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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-29 · Heft 13 (29.3.1888) · p. Seite 196

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 13 (29.3.1888)
Date
1888-03-29
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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196 noch jeder Hörerin, aufsteigen mußten, mit großen; Beifall ausgenommen wurde, weil er etwas ganz Neues, Ursprüngliches brachte und zu ernsten Erwägungen Anlaß bot. Redner, der einer einfachen, klaren und durchsichtigen Sprache sich bediente, schickte als Einleitung voraus, daß bisher stets die Vergangenheit des Judenthums den Stoff für die Vorträge, welche von diesem Platze aus gehalten worden sind, hergegeben habe', daß er aber nach einem nur kurzen Rückblick in dieselbe, soweit sie zu seinem Thema gehöre, in die Gegenwart eintreten wolle. Die Frage, die er im Auge habe, betreffe das practische Judenthum, sei nicht der Theorie, sondern der Praxis gewidmet. Es ist eine Erziehungsfrage von großer Bedeutung, die der Herr Redner behandelte. Die werkthätige Liebe unter den Juden sei ein hervorstechender Charakterzug derselben, aber ob die großen Summen, die zu wohlthätigen Zwecken hergegeben werden, immer in nutzbringender und heilsamer Weise verwandt würden, das sei eine noch nicht entschiedene Frage. Redner wandte sich nun zu seinem eigentlichen Thema: „Zur Erziehung der Mädchen in den jüdischen Waisenhäusern" und entwarf ein ganz neues Programm, das durch die mit logischer Schärfe und juridischer Klarheit entwickelten Ideen, die zum größten Theil sehr! viel Berechtigung haben, überraschte und zur Prüfung der! vorhandenen Zustände aufforderte. Bei den Knaben will der! Redner eine viel größere Anzahl der arbeitenden Klasse überwiesen wissen, tüchtige Handwerker und nicht lauter Studirende sollen herangebildet werden. N Es hätte einmal vor Jahrtausenden ein Judenthum gegeben, das den gesellschaftlichen Unterschied nur wenig oder gar nicht kannte, wo es neben den Dienenden keine Herrschenden und Befehlenden gegeben habe und umgekehrt. Mit der Zeit hätten sich Klassenunterschiede gerade in gesellschaftlicher Beziehung herausgestellt, der Ueberschuß an Wissen und eine damit verbundene höhere Stellung hätte nothwendigermaßen die ehemalige Gleichheit zerstört und durchgreifende Unterschiede geschaffen. Das ist ein Mangel, der den Juden heute noch anhaftet, daß sie nicht recht geneigt sind, dienen zu wollen, als ob dienen eine Schande wäre. Man mag sich noch soviel Umsehen, nur mit knapper Noth wird man unter den jüdischen Mädchen brauchbare und willige Dienstmädchen, Köchinnen, Krankenwärterinnen und dergl. mehr finden, sie wollen alle herrschen und vergessen, daß wer einst befehlen will, selber gehorchen gelernt haben muß; sie wollen keine untergeordneten Stellungen einnehmen, als ob man nicht auch in dienender Stellung durch Pünktlichkeit, Arbeitsfreudigkeit und Treue sich ein Ansehen erwerben könne, namentlich bei dem stark i) Unsere Leser wissen, daß wir bei jeden; Bericht über Waisenhäuser die Forderung stellen, die Knaben mehr zum Handwerk zu erziehen, und das; deshalb die Handarbeit besonders gelehrt werden müsse. Redaktion. ausgeprägten Familiensinn unseres Stammes, der die braven dienstthuenden Personen als Familienglieder ansieht und den Unterschied von Dienstthuenden und Dienstgebenden oft verwischt, natürlich dürfen sich in solchem Falle die Mädchen nicht scheuen, überall Hand anzulegen, Arbeit schändet nicht, sondern ziert, namentlich die spätere Hausfrau — und das will erlernt sein. Weil sich unsre Mädchen ihr Ziel zu hoch stellen, gäbe es so viele verfehlte oder unglückliche Existenzen. Wie werden unsere Waisenmädchen ausgebildet? Sie müssen „klimpern" können, mit französischen und englischen Brocken herumwerfen, aber auf gutes Kochen, Braten, Scheuern, Waschen, Nähen und Plätten und dergleichen echt wirthschaftliche Beschäftigungen, die eine Zierde jeder Hausfrau sind, wird nicht genug oder überhaupt nicht Bedacht genommen, und das ist ein großer Fehler, der abgesteüt werden muß. Redner wundert sich mit Recht, woher der jüdische Handwerker seine Frau bekomme?!^), da doch jedes Mädchen mindestens einen Doctor zum Manne haben will. Es sollen in den Waisenhäusern nicht Lehrerinnen, Gouvernanten, Erzieherinnen allein ausgebildet werden, sondern Frauen für Handwerker und kleinere Kaufleute, denen schon früh der Sinn für Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit, Bedürfnißlosigkeit, Sparsamkeit und Eingeschränktheit, mit einem Worte, ein echt weiblicher, wirthschaftlicher Sinn gebildet werden muß; das wird den Frieden in der Seele Herstellen und glückliche Ehen schließen helfen. Dazu muß aber noch eine angemessene körperliche Ausbildung kommen. Daß die Juden aus der Knechtschaft hervorgegangen sind, das sehe man ihnen äußerlich noch zu sehr an; es verleugnet sich auch heute noch nicht, daß sie viele Jahrhunderte lang ihren Rücken krümmten und das Lebensmark bei der harten Arbeit einbüßten. DieWaisenkinder sollen hinaus ins Freie aufs Land, wo sie gesunde Luft umsonst haben, und wenn überdies noch für einfache, aber gesunde, nahrhafte und reichliche Kost gesorgt würde, so würde man mit der Zeit ein stärkeres, gesunderes, zufriedeneres Geschlecht heranwachsen sehen, bedürfnißloser in seinen Ansprüchen, bescheidener in seinen Wünschen. Selbstverständlich dürfe dabei auch die geistige Ausbildung nicht übersehen werden, aber um ein Bedeutendes beschnitten, auf das bescheidene Maß des Erforderlichen zurückgeführt, auch wiederum im Interesse der Bescheidenheit, damit die Kluft von Wollen und Können überbrückt werde. Auch die Natur ') Der Redner hat Recht. Allein noch nöthiger als das Erlernen von Kochen, Braten rc. — was ein erwachsenes Mädchen schnell erlernt — ist die Anspruchslosigkeit. Wir haben z. B. einen ausgezeichneten jüdischen Tischler total zu Grunde gehen sehen an — den seidenen Kleidern seiner Frau. In dieser Beziehung müßten die Waisenkinder auf die Beschränktheit ihrer Mittel, die Knaben, daß sie nur durch ihre Arbeit bestehen können, die Mädchen, daß sie auf Luxus kein '«'echt haben, mehr aufmerksam gemacht werden, als es geschieht. Falsche Humanität ist hier schlecht angebracht. Die Kinder müssen das Bewußtsein ihrer Lage haben. Redaktion.

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