Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1888)
- Date
- 1888-03-22
- Page
- Seite 187 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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187 Trotz des eigenthümlichen Verfahrens der Wiener Polizei bei diesem Vorgang, der ganz besonders christliche Redacteure traf, muß man erwarten, daß weitere Schritte zur Bestrafung dieser antisemitischen Bande, welche ruhige, bei ihrer Arbeit befindliche Bürger in niederträchtigster Weise überfällt, geschehen werden. Wien, 11. März. Die Redactionen der meisten Wiener Blätter haben in Zuschriften an ihre College» am „N. W. Tgbl." ihrem Unwillen über das Attentat des Abgeordneten »• Schönerer und seiner Anhänger Ausdruck gegeben. Auch Hofrath Weilen hat Namens der „Concordia" an die Redactio» des „N. W. Tgbl." ein Beileidschreiben gerichtet, worin er die Hoffnung ausspricht, daß das ftaatsgefährliche Treiben der Antisemiten nunmehr seinen endgiltigen Abschluß finden werde. Diese Hoffnung wird überall um so mehr getheilt, als die strafgerichtliche Untersuchung gegen Schönerer und Genossen schon eiugeleitet ist. Der Stenograph Gerstgrasser, der sich beim Ueberfall hervorthat, ist schon verhaftet und dem Landgericht überwiesen worden. An Schönerer konnte, >vcil er Abgeordneter ist, das Gericht noch nicht Hand anlegen; man erwartet jedoch, daß schleunigst an das Abgeordnetenhaus das Gesuch ergeht, ihn dem Gerichte auszuliefcrn. Wien, 14. März. Der Immunitäts-Ausschuß des Abgeordnetenhauses beschloß mit 10 gegen 2 Stimmen seine Zustimmung zur Auslieferung des Abg. Schönerer wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit zu ertheile». Hierzu kommt nun noch der jüngste Ueberfall in der Redaciimi des N. W. Tageblattes! Duna-Szerdahrly, 11. März. Für morgen ist die Stichwahl zwischen A. Bartal und Ludwig Krauß de Megyer anberaumt. Nachdem aber Bartal, dessen Kandidatur aussichtslos toar, heute beim Wahlpräses seinen Rücktritt schriftlich angemeldet hat, wird Ludwig Krauß de Mcgyer durch Akklimation zum Adgeordueten gewählt — ein Jude Aachfolger des Antisemiten Szabv! Frankreich, Paris, 0. März. Wie jährlich, so versuchten auch dies- >nal die Radikalen, den ganzen Cultusctat zu Falle zu bringcn. Die Budgetcommission, die diesmal nur aus Radikalen besteht, trug bei der Kammer auf Streichung des ganzen Cultusetats an, weil dies der nächste Schritt zur Trennung von Staat und Kirche sei. Die Kammer stimmte diesem Anträge nicht zu und verwies diesen Etat in die Budgetcoinmissivn zurück. Die letztere wollte striken, indem sie erklärte — wozu sie staatsrechtlich gar kein Recht hat — daß!>c das Concordat nicht anerkenne. Zuletzt ergab sie sich, lluig aber auf eine recht bedeutende Minderung der Bischofsgehälter an, was die Kammer, wenn auch mit geringer Mehrheit, annahm. Wahrscheinlich wird der Senat diesen! Abstrich nicht genehmigen und die Deputirtenkammer darein j willigen. Man sieht, was diese Angelegenheit für ein Ende nehmen wird, lvenn die Radikalen die Mehrheit erreichen. Einstweilen hat die Kammer die Subsidien für die katholischen, protestantischen und israelitischen Seminare gestrichen. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß der Cultusetat, der jetzt schon namentlich für die Israeliten nur ein Stück Gnadenbrod ist, immer mehr verringert werden wird. Hierin liegt aber das beste Mittel, um dereinst über den ganzen Wegfall der Staatsunterstützungen hinwegzukommen, da schon jetzt die jüdischen Gemeinden den größten Theil ihrer Kosten aus eigenen Mitteln bestreiten müssen. Rußland. Charkow, im März. Der „Pos. Ztg." zufolge hat die Charkower Kaufmannschaft die Regierung um Aufhebung des Verbots gebeten, welches Juden den Geschäftsbetrieb auf den Charkower Jahrmärkten untersagt. — Ein Ausweisungsbefehl hat auch den Odessa er Rabbiner, Dr. Schwabacher, betroffen , trotz seiner viele Jahrzehnte währenden Amtsführung, weil er ein Deutscher. Man hofft, daß die Ordre noch zurückgenommen werde. Marokko. Tanger, im März. Wir hatten über einen Vorfall zu berichten, welcher zu einem Streite zwischen den Vereinigten Staaten und Marokko, betreffs eines Schutzbefohlenen der ersteren (Israelit), Veranlassung gab. Hierzu hat sich eilt neuer Gewaltakt der marokkanischen Behörden gesellt. Von Tanger wird berichtet, daß die maurischen Behörden das Haus eines Schutzbefohlenen des Konsultas der Vereinigten Staaten angegriffen haben. Der Schutzbefohlene entkam, aber einige Frauen und Kinder wurden gefangen genommen und ins Gefängniß gesteckt. Das Haus wurde konfiszirt. Der Generalkonsul der Vereinigten Staaten ist entrüstet. Die amerikanische Fregatte „Enterprise" wird in Bälde erwartet, um Reklamation zu fordern. Die Beamten des Sultans bleiben einstweilen hartnäckig. Bei solchen Illustrationen werden die europäischen Mächte die Absicht wohl aufgeben, -ihren Schutzrechten zu entsagen. Wir haben bereits gemcl- I det, daß die desfallsige Conferenz in Madrid nicht zusammen-! treten werde. Von jüdischer Seite sind deshalb rnehrfache Anstrengungen gemacht worden. Eine Deputation der Alliance hatte deshalb eine Audienz bei dem französischen Minister des Auswärtigen Herrn Flourens, der sie wohlwollend empfing. Die Allianz von Wien hat ein Memoire an den österreichischen Minister des Auswärtigen gerichtet. Lord Salisbury, der englische Premierminister, nahm desfallsige Bitten der Anglo-Jewisli Association in freundlichster Weise entgegen. 12*