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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-29 · Heft 13 (29.3.1888) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 13 (29.3.1888)
Date
1888-03-29
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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202 (er abgesondert werden: das Alles ging nicht ohne die schärfsten Ausfälle gegen das Judenthum vor sich. Ein Gemeinderath brachte die Sache heute in der kommunalen Mittelschuldeputation zur Sprache und fragte an, was der Bürgermeister in diesem Falle Zu thun gedenke und ob er es dulden wolle, könne und dürfe, daß ein städtischer Lehrer sich so benehme. Der Gemeinderath, welcher diese Interpellation einbrachte, hob ausdrücklich hervor, daß er sich an die Mittelschul-Deputation wendete und nicht an die Stadtvertretung, weil er Letzterer „den Skandal einer antisemitischen Debatte" ersparen wolle. Wien, 13. März. Gemeinderath Dr. Stern hat in der heutigen Sitzung der Mittelschul-Deputation eine Interpellation gestellt, welche dem Bürgermeister übermittelt werden wird und sich auf eine Rede Fiegl's bezieht, welche dieser in einer am 24. Febr. l. I. im Sophiensaale stattgehabteu Versammlung des „deutsch-nationalen", reeto Antisemiten-Vereines, gehalten hat. In dieser Rede hatte der Kommunal- Mittelschul-Professor Fiegl in den heftigsten Worten die Forderung ausgestellt, Kindern jüdischer Eltern den Zutritt zu den öffentliehen Schulen zu versagen. Hierauf bezugnehmend, interpellirte nun Gemeinderath Dr. Stern in folgender Weise: „Erscheint es einerseits als ein schwer lösbarer Widerspruch, daß Professor Fiegl es mir derartigen, seit Jahren öffentlich ausgesprochenen Gesinnungen und Ueberzeugungen vereinbarlich findet, ein Lehramt an einer Mittelschule, welche auch von jüdischen Schülern besucht wird, zu bekleiden (am Mariahilfer Communal-Gymnasium befanden sich im Schuljahre 188b 86 124, im Schuljahre 18ü6j87 115 israelitische Schüler), so kann es andererseits keinem begründeten Zweifel unterliegen, daß ein solcher Mann eine erziehende Thätigkeit, eine gedeihliche, charakterveredelnde Einwirkung auf die seiner Leitung anvertraute Jugend nicht üben kann; nicht auf die jüdische, deren Feind und Hasser er ist, auf deren Hinausweisung aus der Schule sein Bestreben gerichtet ist; aber auch nicht auf die christliche, deren junge, empfängliche Gernüther er mit Haß gegen ihre Mitschüler erfüllt. Ich erlaube mir sonach, an den Herrn Bürgermeister als Obmann der Mittelschul-Deputation die Frage zu richten: Hat derselbe Kenntniß von den dargestellten Vorgängen, beziehungsweise von der obenerwähnten Rede des Herrn Professors Fiegl'? Hält der Herr Bürgermeister ein derartiges Benehmen eines communalen Mittelschul-Professors vereinbar mit dem Vertrauen, welches sein Beruf erfordert? Wenn nicht, was gedenkt der Herr Bürgermeister zu thun?" Der Vorsitzende, Bürgermeister-Stellvertreter Dr. Prix, erklärte nach Verlesung dieses Schriftstückes, die Interpellation dem Bürgermeister zur weiteren Verfügung überantworten zu wollen. — Gemeinderath Dr. Stern nahm hierauf das Wort und betonte, er habe diese Interpellation nicht im Plenum des Gemeinderathes, sondern in der Mittelschul-Deputation eingebracht, um der Stadtvertretung den Scandal einer antisemitischen Debatte zu ersparen. Er habe zur Einbringung der Interpellation den heutigen Tag gewählt, den vierzigjährigen Gedenktag der März-Revolution, und er frage die Mitglieder, welche Zeugen der damaligen Ereignisse waren, ob man es in den Märztagen 1848 für möglich gehalten hätte, daß vierzig Jahre später in Wien solche Aeußerungen confessioneller Unduldsamkeit fallen könnten. Wien, 17. März. Im Abgeordnetenhause wurde der Bericht des Immunitäts-Ausschusses vertheilt, welcher die Zustimmung zur strafrechtlichen Verfolgung des Abg. v. Schönerer wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit ertheilt. Im Bericht wird bemerkt, daß die Zustimmung zur strafrechtli hen Verfolgung nicht auch die Zustimmung zur Verhaftung in sich schließe. Die Angelegenheit gelangt Dienstag im Plenum zur Verhandlung. — Am Schlüsse der Sitzung beantragte Präsident Smolka, über die Auslieferung Schönerer's am Dienstag in geheimer Sitzung zu verhandeln, lieber diesen formellen Antrag wollten die Antisemiten sprechen, weshalb der Präsident die Sitzung für geheim erklärte und die Räumung der Gallerten verfügte. In der geheimen Sitzung beantragten die Antisemiten Pattai und Lueger (Schönerer's Freunde) unter excefsiven Angriffen auf die Presse, daß über die Auslieferung Schönerer's öffentlich verhandelt werde. Bei der Abstlmmung, welcher Skandalseenen seitens der Antisemiten vorangegangen waren, wurde beschlossen, die Verhandlung am Dwnstag öffentlich zu führen. Für die Oeffentlichkell stimmten die Linke und einige Czechen. Pest, 0. März. (Privatmitth.) Der Ansschuß des Ungar. Israelitischen Landes - Stipendiumsvereins hat die für das Schuljahr 1887(86 ausgeschriebenen Stipendien in seiner unter Vorsitz des Vereinspräsidenten Herrn Dr. Heinrich Pollak gestern abgehaltenen Sitzung im Betrage von 3250 Gulden verliehen und zwar erhielten: 14 Medieiner und 8 Juristen je 100 Gulden, 2 Techniker je 100, und 2 je 50 Gulden, 2 Hörer der Landes-Rabbinerschule je 100 und 3 je 50 Gulden und 2 Hörer der Philosophie je 100 Gulden. Im Ganzen concurrirten 147 Petenten. — In Angelegenheit der jüdischen Osterbrode hat das königlich ungarische Handelsministerium an die isr. Landeskanzlei folgenden Erlaß gerichtet: Der königlich ungarische Minister für Ackerbau, Gewerbe und Handel. Zahl 10051. An die israelitische Landeskanzlei in Budapest. In Betreff des von der Pester israelitischen Religionsgemeinde gestellten, von der isr. Landeskanzlei mittelst Unterbreitung ddo. 8. Jänner l. I. Zahl 12026 unterstützten und vom königlich ungarischen Minister für Kultus und Unterricht mir zur kompetenten Erledigung zugewiesenen Gesuches, in welchem die Bitte gestellt wird, daß die in der Hauptstadt anlangenden Osterbrode

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