Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1888)
- Date
- 1888-03-22
- Page
- Seite 190 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227730--45183-3264681- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
190 Gortschakoff. Juden und Christen. Autorisirtc Uebersctzuug mit einleitendem Borwort oon vr. Adolf Blumenthal. (Mit dem Bilvuiß der Verfasserin.) Mainz, Wirth, 1888." Er hat aber noch mehr gethan. Er richtete aus Berlin vom 20. Januar an die Fürstin ein Schreiben, welches in Form und Inhalt ganz ausgezeichnet genannt werden kann. In demselben bespricht er auch die Jrrthümer der Fürstin hinsichtlich des von ihr betonten Verlangens nach Rückkehr nach Palästina, des Mcssiasglaubens und der Stellung der Juden zu den getauften Stammesgenossen, Jrrthümer, die wir auch in unserem Leitartikel widerlegten. Er erhielt eine Antwort, und dieser Briefwechsel befindet sich am Eingang der Ucbersetzung. Herr Blumenthal giebt uns aber auch einige Nachrichten über das Leben der Fürstin. Sie stammt aus einem der erlauchtesten russischen Adelsgeschlechter. Sie ist die zweite Tochter des Generalgouverneurs von Sibirien, Fürsten Peter! Gortschakoff, eine Nichte des Fürsten Gortschakoff, des Kanz j lers des russischen Reiches. In ihrer Jugend war sie Ehrendaine der verstorbenen russische» Kaiserin. Ihr Gemahl, der! Oberst Alexander Uwaroff, war ein naher Verwandter des berühmte» Ministers der Bolksaufklärung. Frühzeitig Wittwe, zog sic sich zurück und widmete sich der Erziehung ihrer zwei Töchter und der Pflege ihrer Güter. Sie machte viele Reisen durch Europa, sammelte reiche Erfahrungen und bildete ihren begabten Geist durch eifrige Studien aus. Sv ist sie auch eine; große Freundin der hebräischen Sprache und machte diese sich so weit zu eigen, daß sie die Bücher unsrer heil. Schrift in der Ursprache zu lesen vermag. Wir sind nicht berechtigt, das treffliche Schreiben des vr. Blumenthal hier iviederzugebe», gestatten uns jedoch die Antwort der Fürstin zu eitiren, welche sowohl in, französischen Original, als in der deutschen! Ucbersetzung des Ur. Blumenthal in der Broschüre mitgetheilt ist. Sie lautet: Florenz, 2l). Januar 1888. Geehrter Herr! Ich vermag nicht den Gefühlen, ivelche Ihre so schmeichelhaften Worte der Anerkennung in mir wachgerufen haben, einen Ausdruck zu verleihen. Wenn die wenigen Zeilen meiner Schrift den Erfolg haben, daß die feindlichen Vorurtheile gegen den jüdischen Stamm schwinden, so werde ich! in diesem Erfolge meinen Lohn erblicken, und wenn die Christen die Wahrheit begreifen und die mit dem Geiste der christlichen Liebe wenig übereinstimmenden Empfindungen aus ihrem Herzen bannen, dann wird mein Ziel erreicht sein. Tenn man macht nur allzu oft die Religion für die Fehler und Verbrechen aller derer verantwortlich, die zu dieser Religion sich zwar bekennen, ihr aber im Leben nimmer dienen. Ich füge hinzu, daß die französisch geschriebenen Seiten durchaus nicht auf Deutschland zielen sollten, das ich nur wenig kenne. Sie haben die auf die getauften Juden bezügliche Stelle niißdeutet. Ich meine, daß die christliche Sittenlehre hoch über allen anderen steht, leider aber erfüllt die Sittlichkeit der Christen nicht die erhabenen Vorschriften unseres Gesetzes, und diese Gegensätze haben einen Zustand geschaffen, wo die Unsittlichkeit mehr als bei Ihnen geduldet wird. Ich habe von vielen Christen schmeichelhafte Kundgebungen der Zustimmung und des Beifalls zu meiner Schrift erhalten. Man hat eingesehen, daß meine Angriffe gegen einen Zustand sich wenden, der zwar geduldet wird, aber trotzdem tadelnswerth ist. Eine literarische französische Gesellschaft hat mir den Titel eines Ehrenmitgliedes angetragen und mich gebeten, Beitrüge für ihre Zeitschrift zu liefern. Sie sehen hieraus, weit entfernt mir zu grollen, haben die Christen mir vielmehr ihren Beifall kund gegeben. Was die letzten Zeilen aubelangt, so wollen Sie diese als eine rhetorische Figur betrachten, welche nur dazu dienen sollte, die Christen aus ihrer sittlichen Erschlaffung ein wenig aufzurütteln. Empfangen Sie die Versicherung meiner ausgezeichneten Gefühle! Natalie Gortschakoff-Uwarvff, Was in diesem Schreiben besonders iuteressirt, ist, daß die Schrift der Fürstin doch Beifall auch in christlichen Kreisen gesunden. vermischtes. „In Berlin vor hundert Jahren, März 1788." Unter dieser Ueberschrift bringt die „Voss. Ztg." eine Sammlung von Notizen aus jener Zeit. Gegen den Schluß heißt es: Auch im März wiederholen sich die Bekanntmachungen der Behörden, laut denen aus Rücksicht auf das Osterfest der Israeliten die Märkte verlegt werden. Betreffs des Frühjahrsmarktes zu Pritzerbe besagt die Verfügung ausdrücklich, daß die Verlegung „zum Besten der Judenschaft" erfolge. Den Israeliten Berlins wird zur Nachachtung das Beispiel empfohlen, das einer ihrer Glaubensgenossen tu Wusterhausen gegeben hat. Bekanntlich bestand früher bei den Juden die Sitte oder vielmehr die Unsitte, ihre Tobten möglichst schnell zu beerdigen, so daß im Falle des Scheintodes die Gefahr des lebendig Begrabenwerdens nicht ausgeschlossen war. Gegen diese Unsitte hatte sich nun Hofrath Marcus Herz, der Gatte der durch Geist und Schönheit ausgezeichneten Henriette Herz, in einer Schrift gewendet, die in den orthodoxen Kreisen des Judenthums Unwillen erregte, aber doch auch, wie der Fall in Wusterhausen lehrt, bei den freier Denkenden Beherzigung fand. Die „Boss. Ztg." be-