Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1888)
- Date
- 1888-03-29
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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203 von den Organen der Eisenbahn- und Dampfschiff-Gesellschaften mit Beschlag belegt werden, respektive Osterbrod-Sendungen in den Aufgabsstationen zur Weiterbeförderung gar nicht angenommen werden mögen, habe ich in konsequenter Durchführung des in meinem an den hauptstädtischen Magistrat 8ud Zahl 4720 ax 1887 gerichteten Erlasse ausgesprochenen Princips, demgemäß die Präparirung der Osterbrode keinen Gegenstand des freien Gewerbes bildet, sondern zum autonomen Wirkungskreise der jüdischen Gemeinden gehört, den königlich ungarischen Kommunikations-Minister angesucht, er möge zum Zwecke der wirksamen Beschützung der Interessen der Pester israelitischen Religionsgemeinde im eigenen Wirkungskreise die geeigneten Anordnungen treffen gegen Diese« nigen, die zum Schaden der genannten Gemeinde aus der Provinz oder vom Auslande her Osterbrode nach der Hauptstadt zu verfrachten beabsichtigen. In Folge dieses Ansuchens hat mir der königlich ungarische Kommunikations-Minister mittelst Zuschrift vom 16. Feber l. I. Zahl 5926 mitgetheilt: er habe alle nach Budapest einmündenden Kommunikations- Anstalten unter gleicher Zahl aufgefordert, dieselben mögen allen ihren Aufnahmsstationen die Annahme von Osterbrod- Sendungen untersagen, ihren Budapester Abgangsstationen aber die Weisung ertheilen, daß sie die etwa dennoch anlangenden Osterbrod-Sendungen zu saisiren und hiervon dem Vorstande geeignete Mittheilung zu machen haben. — Wovon ich die israelitische Landeskanzlei behufs Weiterverständigung der Pester israelitischen Religionsgemeinde hiemit in Kenntniß setze. Budapest, 27. Feber 1888. Für den Minister: Matlekovits m. p. Frankreich.. Paris, 21. Mürz. Aus Constantine kommen Berichte und Beschwerden, daß acht Tage hindurch eingeborene Zuaven allabendlich durch die Straßen lärmen, die ihnen begegnenden Israeliten mißhandeln, an von Israeliten bewohnten Häusern die Fenster einschlagen und mit sich nehmen, was sie erreichen können — ohne daß die Militär- und Civilbehörden diesem Nnfuge ein Ende machen. Man hat deshalb den Bürgermeister und den Platzcommandanten interpellirt, und wird bei der Staatsregierung Beschwerde erheben. — An die Deputirtenkammer ist eine Petition mehrerer in Algerien geborener Israeliten, die gegenwärtig in Alexandrien wohnen, gelangt. Diese Israeliten sind vor dem Decret vom 24. October 1870 geboren, welches die eingeborenen Israeliten Algeriens naturalisirte. Die egyptische Regierung verweigert deshalb, sie nicht bloß als französische Bürger, sondern als Franzosen überhaupt anzuerkennen. Die Petitionseommission der Kammer hat die Beschwerde als berechtigt anerkannt und dem Ministerium des Auswärtigen zur Berücksichtigung überwiesen. Großbritannien. London, 12. März. Seit dem Jahre 1859 besteht in London unter dem Namen Jewish Board of Guardians eine Gesellschaft, welche in so wirksamer Weise für arme Juden eintritt, daß dieselben fast niemals der öffentlichen Armenunterstützung zur Last fallen. Aus dem von der Gesellschaft veröffentlichten Bericht für das Jahr 1867 geht nun hervor, daß die vielfach erhobenen Klagen über massenhafte Einwanderung unterstützungsbedürftiger Juden in London stark übertrieben sind: die eingewanderten Fremden, über deren Konkurrenz von Engländern geklagt worden ist, sind entweder überhaupt gar nicht Juden oder wenigstens nicht unterstützungsbedürftige Juden gewesen. Nach den Judenverfolgungen in Rußland im Jahre 1882 kamen viele Juden nach England, allein es ist dem Board gelungen, namentlich mit Hülfe von 30 jüdischen Gesellschaften auf dem Kontinente, die weitere Einwanderung mittelloser Juden aus dem Osten zu beschränken, da dieselben die Konkurrenz in England nicht aushalten können. Für die Rückkehr einer großen Anzahl derselben wurden sämmtliche Kosten bestritten. Nach der Berechnung des Board sind in den letzten 5 Jahren 12,384 Personen in London angekommen und 8429 wieder abgereist, so daß der durchschnittliche Zuwachs jährlich höchstens 791 Personen beträgt. Die Hauptmasse der Einwanderer, welche sich in London während der letzten 10 Jahre niederließen, bilden Deutsche, unter denen sich verhältuißmäßig wenige Arme jüdischer Herkunft befinden. In den verschiedenen Gewerben machen die Fremden nicht mehr als 5—9 Proc. aus, nur unter den Schneidern und Zuckerbäckern überwiegt die Zahl der Ausländer diejenige der Eingeborenen, aber nur wenige Juden sind Zuckerbäcker, während sie unter den Schneidern, Cigarrenarbeitern und Schuhmachern zahlreich vertreten sind. Mit Recht bemerkt die „Times", daß nach den von dem Jewish Board veröffentlichten Ziffern die Behauptung, daß die Einwanderer eine erdrückende Konkurrenz ausüben, auf Phantasie beruhen muß. Nicht die Zahl, sondern der Fleiß und die Mäßigkeit macht die Juden für manche ihrer Nachbarn gefährlich. London, 14. März. Im Unterhause wurde der Antrag auf Ernennung einer Kommission genehmigt, welche eine Untersuchung wegen Einwanderung mittelloser Personen (paupers) veranstalten soll. Rumänien. Frankfurt a. M., 19. März. (Privatmitth.) Wer von der raffinirten Grausamkeit der Rumänen gegen ihre jüdischen Mitbürger Kenntniß nimmt, dem drängt sich die Frage auf: Wer trägt die Hauptschuld? Die Rumänen oder die Juden selbst? Zur Beantwortung dieser Frage dient es denn doch, einen Blick auf die Beschaffenheit der höheren rumäni- 13*