, daß es zum Schlagwort unserer Zeit geworden. Aber gerade darum ist es dem Mißbrauch nicht entgangen und wurde zur Fahne des Communismus und Socialismus verwendet. .Betrachten wir deshalb die richtige Bedeutung dieses Principes etwas näher. Man sagt: die Gleichberechtigung ist ein Naturrecht, das jedem Menschen eingeboren ist. Die Natur an sich kennt weder Recht noch Pflicht; jedes Geschöpf eignet sich das an, wozu es die Macht hat, und was es leistet, thut es nach dem Gesetze, das die Natur, d. h. der Schöpfer in dasselbe eingesenkt oder dem er es unterstellt hat. Recht und Pflicht bestehen nur innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Aber weil jeder Mensch in diese Gesellschaft hineingeboren wird und zwar mit gleichartigem Organismus, gleichem Lebensverlauf, gleichen ursprünglichen Bedürfnissen, hat auch ein Jeder das natürliche Recht der Gleichberechtigung. Und worin besteht diese letztere? Darin, daß es in der Gesellschaft keine verschiedenen Classen mir verschiedenen Rechten oder Vorrechten geben dürfe und daß, wenn dem Berufe nach gewisse Classen sich bilden, wie z. B. Beamte, Aerzte, Lehrer, Jedermann das Recht habe, sich die Befähigungen anzueigne», durch welche er in diese Classe eintrete. Hier aber ist der Scheidepunkt. Man behauptet, die Gleichberechtigung bestände auch darin, daß jeder Mensch das gleiche Recht auf das habe, was man die Güter nennt und deren Genuß, daß also diese in gleichen Antheilen auf alle Menschen zu fallen hätten. Alle Güter sind aber der Ertrag der Arbeit; seien sie materielle oder geistige, sie müssen durch Arbeit geschaffen werden. Die Arbeit daher ist es, die das Recht auf den Ertrag gewährt. Nun ist aber weder die Arbeit, noch deren Ertrag gleich, so daß ein gleiches Anrecht für Alle daraus erflösse. Hier ist es, wo die Natur selbst das Gegentheil erweist, und

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