Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1888)
- Date
- 1888-03-29
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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1^7 mache keine Sprünge, auch um ein nur bescheidenes Maß von Wissen sich anzueignen, dazu gehöre Zeit, und besser wenig und gut, ein Wissen, über das man in jedem Augenblicke verfügen könne, als ein buntes Durcheinander, das selbst täusche und Anderen Sand in die Augen streue. Eine Elementarbildung, wie sie eine gute Volksschule mitzutheilen vermag, sei empfehlenswerth für diese Zwecke. Als drittes komme hinzu, daß man an die Spitze solcher Institute nur Männer und Frauen als Leiter oder Leiterinnen stelle, die eine Practische Erfahrung mitbringen, denen das richtige Verständniß für eine so verantwortungsvolle Aufgabe aufgegangen sei und bei denen nicht allein das Wissen, sondern vielmehr das Können als bestimmend gelten muß; wer dieses Verwaltungstalent noch nicht besitze und einer solchen Aufgabe sich unterzogen hat, der scheue sich nicht, noch zu lernen, man könne christliche Institute zum Muster nehmen, die schon viel Segensreiches auf diesem Gebiete geschaffen, weil sie naturgemäß Vorgehen. — Redner schloß seinen, auch von den Damen mit Beifall aufgenommenen Vortrag mit dem Wunsche, daß bei den wohlthätigen Spenden, die in so reichem Maße zufließen, man auch dieses sein Ziel ins Auge fasse, damit eine Anstalt, wie sie ihm schon lange als Ideal vorschwebe, möglichst bald ins Leben gerufen werde, zum Heile der Waisen, zum Heile des Judenthums. Er müsse sich selbst zwar zugestehen, daß zur Verwirklichung der Idee große Mittel erforderlich sind, und daß selbst nach Beschaffung derselben Hindernisse aus dem Wege zu räumen und große Schwierigkeiten zu bekämpfen seien. An männlichen wie weiblichen Lehrkräften für den theoretischen Unterricht sei wohl kein Mangel, aber woher geeignete Lehrerinnen für den rein praktischen Theil des in Aussicht genommenen Lehrplans nehmen? Wenn er auch nicht hoffen könne, daß durch diese seine Ausführungen auch nur einzelne vom wissenschaftlichen Studium sich abwenden (ich bemerkte bei diesen Worten zwei Knaben, die auf ihre Quintaner- oder Quartaner-Würde nicht wenig stolz, in ostensiver Weise, die eben meine Aufmerksamkeit auf sie lenkte, sich gegen ein solches Ansinnen mit heftiger Geberde zur Wehr setzten, — auch einzelne Dämchen, die in nicht zu verkennender Weise verächtlich die Achseln zuckten, vielleicht, weil ihnen ihr schöner Traum zerrissen wurde), so zweifle er doch nicht, daß seine Anregungen nicht ganz auf unfruchtbaren Boden gefallen seien, daß sie vielmehr nach einer heute noch nicht zu bestimmenden Zeit dereinst schöne Früchte zeitigen werden, und man wird uns nicht länger, ob mit Recht oder Unrecht, bleibe dahingestellt, den bittern Vorwurf machen, daß wir uns vordrängen, daß wir unbescheiden und arbeitsscheu sind. Redner, ein weit über Berliner Kreise hinaus bekannter Rechtsgelehrter und scharfsinniger Bertheidiger, verbindet mit diesen glänzenden Gaben einen wohlthätigen Sinn, der sich durch Gründung des „Erziehungshauses" in Pankow bei Berlin in schöner Weise bekundete. Dieses Institut, anfänglich für ca. 40 jüdisch-russische Knaben, die Herr Redner s. Z. in eigener Person der Verwahrlosung entriß, indem er sie einzeln aus Rußland auslas, bestimmt, ist heute auch den Waisen-Kindern Berlins offen und von der Gemeinde übernommen worden. Einsender hat selbst in der allerersten Zeit und noch unter den primitivsten Zuständen, — anstatt des heutigen mustergiltigen Erziehungshauses, gab es damals nur einen Boden als Unterrichtsraum — die „Söhne der Wildniß" unterwiesen, und weiß das verdienstoolle Werk des Menschenfreundes zu würdigen. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 18. März. Der Rabbiner-Berband in Deutschland versandte folgendes Rundschreiben: Berlin, März 1888. Sehr geehrter Herr College! Der Rabbiner-Verband in Deutschland hat in seiner zu Breslau 1887 abgehaltenen Versammlung den Beschluß gefaßt, den wissenschaftlichen Inhalt des Talmud durch deutsche Bearbeitungen solchen Kreisen zugänglich zu machen, welche durch Unkunde oder durch böswillige Entstellung eine seltsame und bedenkliche Meinung von diesem für das Judenthum so wichtigen Werke haben. Die zu diesem Zwecke zu unternehmende Bearbeitung bez. Uebersetzung des Talmud soll aber nicht bloß Andersgläubigen, sondern auch einem Theile unserer gebildeten Glaubensgenossen eine richtigere Vorstellung von demselben beibringen. Die von der Versammlung dazu gewählte Commission hat mit den Vorarbeiten insofern bereits begonnen, als sie den Arbeitsplan hierzu entworfen hat. Indem wir Ihnen denselben in der Anlage überreichen, fragen wir Sie ergebenst an, ob Sie geneigt wären, einen Theil Ihrer Zeit und Kraft diesem unserem Unternehmen zu widmen. Wir bitten Sie, Ihre Entschließung dem mitunterzeichneten College» vr. Ungerleider, N. Oranienburgerslr. 57, bekannt geben und zngleich mittheilen zu wollen, welchen bez. welche Tractate Sie nach dem genannten Schema bearbeiten wollen. Mit collegialem Gruße Der geschäftsführende Vorstand des R. - B. in Deutschland. Ivel. Ungerleider. Bamberger. Maybaum. Schema. A. 1. Aggada: a) exegetische, b) homiletische, c) allegorische, d) dialogische oder polemische (Zwiegespräche des Lehrers mit Schülern, oder mit Nichtjuden), e) Generalia.