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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-22 · Heft 12 (22.3.1888) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 12 (22.3.1888)
Date
1888-03-22
Page
Seite 188 (sequence 12)
Language
German
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188 Bonn, 18. März. (Notizen.) Man schreibt aus Hamburg vom 11. März: Heute Morgen verschied der Oberrabbiner Stern nach kurzer schwerer Krankheit. — Aus New-Iork vom 22. Februar berichtet man: Dieser Tage ist der Ex-Richter und frühere Coroner Gersou N. Herrman gestorben. Er war im Jahre 1829 in Bayern geboren und kam, da seine Elter» früh starben, als Waisenknabe nach New-Iork. Durch eisernen Fleiß und strenge Rechtlichkeit gelang es ihm, bald ein eigenes Geschäft zu gründen. Beim Ausbruch des Krieges wurde Herrman Quartiermeister des 11. Milizregiments. Nach Beendigung des Krieges betheiligte er sich lebhaft au der Politik und wurde im Jahre 1868 von Tammany Hall zum Supervisor gewählt. Als durch den Tweed-Charter das Supervisoren-Collegium abgeschafft wurde, erwählten die Bürger Herrn Herrman zum Coroner; im Jahre 1879 wurde er wiederum für das Amt gewählt und im Jahre 1883 von Mayor Edson als Polizeirichter zur Besetzung einer Bacanz ernannt. In Folge eines politischen Schachers, den die Parteiführer eingegangen waren» wurde er nach Ablauf seines Amtstermins nicht wieder ernannt. Herr Herrman bekleidete hervorragende Stellungen bei verschiedenen israelitischen Wohlthätigkeits-Gesellschaften. Er war Groß-Präsident des Ordens „Bnai Berith", Präsident der Gemeinde „Ansche Chesed" und ein thätiges Mitglied verschiedener anderer Wohlthätigkeits-Gesellschaften. — Ieuilleton. Äus -er prans. Von L. S. Sie wollen Etwas aus der praktischen Amtsführung erfahren. Sie sind, wie Sie sagen, des ewigen Theoretisirens einmal wieder müde und wollen Einblick in die Wirklichkeit, in das praktische Leben gewinnen. Mein Gott, das sind ja nur kleine Ereignisse, die lediglich für den engen Kreis Bedeutung haben, den sie betreffen, Stürme im Glase Wasser, Ereignisse, von denen dieses oder jenes durch eine künstlerische, dichterische Ausgestaltung zu einer kleinen Novelle verarbeitet werden könnte, sonst aber sehr einfach und nüchtern erscheint. Sie erwidern: das kommt auf den Beobachter an, der aus einer unbedeutenden Hülse einen nahrhaften Kern, sei er süß oder bitter, zu schälen versteht. Wirke» doch dieselben Gesetze im Kleinen und Großen für den, welcher ein Auge für sie hat. Ich halte mich, meinen Sie, an den Ausspruch Jean Pauls: „Die größten Heldenthaten werden zwischen den vier Pfählen vollbracht." — Dies gebe ich zu. Auch ich erkenne an, daß der Heldenmuth, welcher den Soldaten im Kampfe auf den Feind losstürzen oder im Kugelregen aushalten läßt, nicht so groß ist, wie ihn selbst schwache Geschöpfe durch Jahre lange Entsagungen und Entbehrungen bewähren, Opfer des Herzens, die Niemand sieht, und an denen oft ein Menschenherz verblutet. Ich habe eine junge blühende Frau gekannt, welche aus Zwang der Verhältnisse um ihrer Eltern willen einem greisen Manne sich vermählte, und da er bald darauf erkrankte, Jahre lang Tag und Nacht an seinem Lager saß und den mürrischen Alten in treuer Hingebung pflegte, weil sie dies als ihre vor Gott gelobte Pflicht ansah; als er gestorben, wurde sie von seinen Verwandten unbillig behandelt, sie aber bereute nicht, ihre Pflicht erfüllt zu haben. Ich kannte eine arme Wittwe, welche, um ihrem einzige» Sohne, der frühzeitig große geistige Begabung gezeigt, den Weg zur wissenschaftlichen Laufbahn zu ermöglichen, sich Tag für Tag der größten Entbehrung unterzog, viele Jahre hindurch, denn der Weg in der Wissenschaft, bis sie auskömmliches Brod abwirst, ist allzu lang. Vor Allem steht mir ein Mann vor der Erinnerung, der in der Gemeinde ein Menschenalter hindurch die unermüdlichste Kranken- und Armenpflege übte. Er genoß eine kleine Rente, die ihm sein früherer Brodherr wegen treuer Dienste auszahlte, und benutzte nun seine Muße zu unaufhörlicher Uebung guter Werke, bescheiden, einfach in seinem frommen Sinn, ohne Kenntnisse, aber von unendlich liebevollem Herzen. Unermüdlich saß er Tag wie Nacht am Krankenbette des Reichen wie des Armen, zu jeder Dienstleistung bereit, bis der letzte Seufzer ausgehaucht war. Er nahm von Niemandem Etwas an, und brachte bei Nachtwachen selbst sein Kännchen Kaffee mit, das er sich wärmen ließ. Ich traf ihn einst im Hospital am Bette eines polnischen Bettlers, der eine häßliche Krankheit hatte. Unser Freund aber verließ ihn nicht, hob und bettete ihn, wofür er nur Scheltworte von dem bösartigen Alten erhielt, und war allein bei ihm, als er verschied. Das hatte aber Monate hindurch gedauert. Originell war er in seiner Armenpflege. Er bemaß das Bedürfniß im gegebenen Falle, vertheilte dann die Beiträge berechnend nach dem Bedarf und der Bereitwilligkeit der Geber, und sagte nun jedem derselben den Beitrag auf den Kopf zu, vier Groschen oder einen Thaler, den er von ihm erheische. Niemand verweigerte ihm dies und Jeder entließ ihn lächelnd und mit warmem Händedruck. Solche Originale, solche Verkörperungen der „Gemiluth Cheszed" sind jetzt in unsren Gemeinden ausgestorben, und es ist deshalb eine genaue Or-

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