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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-22 · Heft 12 (22.3.1888) · p. Seite 186

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 12 (22.3.1888)
Date
1888-03-22
Page
Seite 186 (sequence 10)
Language
German
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186 Schlesien vorgekommen, wie wir berichtet haben. So verstehen diese Leute „das Praktische Christenthum"! Redakt.) Die Folge davon war, daß die obengenannten beiden Herren Professoren ihr Amt als fachwissenschaftlicher Vorstand niederlegten. In einem seitens des Herrn Geheimrath König an die hies. „Freie Presse" gerichteten Schreiben über diese Angelegenheit heißt es: „Die Erklärung, welche ich gemeinsam mit Herrn Professor Ebstein abgegeben habe, nachdem uns bekannt geworden war, daß ein geachteter Doeent jüdischer Konfession von der Genossenschaft zurückgewiesen wurde auf Grund einer die Juden ausschließenden Bestimmung, ging dahin, daß wir es ablehnen, freiwillig uns in der Folge bei einer Genossenschaft zu betheiligen, welche, indem sie an den allgemeinen Patriotismus appellirt, eine ganze Kategorie von Staatsbürgern, weil sie Juden sind, als Mitglieder ansschließt. Wir glauben uns als Direktoren eines Staatsinstituts nicht berechtigt, ohne von Se. Exeellenz dem Herrn Minister dazu aufgefordert zu sein, mit bem fraglichen Privatverein „antisemitische Ziele" zu verfolgen". O esterr ei ch-Uiig arn. Wien, 9. März. So lästig es auch sein mag, so müssen wir doch den Wiener Antisemitismus auf seinem Wege der Verrohung und der Gesetzlosigkeit begleiten, in der Gewißheit, daß er sich dadurch allen besseren Kreisen des Volkes nach oben und unten widerwärtig machen und so sein Ende erreichen müsse. Der Hauptführer desselben, der Abgeordnete v. Schönerer, auch eine Zierde des Reichsrathes! gegen den bereits eine Untersuchung wegen Widerstandes gegen die Obrigkeit, begangen durch einen Exceß bei einem Studentenexeeß, eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet ist, hat abermals einen Act empörender Rohheit ausgeführt, über welchen die Wiener Blätter folgendermaßen berichten. Wir bemerken zuvor, daß in Wien ebenso wie in Berlin schon am Abend vor dem Abscheiden des verewigten Kaisers Wilhelm das Gerücht seines Todes verbreitet war, und dies hatte, wie auch andere Blätter, das „N. W. Tageblatt" gebracht, es aber später durch ein Extrablatt berichtigt. Es heißt nun: „Heute gegen 1 Uhr Nachts drangen 28 Personen unter Führung des Abgeordneten Schönerer in die Nedaction des „N. W. Tageblatts", wo sie offenbar nur einen oder zwei Nachtredacteure anzutreffen gehofft haben mögen. Die bewegten Ereignisse des gestrigen Abends hatten jedoch eine größere Anzahl von Nedacteuren beisammen gehalten, deren vier in dein ersten Zimmer an der Arbeit waren, die überrascht aufschanten, als die Invasion erfolgte. Zuerst glaubten sie, es mit Leuten 311 thun zu haben, welche, wie so viele Andere an diesem Abend, bezüglich des deutschen Kaisers Erkundigungen einziehen wollten, als der Ruf erscholl: „Thüren besetzen! Niemanden hinanslassen!" Der dies rief, war der Abgeordnete Schönerer, der jetzt sich breitspurig in Pose warf, um eine „Rede" zu halten. Er begann: „Hier seht ihr sie nun an der Arbeit, die Schandblattjuden!" Er sprach sodann mit erhobener Stimme weiter: „Die freche Judenpreffe hat uns schon Vieles angethan; aber daß sie den Tod unseres erlauchten Kaisers nicht erwarten kann, das dulden wir nicht. Wenn ein toller Hund uns angreist, schlagen wir ihn nieder. Ihr habt uns in unseren heiligsten Gefühlen verletzt. Nun ist der Tag der Rache gekommen. Aber heute ist nur der Anfang, das Rachewerk wird fortgesetzt werden." Den Stock in der mit einem eisernen Schlagring ausgerüsteten Rechten schwingend, rief er: „Schlagt sie nieder! Juden auf die Knie!" Dreimal wiederholte er diese Aufforderung, selbstverständlich ohne einen anderen Effect, als das Lachen der Apostrophicten. Nun erhob sich aber auch einer der Redacteure, Herr Adolf Schmal, und gab seiner Verwunderung über dieses Auftreten Ausdruck. „Was wollen Sie hier? Wir sind hier zu Hause, wie konnten Sie es wagen, hier einzudringen?! Ich bin preußischer Officier!" Da unterbrach ihn Einer: „Zeigen Sie Ihr Patent!" — „Das Hab' ich nicht nöthig .. In diesem Momente fiel der erste Schlag, während ein Anderer dem Redacteur Karl Winter einen Zttndstein mitten ins Gesicht schlug, das sofort von Blut überströmt war. Die Angegriffenen bedienten sich aller ihnen zu Gebote stehenden Waffen zur Abwehr. Es wurden auch Stöcke geschwungen, unb alsbald sah man die Gesichter mehrerer Angreifer von Blut überströmt. In der nächsten Sekunde waren die Beiden, die da geschlagen hatten, gefaßt, und faßt in demselben Moment trafen auch schon die Falzer und Stereotypeure ein, welche mit mächtigen Armen eingriffen. Der Führer der Eindringlinge, der als Erster das Hasenpanier ergreifen wollte, erhielt einige Hiebe und wurde mit großem Schwünge die Treppe hinabgeworfen, von seinen Genossen bis ans Einen gefolgt. Dieser Eine, welcher den ersten Schlag geführt hatte, war festgehalten worden, während die Anderen im Hofraume eingeschlossen gehalten wurden. Der Festgehaltene lvar der 29jährige Eduard Gerstgraffer, Stenograph bei I)r. Klinger in der Margarethenstraße. Ein Sicherheitswachmanu brachte ihn zur Rettungsgesellschaft, welche ihm drei Rißquetschwunden am Kopfe verband, und dann ans die Wach" stabe. Die Uebrigen wurden von einem Wachmanne, soweit sie ihm nicht davongelaufen waren, zur Polizeidirection gebracht, wo es der diensthabende Herr Commissar nicht einmal für nöthig hielt, sie um ihre Namen zu befragen. Das höchst ungebührliche Benehmen des Führers auf dem Commissariate selbst bedauerte der Commissar allerdings, doch entschuldigte er es mit den Worten: „Was sollen wir mit einem Betrunkenen anfangen?" Und so konnte Schönerer mit dem Reste seines Heerbannes frei von dannen gehen."

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