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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-22 · Heft 12 (22.3.1888) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 12 (22.3.1888)
Date
1888-03-22
Page
Seite 189 (sequence 13)
Language
German
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189 ganisation desfallsiger Vereine und leider auch die Bezahlung gemietheter Personen an vielen Orten nothwendig geworden. — Sie lächeln, denn ich sei ja bereits mitten in der praktischen Welt, und brauche nur dem Strome zu folgen, auf welchem eben mein kleines Fahrzeug sich bewegt. Es sei. — Was in kleinen und mittleren Gemeinden, abgesehen von den Angelegenheiten, tvelche das Ganze betreffen, interessirt, sind die Verlobungen. Sic kennen sich ja Alle, ihre Geschichte und ihre Verhältnisse. Sobald ein Mädchen oder ein junger Mann in guten Verhältnissen erwächst, wird wiederholt die Frage erörtert, wen sie oder er heirathen werde? Mit der Hochzeit erlischt das Interesse. Unbemittelten Mädchen überläßt man diese Sorge selbst, ist dann aber um so mehr überrascht, wenn es einem solchen gelingt, eine irach ihren Verhältnissen „gute Partie" zu machen. Ich war einst Vormund eines jungen, schönen und fleißigen Mädchens, der Tochter einer Wittwe, welche ihren Unterhalt durch die Arbeit ihrer Hände erwarb. Ich konnte zu ihrer Versorgung nichts thun, denn mir stand für sie höchstens eine Unterstützung aus einer Vereinskasse zu ihrer Ausstattung zu Gebote. Sie geivann die Neigung eines jungen Mannes, die sich jedoch nicht bewährte; nach einiger Zeit verließ er sie. Doch ivurde seine Stelle bald wieder ersetzt, diesmal von einem bescheidenen, ruhigen und fleißigen Menschen. Die Mutter ließ mich eines Abends rufen, um »ach altjüdischem Ritus einen Verlobuugspakt anzufertigen. Es ging Alles ganz glatt ab. Als ich das Schriftstück und die Ceremonie beendet hatte, fiel mir das Mädchen um den Hals und küßte mich, während die hellen Freudenthräne» aus ihren Augen stoffen. „Nun," sagte ich, „ich gewahre, daß dir dich recht glücklich fühlst, der Segen Gottes wird nicht ausbleibeu, wenn ihr durch Liebe und Eintracht ihn zu verdienen trachtet." Es gab eine recht glückliche Ehe, denn der fleißige und sparsame Mann konnte auch die kleine Familie, die sich nach und nach einstellte, in bescheidener Weise ernähren. Kaum eine Woche später wurde ich zu einer anderen Verlobung eingeladen. Es galt kein Schriftstück, keine Ceremonie, sondern nur ein Fest. Es war auch die Tochter einer Wittwe, aber reich und geldprotzig. Trotz der Fülle an Speise und Trank, trotz der luxuriösen Umgebung ging Alles steif und frostig zu. Die Verhältnisse der beiden Verlobten paßten zu einander, aber die Charaktere nicht. Schon ein Jahr nach der Verheirathung hatte ich die größte Mühe, den Aufwand aller meiner Autorität und Ueberredungsgabe nöthig, um die beiden Gatten zusammenzuhallen, da selbst die Wiege ihres Kindes ihnen kein Einverständiß gebracht. War es doch bis zu Thätlichkeiten gerathen. Sie gingen lauge Zeit kalt und schweigsam nebeneinander, bis die Jahre die Leidenschaftlichkeit beschwichtigt und die Gewöhnung sie aneinander gefesselt hatte. Ja, cs kam zwischen ihnen zu aufrichtiger Liebe, die ihnen ein glückliches Alter versprach. Ueberhaupt erfuhr auch ich in meiner langen Amtsführung, daß die jüdischen Ehen in der Regel glückliche sind, so weit man dies von menschliche» Dingen sagen darf. Die Art, wie diese Ehen geschlossen werden, ist merkwürdiger Weise ohne wesentlichen Einfluß. Wegen der Zersplitterung der Juden in ihren Wohnsitzen muß die Mehrzahl der jüdischen Ehen durch Vermittelung, sei es von Freunden und Bekannten, sei es von dafür belohnten Subjecten, geschlossen werden. Aber ob sich die jungen Leute durch die Liebe unmittelbar gefunden, oder ob sie auf dem Wege der Vermittelung zusammengekommeu, in der Regel sind die Ehen friedlich und die Eheleute einander treu und anhänglich. In dreißig Jahren hatte ich eine einzige Ehescheidung, und diese war von Anfang an motivirt, der Mann und die Frau hatten einen Span zu viel, wie man sagt. Doch will ich damit nicht leugnen, daß ich nicht allzu selten bei ehelichen Zwisten dazwischen treten mußte, um eine Trennung zu verhindern und die Gemüther einander sich wieder zu nähern. Zn diesem Zwecke darf der Seelsorger sich nicht auf große Reden und Salbadereien einlasse», sondern muß klüglich die Individuen und die Streitpunkte in Betracht ziehen, >vo er die Hebel fände, um anzusetzen. Dies kann auf gar verschiedene Weise geschehen; Verstand und Herz, Vortheil und Gemüth müssen in Anspruch genommen werde». Nur eines heiteren Falles will ich gedenken. Ein Ehepaar aus geringerer Klasse hatte seine silberne Hochzeit gefeiert und eine pomphafte Danksagung für die ihm gewordene Theilnahme in die Zeitung einrücken lassen. Einige Tage später kamen sie zu mir, weil sie sich scheiden lasse» wollten. Ich machte ihnen ein böses Gesicht und wurde grob. Was? Erst feiert Ihr eine silberne Hochzeit und bedankt Euch in der Zeitung, und habt große Kinder, vor denen Ihr Euch schämen müsset — macht, daß Ihr nach Hause kommt und vertragt Euch! ... Sie gingen kleinlaut fort und kamen nicht wieder. (Fortsetzung folgt.) Fürstin Natalie GortschakoMwaroff. Wir haben in Nr. l> im ersten Leitartikel über die Schrift der genannten Fürstin „ckuitd et Chvetiens“, die in Paris bei dem Buchhändler Ghio erschienen ist, ausführlich gesprochen. Sie bildet eine Erscheinung, die, abgesehen von dem speziellen Inhalt, durch ihre eigenthümliche Stellung, die sie den Voruriheilen und der Feindseligkeit, welche noch immer auf den Juden lasten, gegenüber, zu den Akten unsrer Zeit gehört. Es ist daher vom Herrn I)r. Adolf Blnmenthal sehr wohl gethan, daß er die in Deutschland nur wenig verbreitete Broschüre ins Deutsche übersetzte: „Fürstin Natalie

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