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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-29 · Heft 13 (29.3.1888) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 13 (29.3.1888)
Date
1888-03-29
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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195 wie auch Ps. 94, 12 aussagt: „Glücklich der Mensch, den Gott züchtigt (oder mahnt) und aus seiner Lehre belehrt," also Derjenige, welcher die ihm zustoßenden Leiden mit dem Blick auf Gott, mit der Ueberzeugung, daß es ihm zum Besten gereiche, erträgt, und keiner Versuchung, sich durch Unrecht zu helfen, anheim fällt. Noch einen Schritt weiter geht Ps. 32, 1. 2: „Glücklich ist, wem Missethat vergeben, Sünde verziehen ist, dem der Ewige Schuld nicht rechnet, weil Trug nicht ist in seinem Geiste". Der Mensch also, welcher nicht aus Verstocktheit des Herzens, aus Lasterhaftigkeit gesündigt hat und der durch aufrichtige Reue und Umkehr der Vergebung Gottes gewiß geworden, fühlt sich so von seiner Schuldhaftigkeit befreit, von der Last seines Gewissens erlöst, daß seine Seele des Glückes voll ist. In diesem Sinne wird Spruch 28, 14 der glücklich genannt, „der stets sich scheut" (inso), d. h. der, im Bewußtsein der menschlichen Schwäche, stets vorsichtig Wort und That auf ihren sittlichen Werth prüft, um nicht in Sünde zu verfallen. Außerdem nennt der Psalmist 41, 2 den beglückt, „der für den Armen sorgt" und 128, 2 „der von seiner Hände Arbeit lebt". — Sehen wir nun, wie sich die Sache im Neuen Testamente verhält. Es ist hier insonders die sog. „Bergpredigt" Matth. 5, 3 ff. und die „Feldpredigt" Lukas 6, 20 ff. in Betracht zu ziehen. Daß hier ficcKagioL nichts Anderes wie nämlich beglückt, des wahren Glückes theilhaftig bezeichnet, nicht etwa Seligkeit im Jenseits, geht daraus hervor, daß unter den Versprechungen, welche als Lohn verheißen werden, es V. 5 heißt: „Glücklich die Sanftmüthigen, denn sie werden das Land besitzen". Bei Matthäus nun werden als glücklich, oder wie es in den deutschen Uebersetzungen heißt, „selig" genannt: die Armen im Geiste?) die Trauernden, die Sanftmüthigen, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, die Barmherzigen, die reines Herzens sind, die Friedfertigen, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen.* 2) Allerdings lauten die Worte Jesu bei Lukas ganz anders. Hier sind nur die „Armen", dann „die ihr jetzt hungert, die ihr jetzt weinet", und dann: „Wehe Euch Reichen, Euch Gesättigten, Euch, die Ihr jetzt lachet" benannt. Jndeß wir wollen in den Streit über die Authenticität der ersten oder der zweiten Lesart nicht eingehen. Auch nicht berücksichtigen, daß später die hier ausgesprochene Tendenz 0 Was unter ol nxw^oi r<5 itvevixan „Bettler am Geiste" zu verstehen sei, mögen die christlichen Theologen ausmachen; wir meinen, daß die Einsättigen (im besseren Sinne des Wortes) gemeint sind, denen die Jmelligenz und damit das unruhige Streben nach Erkenntniß fehlt. 2) Der ersten und der letzten Kategorie wird als Lohn verheißen: „Denn ihrer ist rj ßaotXela xwv ovpavojv. Was mit diesem „Königthum der Himmel" zu verstehen sei, ist ebenfalls Sache der christlichen Theologie. Wir haben einen ähnlichen Ausdruck rro^D, der aber nicht von Menschen, sondern von der Allmacht Gottes gebraucht wird, von der Regierung der Welt durch Gott. vom Christenthume verlassen worden, vielmehr „die Rechtfertigung durch den Glauben" als das wesentliche Postulat aufgestellt worden, wie es schon im Evang. des Johannes 6, 40 heißt: „Wer den Sohn sieht und an ihn glaubet, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage", und B. 47: „Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch: wer an mich glaubet, der hat das ewige Leben". Halten wir uns vielmehr an die Aussprüche bei Matthäus. — So zerstreut die ■nuis in der Schrift, selbst in den Psalmen sind, so erweist sich in ihnen dennoch durchaus ein einheitlicher Geist, eine bestimmte Richtung. Als das wesentliche Erforderniß für das wahrhafte Glück des Menschen, für das Gefühl dieses Glückes wird die engste Annäherung der Seele an Gott aufgestellt, wie sie sich in dem unerschütterlichen Gottvertrauen, in Gottesfurcht, in der treuesten Anhänglichkeit an die Gotteslehre, in der Hebung des göttlichen Gesetzes, in der Weisheit, in der gewissenhaftesten Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, in der Erlangung der Sündenvergebung, insbesondere auch in der Fürsorge für den Bedürftigen und in der redlichen Arbeit verwirklicht und ausgestaltet. Stellen wir dies mit den Aussprüchen des neuen Testaments mit den daselbst hervorgehobenen „Armen im Geiste", Trauernden, Sanftmüthigen, Barmherzigen, nach Gerechtigkeit Dürstenden, die reines Herzens sind und den Friedfertigen" vergleichsweise zusammen, so ergiebt sich, daß in unsrer heiligen Schrift die Tendenz thatsächlicher Energie, in den Sentenzen des neuen Testamentes aber die Tendenz sentimentaler Passivität vorherrscht. In jenen waltet ein tief religiöser Geist, der das Denken und Thun des Menschen durchaus in die engste Beziehung zu Gott bringen will und diese Beziehung zum alleinigen Quell wahrhaftigen Glückes macht. Hierfür findet sich in den angeführten Aussprüchen der Bergpredigt kein Ausdruck, sondern die angeführten Tugenden stehen allein für sich da. Weitere Schlüsse hieraus zu ziehen, überlassen wir dem denkenden Leser. Wir wollten nur unparteiisch charakterisiren. _ Berlin, 12. März 1888. Arber die Erziehung jüdischer Waisenmädchen. Ein Vorschlag. Den Cyclus der „Montags-Vorlesungen" Unter den Linien 4a zum Besten des Unterstützungs-Fonds der an der hiesigen „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums" Studirenden, beschloß ein gestern vom Herrn Justizrath Mackower gehaltener Vortrag, welcher lange vorher schon durch das geheimnißvolle und einen weiten Begriff umfassende Wort „ein Vorschlag" sich angekündigt hatte, und dir trotz mannigfacher Bedenken, die einem jeden Hörer, mehr 12*

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