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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-03-22 · Heft 12 (22.3.1888) · p. Seite 185

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 12 (22.3.1888)
Date
1888-03-22
Page
Seite 185 (sequence 9)
Language
German
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185 Brrlin, 8. März. In der Sitzung des deutschen Reichstages vom 7. März wurde über den Antrag Lieber-Hitze, betreffend die Sonntagsruhe, zum dritten Male berathen. Dies Mal nahm Stöcker, der in den früheren Berathungen über diesen Gegenstand geschwiegen hatte, das Wort, und somit konnten die Juden nicht fehlen. Er meinte, daß „die Juden die Sonntagsarbeit wollen, weil sie am Sabbath feiern, und so sollen die Christen für sie arbeiten und ihren Sonntag nicht halten können. Die jüdischen Schächter wollen sogar aus rituellen Gründen am Sonntag nicht feiern dürfen." Was die letztere Behauptung betrifft, so ist sie durchaus insofern unwahr, als die Fleischer am Sonntag nicht schlachten und deshalb das Vieh, welches für die Juden bestimmt ist, am Samstag Abend nach Ausgang des Sabbaths geschlachtet wird. Hinsichtlich der ersten Behauptung fließt auch sie wieder aus feindseliger Gesinnung. Die Juden beschäftigen christliche Arbeitnehmer gerade so viel und so wenig, wie die christlichen Arbeitgeber, und es ist ihnen deshalb kein besonderer Vorwurf daraus zu machen. Ihm antwortet der Abgeordnete Bebel, Sozialdemokrat. Er sagte: „Herr Stöcker hat angeführt, daß die Israeliten am Sonnabend feiern und dafür ihre christlichen Arbeiter zwingen, am Sonntag zu arbeiten. Ein solches Verlangen halte auch ich für ungerechtfertigt und meine, daß sie am Sonntag bloß jüdische Arbeiter sollen beschäftigen dürfen, die am Sonnabend nicht gearbeitet haben. Auf der anderen Seite hat mir das Beispiel der Juden imponirt. Man wirft ihnen Gier nach Gelderwerb vor und doch halten sehr viele ihren Sabbath mit größter Strenge, obgleich sie gerade am Sonnabend, an dem die Arbeiter ihren Lohn ausgezahlt bekommen, das Meiste verkaufen könnten. Was die Juden aus freiem Willen Ihun, läßt sich durch Gesetz für Alle erreichen." Herr Bebel beweist durch seinen ersten Satz, daß er vom praktischen Leben nur geringe Kenntniß hat oder nehmen will, wie dies der Grundzug des ganzen Sozialismus ist. Die Arbeiter, die man beschäftigt, nach der Consession zu trennen und bald diese, bald jene zu verwenden, ist eine Forderung, die garnicht durchzuführen ist. Die Juden richten sich überall nach dem Gesetze des Staates, und so lange dies nicht bestimmt gesprochen hat, müssen sie sich nach den obwaltenden Umständen richten. Berlin, 14. März. (Privatmitth.) Die Ansprache und der Erlaß des Kaisers Friedrich haben eine außerordentliche Wirkung auf die gesammte Bevölkerung gemacht. Sie gleichen einem starken und doch milden und warmen Luftzug, der durch die schwere und dumpfe Atmosphäre ging, welche einerseits die Vorgänge der letzten Zeit, andererseits die aufrichtige Trauer um den Heimgegangenen Kaiser gebildet hatten. Es ist ja nicht zu verkennen, daß gewisse Sätze des Erlasses direct gegen den Antisemitismus gerichtet sind, und die Hoffnungen derer Niederschlagen, die eine neue Auflage des Judengesetzes von 1847 und vielleicht noch weiter zurück planten und in Aussicht genommen haben. Die Motivirung, daß ja ohne irgend einen Unterschied alle Deutschen in der Zeit der Gefahr mit Blut und Gut zum Batertande standen, läßt darüber gewiß keinen Zweifel. Es ist naturgemäß, daß um so inniger das Gebet zur Vorsehung emporsteigt, sie möge das Leben des neuen Kaisers auf lange Zeiten hin verlängern und ihm durch völlige Genesung Kraft und Frische verleihen, seinen herrlichen Worten die Verwirklichung folgen zu lassen! Stimmen sie doch mit allen früheren Aeußerungen des jetzigen Kaisers überein, namentlich mit seiner letzten Ansprache in der Freimaurerloge, welche er ermahnte, die Grundsätze der Humanität nicht blos in ihren Statuten zu haben, sondern auch zu bethätigen, und in seinen Worten an den Rector Lauer aber den Humanismus Lessings, zu welchem wir zurückkehren müßten. Wie dem aber auch sei und was das göttliche Geschick über uns verfügt habe, dieser Erlaß wird als ein großer Regierungsact bestehen bleiben und jede folgende Regierung wird sich nicht im Sprunge davon entfernen können; wie er auf das Bewußtsein des deutschen Volkes läuternd wirken und die höheren Ideen, die man in ihm zu unterdrücken versuchte, wieder beleben muß, kann nicht ausbleiben. Gewiß, jenes Widerspiel der ideellen Mächte, das seit einem Jahrhundert in der civilisirten Welt so häufig zu Tage tritt, der Widerstreit der humanen und der reactionären Gedanken hat sich hier wieder einmal plötzlich offenbart, nachdem die letzteren wieder zur Herrschaft zu kommen schienen, sind sie, wenigstens zeitweise, wieder zurückgeschlagen. Möge man auch aus diesem Beispiel lernen, sich nicht allzuleicht dem Pessimismus zu ergeben. Göttingen, 13. März. Wie sehr die Proclamation des Kaisers Friedrich Roth that, und wie es noch mehr Noth thut, daß der im Erlaß ausgesprochene Grundsatz verwirklicht werde, zeigt ein Vorgang in Göttingen. Die „Genossenschaft freiwilliger Krankenpflege im Kriege" hatte sich wie an vielen Orten in Deutschland auch hier konstituirt und zu verschiedenen Malen öffentlich zur Bethciligung aufgefordert. Die Theilnahme seitens der nicht waffenfähigen studentischen Jugend soll eine ziemlich rege gewesen sein. Die Ausbildung geschah durch die Direktoren der hiesigen Universitätsklinik, die Herren Geheimen Medicinalrath vr. König und Prof. Ebstein. In voriger Woche nun hat sich ein seit mehreren Jahren hier ansässiger, sehr geachteter Privatdocent der Mathematik, vr. Schönfließ, zur Aufnahme gemeldet, und der Verein, der sich ein vaterländischer nennt, der die Ausübung von Werken der Barmherzigkeit, der Nächstenliebe und vor allem des Patriotismus auf seine Fahne geschrieben hat, dieser Verein lehnte die Aufnahme des genannten Herrn Docenten ab, weil derselbe Jude ist. (Ist auch schon in 12

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