Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1888)
- Date
- 1888-03-29
- Page
- Seite 205 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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205 Judentums hängt sicherlich zum großen Theile von der Erhaltung dieses Familiensinnes ab. Als Ursachen erkennen wir zuerst das Beispiel an, das von einer Generation zur andern gegeben wird, und welches von frühester Jugend an das Bild eines glücklichen Familienlebens dem aufwachenden Jüngling und der erblühenden Jungfrau in das Herz senkt. Dann muß man auch die Neigung zu liebevoller Theilnahme als einen Charakterzug des jüdischen Stammes in Anschlag bringen; denn noch heute wallt das jüdische Herz leicht zu Enthusiasmus auf, der Dinge und Personen in freundlichem Lichte anschaut und der entgegenkommenden Liebe mit denselben Gefühlen begegnet. Endlich, und nicht als geringste Ursache, ist der bei den Juden bis jetzt vorhandene Mangel an häßlichen Leidenschaften, an Trunksucht, Spielwuth und anderen lasterhaften Passionen, welche so oft den Frieden und denBestand der Familie untergraben, anzuführen. Möge es immer so bleiben; denn meiner Beobachtung nach sind es viel seltener von Außen kommende Unglücksfälle oder unabwendbare Geschicke, welche trennend zwischen Gatte und Gattin treten; vielmehr sind sie gerade da, wo Liebe vorhanden, geeignet, die beiden Eheleute noch fester an einander zu schließen und sich als gegenseitige Stütze und Tröstung zu bewähren. Indeß will ich auch nicht verhehlen, daß gegenwärtig ein Feind des Familienlebens auch bei den Juden immer mehr einrückt und gefährliche Wirkungen übt, ich meine die Prunksucht, den Luxus oder, wie man gewöhnlich sagt, „den Staat". Wie oft wird schon in der ersten Zeit der jungen Ehe durch diese äußere Ausstattung der Wohnung, des geselligen Lebens, der Personen, der Grund gelegt zum Zusammenbruch der finanziellen Verhältnisse, zum Ruin! Dieses Verlangen nach äußerem Scheine, nach Prunk läßt die wirkliche Lage der Verhältnisse außer Acht und geht oft weit über das Kräftemaß hinaus. Eine Folge dieses zunehmenden Hebels ist auch, daß für die jungen Männer die Begründung einer Familie immer schwieriger wird, daß ihr persönlicher Erwerb für solche Ansprüche nicht genügt, daß sie auf eine bedeutende Mitgift rechnen müssen. Einen einzigen Trost hiergegen finde ich in der wachsenden Entwerthung des Kapitals, indem der Zinsertrag selbst eines großen Kapitals immer geringfügiger wird. Hierdurch wächst wieder der Werth des Erwerbes dem Kapital gegenüber und macht selbst eine ziemliche Mitgift weniger bedeutsam. — Es ist mir bisweilen die Frage vorgelegt worden, ob die Kinderlosigkeit einer Ehe das Ehepaar mehr trennt oder vereinigt? Ich möchte diese Frage dahin beantworten, daß in den ersten Zeiten der Ehe die Täuschung über den erhofften Kindersegen die Herzen der Eheleute gegen einander erkältet, dagegen in den späteren Jahren die beiden Eheleute sich um so mehr auf einander angewiesen sehen und sich enger an einander anschließen. Ich habe mehrere solcher Paare gekannt, welche ein rührendes Beispiel inniger Liebe gegeben, wie sie nur für einander lebten und sich ihre Wünsche von den Augen absahen. Es steht dies auf einer Stufe mit jenen greisen Ehepaaren, deren Kinder hinaus in die Welt gegangen und sich über die Länder zerstreut hatten. Wie glücklich, daß sie noch einander hatten, und wie bald war jedem von ihnen der Lebensfaden abgeschnitten, wenn er den Anderen verloren hatte! Doch noch Eines will ich zu diesem Kapitel hinzufügen. Es kommt mir vor, daß zeither in der Ehe die Männer weiblicher und die Weiber männlicher geworden. Das alte Respektverhältniß zwischen Mann und Frau hat sich sehr gemildert, die Männer haben viel mehr Nachsicht gegen den Willen ihrer Frauen bekommen, und die Frauen mehr Entschlossenheit und Willenskraft. Ein Gleiches hat sich ja im Verhültniß zwischen Eltern und Kindern herausgebildet. Gewiß war die Liebe der Eltern zu ihren Kindern in älteren Zeiten nicht minder stark wie jetzt; aber ihre Zärtlichkeit, ihre Schwäche gegen die Kinder hat sichtlich zugenommen, geht nicht selten über das richtige Maß hinaus und vermindert bei den Kindern den Respekt vor den Eltern. Es führt dies in der Erziehung recht fühlbare Nachtheile mit sich. Jndeß darf man eingestehen, daß in den jüdischen Familien die Liebe der Kinder zu ihren Eltern nicht abgenommen und sie, wenn es nöthig, zur edelsten OpferwilUgkeit bereit macht. Man braucht sich nur umzusehen, um hierfür die Beweise recht häufig zu finden. Eine rechte Wohlthat, nach meiner Meinung, ist den jüdischen Cultusbeamten in Preußen, und gewiß auch in anderen Ländern, durch die Aufhebung des Eides more judnico geschehen. Allerdings kam ihnen dadurch ein Ausfall an Nebeneinkünften. Jndeß diese waren doch nicht sehr groß durch jenen Eid, denn die Gerichte verlangten Abstand von den Gebühren in Armensachen, und wo ein Vergleich zu Stande gebracht werden sollte, war der Verzicht der Cultusbeamten auf ihre desfallsigen Gebühren nicht selten ein Motiv. Dagegen ist die Ersparniß an Zeit eine nicht unbedeutende, namentlich in Verkehrsstädten. Die Gerichte konnten mit dem besten Willen Anfang und Ende eines Termins im Voraus nicht bestimmen, und so mußte man oft stundenlang müßig warten, und der Vormittag war selbst drängender Arbeit verloren. Hierzu kamen nun alle die Unannehmlichkeiten, die mit dieser Funktion verbunden waren. Nach dem A. Pr. Landrecht mußte nämlich jeder Beeidigung eines Juden, galt es einen Partei-, einen Manifestations-, oder einen Zeugeueid, eine vorgeschriebene Verwarnung von ziemlichem Umfang seitens des jüdischen Funktionärs vorausgehen, Gebetmantel und Gebetschnüre vom Eidesleistenden angelegt und bei Parteieiden in der Synagoge eine Thorarolle in den Arm genommen werden. Gewiß war dies eine demüthigende Ceremonie, da sie ein unsägliches Mißtrauen in die Wahrhaf-,